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Panorama Drogenhilfe und Prostitution: Bahnhofsviertel im Krisenmodus
Mehr Hessen Panorama Drogenhilfe und Prostitution: Bahnhofsviertel im Krisenmodus
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11:02 21.03.2020
Gähnende Leere herrscht am Abend im Frankfurter Bahnhofsviertel. Quelle: Arne Dedert/dpa/Symbolbild
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Frankfurt/Main

Geschlossene Bars, verrammelte Rotlicht-Betriebe, aber Menschentrauben vor den Räumen für Drogenkonsum: Die Corona-Krise hat auch das Frankfurter Bahnhofsviertel erfasst. Viele der Straßen sind selbst am Abend wie leer gefegt. Zettel hängen an den Türen, geschlossen sei aus "Sicherheitsgründen" heißt es an einem Laufhaus für Prostituierte in der Taunusstraße. Die fehlenden Verdienstmöglichkeiten verursachen Existenzängste. "Die Frauen sind schon seit Wochen mit einer immer stärker nachlassenden Nachfrage konfrontiert gewesen", sagt Juanita Henning vom Hilfeverein Doña Carmen.

"Die Häuser haben zugemacht und ein großer Teil der Frauen ist nach Hause gefahren", berichtet sie. Diejenigen, die noch da seien, müssten Gelder vom Staat beantragen. Viele arbeiteten als Solo-Selbstständige, für die Zuschüsse und Darlehen in Aussicht gestellt worden seien. Auch von Entschädigungszahlungen für Infizierte sei die Rede gewesen. "Ob die Frauen etwas bekommen, ist aber dahingestellt."

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Henning fordert, die Stadt müsse die Registrierungspflicht für Prostituierte einstellen. "Es ist wichtig, dass die Frauen, wenn sie sich krank fühlen, einen Ansprechpartner haben, dem sie vertrauen und an den sie sich anonym wenden können." Mehr als 2800 Prostituierte seien in Frankfurt erfasst.

"Im Moment geht gar nichts, hier herrscht Totentanz", sagt eine Frau, die nach eigenen Angaben seit 40 Jahren als selbstständige Prostituierte arbeitet und anonym bleiben will. "Da kommen natürlich Existenzängste", sagt die 60-Jährige. "Man hängt völlig in der Luft." Hilfe seitens der Politik sei bei ihr noch keine angekommen. Nun gehe es auf das Monatsende zu, die Miete werde fällig. Lange könne sie sich nicht über Wasser halten, sagt die Frau. "Und wer weiß, wie lange das alles dauert."

In Hessen müssen Prostitutionsstätten, Bordelle und ähnliche Einrichtungen seit 18. März geschlossen sein, die Regelung gilt für einen Monat. Prostitution an sich ist nicht untersagt. Der Verein Doña Carmen mahnt aber, sich gut zu überlegen, weiter sexuelle Dienstleistungen anzubieten. Das Virus dürfe nicht unterschätzt werden.

Im Bahnhofsviertel gibt es auch mehrere Hilfsangebote und Konsumräume für Drogenabhängige. "Wir sind bemüht, alles an Angeboten aufrecht zu erhalten, was geht", sagt Gabi Becker von der Integrativen Drogenhilfe (IDH). Das gelte auch für Obdachlosen-Unterkünfte. "Es wird aber immer schwieriger." Mitarbeiter würden krank, und Desinfektionsmittel seien schwer nachzubestellen. Schützende Masken oder Kleidung seien weder vorhanden noch verfügbar.

In den insgesamt vier Frankfurter Konsumräumen, von denen sich drei im Bahnhofsviertel befinden, können sich Schwerstabhängige unter hygienischen Bedingungen und legal Drogen verabreichen. Dort werde nun nach Möglichkeit auf ausreichend Abstand geachtet, sagt Becker. Die Zahl der Plätze, an denen die Abhängigen Drogen wie Heroin oder Crack konsumieren können, sei dazu reduziert worden. Zu beobachten ist allerdings, dass die Abhängigen auf der Straße vor den Räumen weiterhin eng beieinander stehen.

Obdachlose hätten kein Zuhause, in das sie gehen könnten, sagte Becker mit Blick auf die Aufforderung, derzeit zur Vermeidung einer Infektion daheim zu bleiben. Auch Sucht bleibe bestehen. Verwaiste Innenstädte bedeuteten wegbrechende Einnahmen. Komme es zu verschärften Bedingungen wie etwa einer Ausgangssperre, gehe sie davon aus, dass die Arbeit der Drogenhilfe erlaubt bleibe, sagte Becker: "Wir können die Leute nicht einfach vor die Tür setzen."

Das Gesundheitsdezernat erklärte, die Angebote sollten "so lange wie möglich offengelassen werden, da sie absolut essenziell für die Abhängigen sind". Zugleich seien Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeiter ergriffen worden.

dpa

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