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Panorama Antisemitismus-Eklat: Meron Mendel für Rettung der documenta
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18:03 27.06.2022
Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank.
Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank. Quelle: Wolfgang Kumm/dpa/Archivbild
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Frankfurt/Kassel

Auch in der zweiten Woche der documenta fifteen wird die Weltkunstausstellung in Kassel weiter von der Antisemitismus-Debatte überschattet. Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, hat allerdings davor gewarnt, die gesamte Schau unter Generalverdacht zu stellen. "Jetzt 1500 Künstlerinnen und Künstler als Antisemiten darzustellen, das ist grob falsch", sagte er der "Frankfurter Rundschau" ("FR", Montag).

Ein als antisemitisch eingestuftes Kunstwerk des indonesischen Kollektivs Taring Padi war nach wenigen Tagen auf der documenta abgebaut worden. Mendel hatte als einer der ersten auf dessen judenfeindliche Bildsprache hingewiesen und die Entfernung des großflächigen Banners gefordert. Zuvor hatte es schon seit Monaten Antisemitismus-Vorwürfe gegen das kuratierende Kollektiv Ruangrupa aus Indonesien gegeben.

Nun werden laut documenta alle weiteren Werke mithilfe externer Experten, darunter auch Mendel, auf antisemitische Inhalte geprüft. Mendel sei gerne bereit, seine Expertise zu israelbezogenem Antisemitismus einzubringen und bei der Einordnung zu helfen, erklärte eine Sprecherin der Bildungsstätte Anne Frank am Montag. "Sein Engagement beschränkt sich dabei auf eine beratende Tätigkeit, er ist nicht Teil eines Gremiums mit Entscheidungsbefugnissen", hieß es weiter. Das Anliegen sei, mit den Künstlern und der documenta-Leitung in die Auseinandersetzung und den Dialog zu treten. Es gehe darum, Antisemitismuskritik zu vermitteln und eine Auseinandersetzung über die Grenze zwischen Kritik am Handeln des Staates Israel und israelbezogenem Antisemitismus fachlich zu begleiten.

Auch das gemeinsam mit der Trägergesellschaft documenta gGmbH organisierte Podium am Mittwoch solle einen Beitrag leisten für eine Auseinandersetzung mit Antisemitismus, speziell auch in Bezug auf den Staat Israel, in Kunst und Kultur – und auf der documenta fifteen. Im Mittelpunkt stünden dabei die Fragen: Wie konnte es zum aktuellen Antisemitismus-Vorfall kommen? Was braucht es jetzt, damit die polarisierte Situation nicht noch weiter eskaliert? Wie kann die – staatlich geförderte – Ausstellung antisemitischer Kunst künftig vermieden werden?

Hessens Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) sowie Vertreterinnen und Vertreter der jüdischen Gemeinden in Hessen wollen an diesem Dienstagabend zu einem Gespräch zusammentreffen. Der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden Hessen, Jacob Gutmark, erklärte dazu: "Wir sind uns einig, dass antisemitische Inhalte nicht gezeigt und nicht reproduziert werden dürfen und dass dieses Bild abgehängt werden musste." Wichtig sei, miteinander im Dialog zu bleiben darüber, aus welcher Weltsicht die Bilder entstanden seien und wie Antisemitismus wirksam bekämpft werden könne.

Aus Sicht von Dorn ist der bereits entstandene Schaden "nicht zu relativieren". Ziel des nun geplanten Dialogs müsse sein, Strukturen zu schaffen, "wie wir auch Kulturinstitutionen besser für Antisemitismus und seine Gefahren sensibilisieren können", so die Ministerin.

Mendel kritisierte derweil den Zeitpunkt der Begutachtung der Werke in der "FR" als "natürlich komplett falsch". Dieser Prozess wäre in der Zeit der Vorbereitung notwendig gewesen, was offensichtlich nicht passiert sei. Er betonte aber zugleich: "Da kann man sich bockig stellen, und sagen, jetzt müsst ihr halt alles schließen, oder, und das ist meine Haltung, konstruktiv sein und im Interesse von allen Beteiligten diese documenta noch retten."

Im schlimmsten Fall könnten Werke entfernt oder auch Künstlerinnen und Künstler ausgeladen werden, erläuterte Mendel - und unterstrich zugleich: "Wir wollen nicht den Zensor spielen, sondern versuchen, die verschiedenen Perspektiven in Betracht zu ziehen und mit den Künstlern zu sprechen. Und im besten Fall einvernehmlich eine Lösung finden." Eine Anfrage zum konkreten Ablauf und Stand der Prüfung beantwortete die documenta bis Montagnachmittag nicht.

Einen Abbruch der Schau hält Mendel nicht für sinnvoll, aber auch nicht für ausgeschlossen. "Das wäre vermutlich nicht im Interesse des Zentralrats der Juden, nicht im Interesse des Publikums, der Künstler. Aber wer weiß, was noch geschieht." Die Situation sei sehr toxisch und explosiv.

Bei Ruangrupa sieht Mendel nach eigenen Angaben "die Bereitschaft, dass sie ihre eigene Position reflektieren möchten". Das Kuratorenkollektiv hatte sich vergangene Woche für die antisemitischen Motive entschuldigt. Dennoch gebe es nach wie vor einen Dissens: "Für mich ist die Darstellung von Juden als Blutsauger, als Vampire oder als Träger von SS-Runen auf jedem Kontinent und in jedem Land dieser Erdkugel antisemitisch."

Wenn Ruangrupa der Meinung sei, in Jakarta könne man so ein Werk weiter zeigen, dann bestehe eine fundamentale Differenz, die ausgehandelt werden müsse. Die Generaldirektorin der documenta, Sabine Schormann, hatte zuvor erklärt, in Indonesien sei das Werk scheinbar ein unverfängliches Bild. "Auch wenn das für uns unverständlich erscheint, zumal Antisemitismus auch außerhalb Deutschlands wächst".

Ein Podium zum Thema "Antisemitismus in der Kunst", an dem auch Mendel teilnimmt, soll nun den Auftakt einer Reihe zur Aufarbeitung der Vorwürfe bilden. Zu dem Austausch an diesem Mittwoch lädt die Bildungsstätte Anne Frank gemeinsam mit der documenta gGmbH nach Kassel ein. Neben Mendel werden auch Hortensia Völckers, künstlerische Direktorin und Vorstandsmitglied der Kulturstiftung des Bundes, sowie Hessens Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) erwartet.

In der kommenden Woche werden die Antisemitismus-Vorwürfe gegen die Ausstellung dann auch den Deutschen Bundestag beschäftigen. Für den 7. Juli steht laut Sitzungsplan die Beratung eines Antrags der CDU/CSU-Fraktion mit dem Titel "Konsequente Antworten auf den Antisemitismusskandal bei der documenta geben" auf der Tagesordnung.

© dpa-infocom, dpa:220627-99-818721/4

dpa