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Panorama Ist Hessen auf Wetterkatastrophen vorbereitet?
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07:44 21.07.2021
Ein Auto ist in einer überfluteten Unterführung stehen geblieben.
Ein Auto ist in einer überfluteten Unterführung stehen geblieben. Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa/Archivbild
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Wiesbaden

Mehr als 70 Millionen Euro hat die hessische Landesregierung in den vergangenen Jahren in die Ausstattung, Ausbildung und technische Modernisierung des Katastrophenschutzes im Land investiert. Mit dem Geld sei die Zahl der Landesfahrzeuge im Katastrophenschutz seit dem Jahr 2008 von 278 auf rund 600 ausgebaut worden, teilte das Innenministerium auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur in Wiesbaden mit. Neben der steigenden Gefahr von Waldbränden habe das Land bei den Investitionen auch auf die Bedrohung durch Starkregen- und Sturmereignissen reagiert und seine Einsatzmittel speziell für dieses Aufgabengebiet aufgestockt.

Den Katastrophenschutzeinheiten stünden dafür unter anderem neun Abrollbehälter "Starkregen" mit Pumpen und Wasserrückhaltesystemen, neun Abrollbehälter "Sandsack-Energie" mit Sandsackfüllmaschinen und fünf Abrollbehälter "Lösch-Wasser-Versorgung" mit Hochleistungspumpen im Land zur Verfügung. Dazu kommen den Angaben zufolge 26 Gerätewagen Logistik 1 "Hochwasserschutz" sowie drei Abrollbehälter "Hochwasser" mit 2000 Metern Quickdamm Hochwasserschutzsystem. Rund 1,5 Millionen Sandsäcke seien zudem im Katastrophenschutzzentrallager in Wetzlar vorrätig.

Neben den Einsatzmitteln bekämen die Katastrophenschutzeinheiten aber auch die notwendigen taktischen Vorgaben vom Land an die Hand, um Großschadenslagen bestmöglich bewältigen zu können, berichtete das Ministerium von Ressortchef Peter Beuth (CDU). Im hessischen Katastrophenschutzkonzept befänden sich seit dem Jahr 2010 zahlreiche Sonderschutzpläne, darunter Hochwasserschutzplanungen für die Flüsse Rhein, Main, Fulda, Werra, Weser, Diemel und Lahn.

Mit der Einführung der Sonderschutzpläne "Betreuung" seien im Jahr 2018 zudem wichtige Regelungen des Katastrophenschutzkonzeptes konkretisiert worden. Im Rahmen dieser Planung seien auch wesentliche Erfahrungen aus der Flüchtlingskrise umgesetzt worden. Wie wichtig es ist, für die Betreuung über einen ausreichenden Materialbestand zur Unterbringung von Personen zu verfügen, habe nach den Flüchtlingseinsätzen in den Jahren 2015 und 2016 nun auch die Unwetterkatastrophe in den an Hessen angrenzenden Bundesländern Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gezeigt.

Um landesweit in Hessen für solche Fälle gut aufgestellt zu sein, wurden nach Angaben des Ministeriums allen unteren Katastrophenschutzbehörden im Jahr 2018 "Basispakete Betreuung" angeboten. Dieses Paket bestehe aus jeweils 2000 Feldbetten und 2000 Wolldecken. Das Angebot des Landes sei mit großer Resonanz angenommen worden.

Grundsätzlich fördere das Land die Beschaffung von Sirenen zum Warnen der Bevölkerung in Katastrophenfällen. Um der veränderten Mediennutzung Rechnung zu tragen und gleichzeitig auch jüngere Menschen zu erreichen, habe das Land zudem die Sicherheits-App Hessenwarn entwickelt. Mit Stand Juni dieses Jahres hätten 288 400 Personen diese App auf ihren Smartphones installiert. Gemeinsam mit dem Warnsystem Katwarn würden so mehr als 785.000 Hessen erreicht.

Die Warnung der Bevölkerung selbst ist nach Angaben des Innenministeriums aber Aufgabe der Kommunen. Vor Ort werde entschieden, ob und in welcher Form es akustische Warnmittel gebe und wann sie zum Einsatz kommen.

Um sich gerade für Situationen mit sehr starkem Regen und Überflutungen zu wappnen, können sich die Städte und Gemeinden an die Experten des Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) wenden, teilte das Umweltministerium mit. Neben einer Beratung seien bei dem Landesamt Fließpfadkarten erhältlich. Diese zeigten die Wege, die das Wasser bei Starkregen durch die Kommune nehmen kann. Über 40 Kommunen im Land hätten bereits eine Fließpfadkarte beantragt.

Auch Starkregen-Risikoanalyse fertigen die HLNUG-Experten auf Anfrage an. Über das Land könne dafür eine Förderung beantragt werden, erklärte das Ministerium. Maßnahmen gegen Überflutungen könnten dann etwa die Entsiegelung von Flächen, Hochwasserrückhaltebecken oder Versickerungsmulden sein. Mit dem Programm "100 Wilde Bäche" unterstütze das Land auch gezielt Kommunen dabei, ihre Gewässer zu renaturieren. In den vergangenen zehn Jahren seien staatliche Mittel in Höhe von durchschnittlich 16 Millionen Euro pro Jahr in den Hochwasserschutz in Hessen geflossen.

"Wir können nirgends Entwarnung geben", mahnte jedoch Heike Hübener vom "Fachzentrum Klimawandel und Anpassung" beim Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie. Die Daten hätten gezeigt, dass es im Zusammenhang mit Extremwetter und Starkregen keine räumlichen Muster gebe. "Der Klimawandel findet statt. Wir müssen uns wappnen und vorbereiten." Es gebe jedoch Katastrophen, die so groß sind, dass auch die Vorkehrungen versagten.

© dpa-infocom, dpa:210721-99-458450/3

dpa