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Panorama Evakuierung nur im „Worst Case
Mehr Hessen Panorama Evakuierung nur im „Worst Case
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08:39 23.08.2021
Auf dem Areal hinter der Neuen Post sollen künftig 400 Fahrräder Platz finden – vor dem Bau wird das Gelände zwei Tage lang auf mögliche Bomben untersucht.
Auf dem Areal hinter der Neuen Post sollen künftig 400 Fahrräder Platz finden – vor dem Bau wird das Gelände zwei Tage lang auf mögliche Bomben untersucht. Quelle: Oliver Schepp
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Gießen

Im Idealfall werden der Montag und Dienstag ganz normale Tage. Es kann aber auch sein, dass den Gießener Bürgern dann die größte Evakuierung der jüngeren Stadtgeschichte bevorsteht. Allerdings, das betonte Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz am Freitag im Rathaus, sei das der absolute „Worst Case“. Der tritt lediglich ein, wenn auf dem Areal hinter der Neuen Post, auf dem künftig 400 Fahrräder Platz finden sollen, eine Bombe aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden werden sollte. Je nach Größe und Lage eines potenziellen Blindgängers müsste das Areal in einem Radius von bis zu einem Kilometer evakuiert werden, teilte Dirk Drebes mit, Abteilungsleiter im Ordnungsamt. In diesem Fall müssten rund 15 000 Gießener ihre Wohnungen verlassen, Geschäfte, Altenheime, Kitas und mehr wären betroffen. Auch Teile der Fußgängerzone. Der Bahnverkehr müsste für die Zeit der Entschärfung ebenfalls eingestellt werden. „Sollte es dazu kommen“, betonte die Oberbürgermeisterin, „stellen wir natürlich sicher, dass niemand zu gesundheitlichem Schaden kommt.“

Mit Containern gegen umherfliegende Splitter

Bereits vor drei Wochen hatte Bürgermeister Peter Neidel über das Vorhaben informiert. Die Arbeiten mussten damals jedoch kurzfristig verschoben werden, da die für eine Evakuierung notwendigen Katastrophenschützer in Westdeutschland gegen das Hochwasser kämpften. Seinerzeit hieß es noch, bei einer Evakuierung müssten auch die Krankenhäuser geräumt werden. Doch das ist nun vom Tisch. Laut Grabe-Bolz hat es diese Woche ein Gespräch zwischen Stadt, Kliniken und dem Leiter des Kampfmittelräumdienstes gegeben. Letzterer sei zu dem Schluss gekommen, dass die Krankenhäuser anders geschützt werden könnten, zum Beispiel durch eine interne Verlegung der Patienten oder durch das Aufstellen von Containern zur Splitter-Abwehr.

„Die Aufrechterhaltung der medizinischen Maximalversorgung, die für uns das UKGM besonders im Bereich der Intensivmedizin, aber auch in den herausragenden Bereichen der Frühgeborenen-Versorgung oder der deutschlandweit einzigartigen Kinder-Krebsstation leistet, wird darunter nicht leiden“, sagte die OB und fügte an: „Eine Voll-Evakuierung des Uni-Klinikums und auch des Katholischen Krankenhauses kommt nicht infrage.“ Bei Letztgenanntem könne wegen der Nähe zum Bahnhof jedoch der Fall eintreten, dass einzelne Stationen geräumt und die Patienten in andere Kliniken verlegt werden müssten. Ausgenommen sei die Intensivstation.

Leitung, Schraube oder Bombe?

Dass die Stadt sich derart intensiv mit einer Evakuierung beschäftigt, hat einen Grund. Bei einer ersten Untersuchung des Baufeldes wurden 16 sogenannte Anomalien im Untergrund entdeckt.

Da das ganze Stadtgebiet als Bombenabwurfgebiet gilt, sind solche Sondierungen bei größeren Bauvorhaben üblich, sagte Tiefbauamtsleiter Peter Ravizza. Weil der Bahnhof im Zweiten Weltkrieg stark bombardiert worden ist, könnte es durchaus sein, dass eine der Anomalien ein Blindgänger ist. Sicher ist das nicht. „Der Kampfmittelräumdienst misst mit Elektromagnetismus, ob Magnetfelder vorhanden sind, die charakteristisch für Bomben sind. Die Messgeräte sind jedoch so sensibel, dass auch Schrauben oder Wasserleitungen einen Ausschlag geben können“, erklärt Ravizza. Beim Motorpool-Gelände, fügte Grabe-Bolz an, habe es über 400 Anomalien gegeben, eine Bombe sei nicht darunter gewesen. Die Fläche wieder zuzuschütten und auf den Bau der Fahrradabstellanlage zu verzichten, sei übrigens keine Option, sagte die OB, auch wenn das rechtlich zulässig sei. „Es gibt einige seltene Fälle, in denen Bomben von selbst explodiert sind. Wir haben daher die moralische Verpflichtung, die Anomalien jetzt zu untersuchen.“

Grabe-Bolz wurde nicht müde zu betonen, dass es sich bei den geschilderten Szenarien lediglich um eine Eventualität handele. Bestenfalls findet der Kampfmittelräumdienst keine Bomben, sondern nur Schrauben – und die Gießener verbringen am 23. und 24. August zwei ganz normale Tage.

Von Christoph Hoffmann