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Panorama Frauen zum Suizid gedrängt? "Komplexer" Mordprozess beginnt
Mehr Hessen Panorama Frauen zum Suizid gedrängt? "Komplexer" Mordprozess beginnt
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16:42 06.10.2020
Ein Schild weißt das Landgericht Limburg aus. Quelle: Thomas Frey/dpa/POOL/dpa/Archiv
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Limburg

Ein vor dem Landgericht Limburg angeklagter Mann soll die schwierige Lebenslage mehrerer Frauen ausgenutzt und sie zum Suizid gedrängt haben. In dem am Dienstag begonnenen Prozess geht es um Mord, versuchten Mord sowie Verabredung zum Mord. Der 61-Jährige soll tagelang drei psychisch labile Frauen per Chat oder Telefon bearbeitet haben, damit sie sich selbst töten oder sie dies ihm überlassen. Motiv aus Sicht der Staatsanwaltschaft: Die Befriedigung seiner "sexuell motivierten Tötungsfantasien".

In zwei Fällen führten demnach die Manipulationsversuche des Angeklagten nicht zum Ziel. Eine Frau aber tötete sich im Jahr 2016 selbst. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Opfer wegen ihres psychischen Zustandes nicht in der Lage gewesen waren, sich aus eigener Kraft für einen solchen Schritt zu entscheiden.

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Es gehe um rechtlich "sehr komplexe" und auch seltene Vorwürfe, sagte ein Sprecher des Landgerichts. Der Angeklagte soll den Mord sowie versuchten Mord in sogenannter mittelbarer Täterschaft begangen haben. Das bedeutet: Ein Täter nutzt jemand anderen als "Werkzeug" für die Begehung der Tat, führt also die Handlung nicht selbst aus. Bezogen auf den 61-Jährigen bedeutet das, dass dieser die Frauen quasi "zum Tatwerkzeug gegen sich selbst" gemacht haben soll, wie der Gerichtssprecher erläuterte.

Die Vorwürfe muten ungeheuerlich an: Der aus dem Bezirk der Limburger Staatsanwaltschaft stammende Deutsche soll die späteren Opfer in Online-Selbsthilfeforen gezielt gesucht und angesprochen haben. Dann habe er die Frauen, die wegen verschiedener psychischer Erkrankungen in Behandlung waren, immer wieder auf das Thema Suizid angesprochen und "massiv" bedrängt.

Im Jahr 2012 nahm der Angeklagte laut Staatsanwaltschaft Kontakt zu einer Frau auf, die in Bayern zunächst noch in einer Psychiatrie war. Der Mann soll sich mit ihr verabredet haben mit dem Vorhaben, sie zu erhängen. Dazu kam es am Ende nicht. 2015 soll der Angeklagte einer Nürnbergerin einen Suizidwunsch eingeflüstert haben - sie brach den Versuch im letzten Moment ab.

Im Jahr 2016 tötete eine Frau aus Bremen sich selbst, die der Angeklagte zuvor tagelang per Chat oder Telefon dazu gedrängt haben soll. Er habe nicht von ihr abgelassen, obwohl sie ihm gesagt habe, dass sie dies gar nicht wolle und ihn zurückgewiesen habe, so der Vorwurf. Der 61-Jährige soll per Telefon dabei gewesen und noch Anweisungen gegeben haben. In diesem Fall hatten Bremer Ermittler laut der Limburger Staatsanwaltschaft zunächst nicht weiter gegen den Angeklagten ermittelt. Nach einer Beschwerde der Generalstaatsanwaltschaft seien dann Ermittlungen aufgenommen worden.

Die Anklage geht davon aus, dass der 61-Jährige bereits in jüngeren Jahren einen "sexuellen Sadismus" entwickelt hat, der sich um Erhängungsszenarien dreht. Zu diesem Schluss kam auch ein Gutachter in einem Prozess vor dem Landgericht Gießen, in dem es um einen ähnlichen Fall ging: Der Angeklagte hatte sich mit einer psychisch kranken Frau verabredet, um sie zu töten. Die Frau wurde im letzten Moment gerettet. Die Richter verurteilten den Mann 2017 zu sieben Jahren Haft. Der Bundesgerichtshof bestätigte die Entscheidung.

Ob der Prozess vor dem Landgericht Limburg wie geplant an diesem Donnerstag fortgesetzt wird, ist noch unklar. Zu Beginn der Verhandlung stellte die Verteidigung einen Antrag auf Aussetzung des Verfahrens. Sie kritisierte, dass ein psychiatrisches Gutachten erst spät in Auftrag gegeben worden sei und noch nicht vorliege. Das Gericht muss darüber noch beraten. Bereits angekündigt hat der Vorsitzende Richter, dass im Falle eines Urteils die Anordnung der Sicherungsverwahrung für den Angeklagten in Betracht kommen könne.

dpa