Historiker: Bagatellisieren von Seuchen ist problematisch
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Panorama Historiker: Bagatellisieren von Seuchen ist problematisch
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06:48 20.03.2020
Ein Abstrichstäbchen wird nach einer Probennahme in ein Plasikröhrchen gesteckt. Quelle: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa/Symbolbild
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Gießen

Ein Blick zurück auf vergangene Epidemien kann aus Expertensicht in der aktuellen Corona-Krise helfen. Vom Umgang beispielsweise mit der Spanischen Grippe könne man lernen: "Das Bagatellisieren oder das Wegschauen und Verleugnen einer Seuchengefahr ist ein Problem und etwas, was wir immer wieder sehen." Das sagte der Gießener Medizinhistoriker Prof. Volker Roelcke der Deutschen Presse-Agentur. "Das ist auch die Hauptmessage, die wir aus den Erfahrungen mit der sogenannten Spanischen Grippe haben."

Nach allem, was man wisse, sei diese sehr lokal in den USA ausgebrochen. Aus Berichten werde ersichtlich, dass die zuständigen Behörden die Seuche zunächst ignorierten. "Erst zwei, drei Monate später, als es eine größere Zahl von Betroffenen gab, haben die Behörden reagiert - aber nicht davon abgesehen, zum Beispiel amerikanische Soldaten nach Europa zu schicken." Die Spanische Grippe grassierte zwischen 1918 und 1920 und forderte bis zu 50 Millionen Tote.

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Lernen kann man Roelcke zufolge auch aus Infektionswellen der jüngeren Geschichte: "Man sieht, dass in südostasiatischen Gesellschaften sehr konsequent Lehren gezogen worden sind aus der Sars-Epidemie 2002/2003." Man sei damals mit sehr strikten Maßnahmen vorgegangen - was sich gelohnt habe. "Die Frage ist, wie solche Maßnahmen kommuniziert werden. Wenn das transparent und glaubwürdig begründet wird, ist das ein entscheidender Faktor, damit die Bevölkerung Vertrauen gewinnen kann."

Beim Ausbruch einer Seuche interessierten sich die Menschen insbesondere für die Sterblichkeit, sagte Roelcke weiter. Aus der Vergangenheit wisse man: "Die Sterblichkeitsrate wird durch eine Reihe von Faktoren bestimmt und nicht allein durch die Biologie des Virus. Dazu gehört auch die Immunitätslage bei den betroffenen Gruppen und im besonderen Maß die Qualität der Gesundheitsversorgung. Ein wichtiger Faktor ist auch das Verhalten der Bevölkerung - und das ist wiederum stark gebunden an das Vertrauen in die Maßnahmen von Behörden und Politik."

Zu der Frage, ob die einschneidenden Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie in Deutschland und anderen Staaten angemessen sind, sagte der Forscher: "Wenn eine Gesellschaft ein Mindestmaß an Solidarität aufbringen möchte für ihre verletzlichsten Mitglieder und dies für wichtig hält - dann gibt es sehr, sehr gute Gründe dafür, die Maßnahmen, die wir jetzt haben, auch anzunehmen."

dpa

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