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Panorama Festspiele: Kunstfreiheit gegen Krieg und Rassismus
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16:02 04.04.2022
Richy Müller (l) steht bei seiner Vorstellung mit Joern Hinkel, Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, zusammen.
Richy Müller (l) steht bei seiner Vorstellung mit Joern Hinkel, Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, zusammen. Quelle: Uwe Zucchi/dpa
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Bad Hersfeld

Kunst und Kultur sind aus Sicht des Intendanten der Bad Hersfelder Festspiele, Joern Hinkel, gerade angesichts des Krieges in der Ukraine von herausragender gesellschaftlicher Bedeutung. Es gelte, die Kunst- und Meinungsfreiheit und die Demokratie den düsteren Zeiten entgegenzusetzen, sagte Hinkel am Montag der Deutschen Presse-Agentur. Dies hätten ihm auch Geflüchtete aus der Ukraine in Gesprächen vermittelt. Es sei wichtig, "den Menschen etwas Schönes zu geben, das das Herz und das Gefühl anspricht", so der Intendant.

In diesem Sommer (1. Juli bis 28. August) übernimmt der gefragte deutsche Theater- und Filmschauspieler Richy Müller bei den 71. Bad Hersfelder Festspielen eine der Hauptrollen im Eröffnungsstück "Notre Dame" nach der weltberühmten Romanvorlage von Victor Hugo. Bereits 2016/17 hatte der "Tatort"-Star bei dem Theaterfestival mitgewirkt. "Ich habe immer ein bisschen damit geliebäugelt, hierher zurückzukommen", sagte Müller. Die Stimmung in Bad Hersfeld sei sehr gut und familiär und das Festival sowie die Stiftsruine als Spielort seien weithin bekannt.

Müller gibt den Claude Frollo in der Inszenierung, die das Theaterfestival am 1. Juli auch eröffnen wird. Zerrissenheit und ein Verständnis von Liebe als Form von Besitzanspruch sind nach den Worten Hinkels Wesensmerkmale der Romanfigur. "Ich glaube, das ist mit so die schwerste Rolle, die ich in meinem Leben bewältigen werde, wenn es mir gelingt, weil das ist schon eine sehr ambivalente Figur, und das ist natürlich der große Reiz", sagte Müller. Er selbst könne nicht klar definieren, wie Schauspielerei bei ihm funktioniere. "Ich versuche immer, die Dinge in mir zu finden, ich versuche, mir nix überzustülpen." Wenn er jemanden spiele, der zaubern könne, müsse er sich diese Fingerfertigkeiten ja auch aneignen und könne sie sich nicht überstreifen wie ein Paar Handschuhe, umschreibt Müller.

Um sich in eine Rolle einzufinden, gehe er regelrecht "in Klausur", sagte der Schauspieler. "Das heißt, ich bin dann hier alleine zum Leidwesen meiner Frau. Sie leidet dann in der Zeit, weil ich dann fast nicht zu erreichen bin, aber man geht so in sich und findet Stimmungen, die man aufkommen lässt." Im Falle Claude Frollos stünden die durchaus im Gegensatz zu seiner eigenen Persönlichkeit und Situation: "Mir geht es gut, und ich hab ein Zuhause. Ich muss mich nicht sorgen, und ich werde geliebt, aber jetzt muss ich die Dinge halt hochkommen lassen." Das sei fast ein "schizophrener Zustand", sagte Müller.

Für Hinkel geht es in "Notre Dame" zum einen um "die verschiedenen Tonarten von Liebe" - von der selbstlosen und freundschaftlichen bis hin zur rein sexuellen Liebe. Doch auch hochaktuelle Themen wie Rassismus, Vorurteile, Stimmungsmache und die Angst vor Neuem, Fremdem prägten das Werk Hugos. "Das Plädoyer, das Victor Hugo in allen seinen Werken immer wieder hält ist, dass wir respektvoll mit allen Menschen umgehen müssen", sagte Hinkel. Auch in der Romanvorlage würden Rassismus und Vorurteile gegen Menschen aus anderen Ländern und anderen Glaubens sowie gegen Menschen, die durch ihr Schicksal arm oder krank geworden sind, beschrieben. "Leider ist das immer aktuell", sagte der Intendant, der zusammen mit dem Dramaturgen Tilman Raabke die Bühnenfassung des Stücks schreibt.

Das Publikum soll die Stiftsruine bei den Festspielen in diesem Sommer ganz neu erleben: Dreidimensionale Spezialeffekte sollen die Kulisse der berühmten Pariser Kathedrale darin erlebbar machen und sie in eine "Ruine der Fantasie" verwandeln, wie Hinkel angekündigt hatte. Begleitet wird die Inszenierung von dem Familienstück "Der kleine Glöckner" - mit einer verkürzten Version der Geschichte, so dass auch Kinder ab zehn Jahren sie sehen können. Der Vorverkauf für das Familienstück ist am Mittwoch angelaufen. Mit dem Publikumszuspruch sei man bisher zufrieden, sagte Hinkel. In diesem Jahr planen die Festspiele wieder mit der vollen Kapazität von 1300 Sitzplätzen pro Aufführung.

© dpa-infocom, dpa:220404-99-791829/4

dpa