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Panorama Handy-Videos können für Ermittler Fluch und Segen sein
Mehr Hessen Panorama Handy-Videos können für Ermittler Fluch und Segen sein
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09:32 01.03.2020
Schaulustige fotografieren neben einer Lärmschutzwand mit ihren Smartphones eine Unfallstelle. Quelle: Alexander Auer/dpa/Archivbild
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Frankfurt/Wiesbaden/Hanau

Nach dem rassistischen Anschlag von Hanau schaltete das Bundeskriminalamt ein Hinweisportal für Fotos und Videos aus der Tatnacht. Im nordhessischen Volkmarsen wurde ein Mann wegen eines Gaffervideos festgenommen, nachdem ein Auto am Rosenmontag in einen Karnevalszug gefahren war. Smartphone-Videos können für die Ermittler also ein wichtiges Beweismittel sein, doch voyeuristische Bilder von Toten und Verletzten über soziale Medien zu teilen und dabei womöglich die Arbeit von Helfern vor Ort zu behindern, ist strafbar.

"Gaffervideos sind ein großes Ärgernis", sagt der Frankfurter Polizeisprecher Alexander Kießling. "Auf der anderen Seite schalten wir in der Regel Aufrufe und sind froh, wenn es Aufnahmen gibt, die einen Täter zu identifizieren helfen. Für die Ermittler ist das ein wichtiges Instrument, sei es für die Fahndung, sei es für die Tatkonstruktion vor Gericht."

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Auch nach dem Vorfall in Volkmarsen haben sich bereits zahlreiche Zeugen bei der Polizei gemeldet und ihre Aufnahmen vom Faschingszug zur Verfügung gestellt, sagt ein Sprecher der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft, die die Ermittlungen leitet. "Das kann auch bei der Ermittlung des Tatumfelds und -ablaufs helfen."

Auf der einen Seite können die Handyvideos als Sachbeweis vor Gericht ein Geschehen besser aufklären helfen als die Aussagen von Zeugen. Denn gerade nach Extremsituationen können sich Aussagen erheblich unterscheiden. Für die Ermittler ist es dann schwierig abzuschätzen, welche Darstellung zutrifft. Wenn beispielsweise ein Video zeigt, dass ein Täter einen Menschen auf ein Gleis gestoßen und nicht einfach im Gedränge unglücklich gestreift hat, ist die Sache klar.

"Es ist aber auch ein hoher Zeitaufwand mit der Sichtung und Bewertung des Materials verbunden", schränkt der Polizeisprecher ein. "Man muss ja die Streu vom Weizen trennen. Dann kann aber auch der knallharte Beweis darunter sein, der vor Gericht unangreifbar ist."

Wichtig sei auch, ob das Video überhaupt Mehrwert für die Ermittlungen habe, sagte Georg Ungefuk von der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft. In den wenigsten Fällen gebe es Aufnahmen, "die alles zeigen", weil Zeugen vielleicht erst etwas ganz anderes gefilmt hätten, bis sie auf ein Geschehen aufmerksam wurden.

Das Landeskriminalamt (LKA) verweist darauf, dass in dem Zusammenhang auch die Persönlichkeitsrechte von Betroffenen, Opfern und auch potenzieller Täter zu berücksichtigen und zu schützen seien. Ein "idealer Tatzeuge" helfe deshalb mit, dass das Material nur den zuständigen Behörden zugänglich gemacht werde und keinen anderen Verteiler finde.

dpa

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