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Panorama Klage gegen zu gutes Arbeitszeugnis
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13:00 20.07.2019
Weil eine Mitarbeiterin ihr Arbeitszeugnis als übertrieben positiv empfand, klagte sie vor dem ­Arbeitsgericht. Quelle: Monique Wüstenhagen
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Gießen

Die Klägerin hatte insgesamt 16 Jahre als Bürokauffrau in der Firma gearbeitet und hatte Ende Juli 2018 gekündigt. Als sie wenig später das Zeugnis ihres ehemaligen Arbeitgebers erhielt, störte sie sich an den Formulierungen. „Das Zeugnis ist so gut, dass es eine Abwertung ist“, sagte sie.

Negativ aufgefallen seien ihr zum Beispiel die Phrasen, dass sie „umfassende, vielseitige und sehr gute Fachkenntnisse“ besitze oder eine „äußerst engagierte Mitarbeiterin“ gewesen sei. Diese übertrieben positive Darstellung führe dazu, dass die Beurteilung insgesamt als negativ zu bezeichnen sei. Deshalb hatte die ehemalige Mitarbeiterin den Betrieb dazu aufgefordert, das Zeugnis entsprechend abzuändern, worauf dieser nicht reagierte.

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Deshalb landete der Fall vor dem Gießener Arbeitsgericht. Richterin Susanne Blech konnte sich bei der Eröffnung der Güteverhandlung ein Grinsen nicht verkneifen. „Für mich ist das in dieser Art der erste Fall“, sagte sie – und fügte an die Klägerin gewandt hinzu: „Ich kenne das eher andersherum. Dass ehemalige Mitarbeiter die Formulierungen, die in ihrem Zeugnis stehen, einklagen.“

Es hat sich eine eigene Zeugnissprache etabliert

Der Personalleiter des beklagten Unternehmens sah das ähnlich. „Das ist ein ganz gewöhnliches, sehr gutes Zeugnis.“ Im Konzern werde für die Arbeitszeugnisse eine eigene Software eingesetzt, erklärte er. Die Vorgesetzten der Mitarbeiter bekämen einen Fragebogen, den sie ausfüllen müssten. Je nachdem, ob der Vorgesetzte seine Kreuzchen bei „sehr gut“, „gut“, „befriedigend“ oder anderen Bewertungen setze, variiere dann der Text.

Dass in diesem Text nicht immer alles für bare Münze genommen werden kann, ist nicht neu. Die Gewerbeordnung schreibt vor, dass ein Arbeitszeugnis sowohl wahr als auch wohlwollend formuliert sein muss. Damit ist offene Kritik normalerweise tabu, nicht aber versteckte Kritik. So hat sich in der Vergangenheit eine eigene Zeugnissprache etabliert, mit standardisierten Phrasen, die nett klingen, aber gerne mal das Gegenteil bedeuten.

Ein Klassiker: „Sie war stets bemüht, die Arbeiten zu unserer vollsten Zufriedenheit zu erledigen“ bedeutet so viel wie: „Sie hat sich Mühe gegeben, aber wenig Erfolg gehabt.“ Oder: „Durch ihre gesellige Art trug sie zur Verbesserung des Betriebsklimas bei“ ist ein Hinweis darauf, dass die Mitarbeiterin gerne mal zu tief ins Glas geschaut hatte.

Ehemaliger Arbeitgeber hat die Formulierungshoheit

Doch das war im Fall der Klägerin alles gar nicht passiert, versicherte der Personalleiter. Ihr ehemaliger Vorgesetzte habe seine Kreuzchen auf dem Fragebogen eben meist bei „sehr gut“ oder „gut“ gesetzt, deshalb sei das Zeugnis positiv – und zwar in einem aus seiner Sicht ganz normalen Rahmen.

Den Vorwurf der ehemaligen Mitarbeiterin, das Unternehmen habe sie mit diesem Zeugnis „veralbern“ wollen, wies er entschieden zurück. Richterin Susanne Blech wies die Klägerin darauf hin, dass ihr ehemaliger Arbeitgeber die Formulierungshoheit über das Zeugnis habe, sie ihn dementsprechend also nicht zu bestimmten Phrasen verurteilen könnte.

Zudem halte sie das Zeugnis für in sich stimmig und könne daher die Kritik der Klägerin nicht nachvollziehen. Nachdem sich die ehemalige Mitarbeiterin dafür entschuldigt hatte, dass sie ihrem Ex-Vorgesetzten unterstellt hatte, ihr mit dem Zeugnis schaden zu wollen, einigte sie sich mit dem Personalleiter darauf, außergerichtlich noch einmal über einzelne Formulierungen zu sprechen.

von Tobi Manges