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Panorama "Hart getroffen": Verkehrsunternehmen mit hohen Verlusten
Mehr Hessen Panorama "Hart getroffen": Verkehrsunternehmen mit hohen Verlusten
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08:27 20.12.2020
Der neue Kopfbahnhof in Eschwege.
Der neue Kopfbahnhof in Eschwege. Quelle: Uwe Zucchi/picture alliance / dpa/Symbolbild
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Frankfurt/Main

Fast leere Innenstädte, fast leere Bahnen: Im neuerlichen Lockdown fehlen auch den Verkehrsunternehmen wieder viele Kunden. Auf das Jahr gerechnet hat die Corona-Pandemie in der Branche für Millionenverluste gesorgt. Es fehle etwa ein Viertel der Ticketeinnahmen, berichtete der Geschäftsführer des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV), Knut Ringat. "Corona hat uns also hart getroffen." Dass kommendes Jahr bereits wieder Normalität einzieht, damit rechnet der RMV ebenso wenig wie der nordhessische Verbund NVV.

Derzeit sind nach dessen Einschätzung nur noch 20 bis 30 Prozent der Menschen mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs, die üblicherweise zu erwarten seien. Der RMV rechnet ebenfalls mit einem erneuten Rückgang - verweist aber auch darauf, dass in den Weihnachtsferien ohnehin deutlich weniger Menschen unterwegs seien.

Die Mindereinnahmen im Fahrkartenverkauf seit Beginn der Pandemie im März schätzt der RMV auf rund 250 Millionen Euro. "Für 2021 gehe ich im Moment davon aus, dass Fahrgastzahlen und Einnahmen etwa bei 70 Prozent der Vor-Corona-Werte liegen werden und in den Folgejahren weiter ansteigen", erklärte Ringat. Eine vollständige Normalisierung erwartet er erst, wenn von Restaurantbesuchen bis hin zu Großveranstaltungen das komplette gesellschaftliche Leben wieder aufgenommen werden könne. Das Loch in den Finanzen füllen Bund und Land mit Corona-Sonderprogrammen.

Forscher der Frankfurt University of Applied Sciences haben in einer Studie einen Vertrauensverlust in Bezug auf den öffentlichen Nahverkehr festgestellt. "Vor allem Menschen, die nicht so oft mit dem ÖPNV fahren, fühlen sich jetzt unsicher und bleiben weg", sagt die Professorin und Verkehrsplanerin Petra Schäfer. Vielfahrer seien weniger ängstlich. Zwar gebe es Informationskampagnen über Hygienemaßnahmen, doch die erreichten die wegbleibenden Gelegenheitsfahrer nicht. Eine Umfrage im August habe gezeigt, dass viele Fahrgäste sich lieber mit dem Fahrrad, Auto oder zu Fuß auf den Weg machten. Oder sie blieben gleich im Homeoffice.

Um sie zurückzugewinnen, sei die Einführung neuer Tarifsysteme nötig, damit sich Monats- oder Jahreskarten auch mit einigen Tage Homeoffice lohnten, sagt Schäfer. Die Angebote müssten flexibler und so attraktiver werden, um Menschen auch ohne eigenes Auto Mobilität zu ermöglichen. Beispiele seien Carsharing oder Anrufsammeltaxis, wie sie im RMV-Gebiet kommendes Jahr ausgebaut werden sollen. In acht weiteren Städten und Landkreisen soll es ein entsprechendes Angebot geben.

Der NVV blicke mit Sorge auf das veränderte Mobilitätsverhalten, sagt Sprecherin Sabine Herms - und nennt ebenfalls flexible Ticketangebote sowie höhere Standards bei Qualität und Komfort als Gegenmaßnahmen. "Wir gehen davon aus, dass das finanzielle Bekenntnis zu einem Ausbau der Angebote von Bus und Bahn weiter Bestand hat", erklärte Herms mit Blick auf die Politik. Bund und Land seien gleichermaßen in der Pflicht.

Auch Investitionen in neue Schienen müssten unvermindert weitergehen, forderte RMV-Chef Ringat. Gerade in der Pendlerregion Rhein-Main könne Verkehrsinfarkt, Fahrverboten und zu hohen Schadstoff- oder Lärmbelastungen nur entgegenwirkt werden, wenn langfristig mehr Menschen auf Bus und Bahn umstiegen.

Befürchtungen, man könne sich dort mit dem Coronavirus anstecken, trat Ringat erneut entgegen. Bislang gebe es keinen wissenschaftlichen Nachweis, dass die Gefahr dort höher sei als anderswo. Die Maskenpflicht werde inzwischen von den allermeisten Fahrgästen eingehalten, wie sich bei Kontrollen zeige.

dpa