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Panorama Demenz: Wo Betroffene und Angehörige Hilfe finden
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08:18 14.08.2021
Ein Klebezettel mit dem Schriftzug «Herd aus?» klebt an einem Herd.
Ein Klebezettel mit dem Schriftzug «Herd aus?» klebt an einem Herd. Quelle: Jens Kalaene/zb/dpa/Symbolbild
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Nidderau/Kassel/Frankfurt

Mehr als 110.000 Menschen über 65 Jahre in Hessen leiden nach Schätzungen der Deutschen Alzheimer Gesellschaft an Demenz. Das sind etwa neun Prozent in dieser Altersgruppe. Die Tendenz ist vor dem Hintergrund einer zunehmend alternden Gesellschaft steigend. "Die Zahl der Betroffenen erhöht sich von Jahr zu Jahr", sagt Yasemin Grasmück von der Alzheimer Gesellschaft Main Kinzig.

Schätzungsweise drei Viertel der Erkrankten werden laut hessischem Sozialministerium von Angehörigen gepflegt. Um so wichtiger sind Entlastungsangebote für die Betroffenen sowie für ihre Angehörigen und Pflegenden. Die Alzheimer Gesellschaft hat deshalb mit dem Modellprojekt "SOwieDAheim" ein in Schottland erstelltes Konzept zur Häuslichen Tagespflege getestet und inzwischen fest installiert.

"Dabei öffnet eine ehrenamtliche Person ihren Haushalt als Gastgeberin oder Gastgeber für eine kleine Gruppe älterer Menschen mit oder ohne Demenz und betreut sie einige Stunden", erläutert Grasmück. Etwa 90 Freiwillige kümmerten sich aktuell um rund 145 Betreute. Sie werden laut Grasmück geschult sowie engmaschig unterstützt und erhalten eine Übungsleiterpauschale für ihren Einsatz.

Die häusliche Umgebung und ein strukturierter Alltag seien für die Betroffenen wichtig. Außerdem sei die Betreuung in kleinen, vertrauten Gruppen deutlich intensiver, sagt Grasmück. "Ziel ist es, die Pflegenden zu entlasten und so die häusliche Pflege so lange wie möglich zu gewährleisten." Denn je länger die Betroffenen zu Hause gepflegt werden könnten, desto besser sei es für sie selbst und auch für das Gesundheitssystem. Die Alzheimer Gesellschaft bietet daher auch eine stundenweise Einzelbetreuung zu Hause, Betreuungsgruppen außer Haus sowie eine auf Demenz spezialisierte Tagespflege an.

Der Vernetzungsgedanke steht im Mittelpunkt der jetzt eingerichteten Koordinierungs- und Servicestelle des kürzlich in Kassel gegründeten Demenz-Netzwerks. "Ziel der Stelle ist vor allem die Koordination der professionellen Akteure in dem Tätigkeitsfeld", sagt Leiterin Anna Mühling. Die Sozialarbeiterin, die zuvor im Kasseler Zentrum für Menschen mit Demenz und Angehörige (Zeda) tätig war, will das Thema Demenz verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit rücken und die Gesellschaft für das Thema sensibilisieren.

In der nordhessischen Stadt leben derzeit 3600 an Demenz erkrankte Menschen. "Wir wollen den fachlichen Austausch der Akteure aus den Bereichen Altenhilfe, Soziales, Gesundheit und Ehrenamt sowie ihre Vernetzung fördern", erläutert Mühling. Fortbildungsangebote sollen ausgebaut und mögliche Versorgungslücken in der Angebotsstruktur identifiziert und geschlossen werden. "Dazu werden wir uns gezielt an die Institutionen, Betroffenen und Angehörigen wenden."

An Menschen mit Migrationshintergrund richtet sich das Modellprojekt "Care Guides" des Frankfurter Vereins Berami, der sich vor allem in der beruflichen Integration engagiert. Dabei werden Menschen mit eigener Migrationserfahrung zu interkulturellen Pflegelotsen qualifiziert. "Hintergrund ist, dass es viele pflegebedürftige Migrantinnen und Migranten gibt, die das deutsche Pflegesystem und Unterstützungsangebote nicht kennen", sagt Projektleiterin Shabana Maliki. Hürden seien oftmals die Sprache, aber auch Diskriminierungserfahrungen. "Die Betroffenen ziehen sich dann zurück", berichtet Maliki.

Die ehrenamtlichen Lotsen sollen ihnen als Ansprechpartner und Vermittler wieder Zugang zum System ermöglichen. Insgesamt 56 Lotsen unterschiedlichster Nationalitäten in Frankfurt, Rüsselsheim, Offenbach, Marburg und Kassel haben sich laut Maliki bislang ausbilden lassen. Noch bis Jahresende wird das Modellprojekt vom hessischen Sozialministerium und den Pflegekassen gefördert. Derzeit suche man nach Möglichkeiten, wie es auch darüber hinaus fortgesetzt werden kann, sagt die Projektleiterin.

Transparenz über Versorgungsstrukturen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen will der landesweite Demenzatlas des hessischen Sozialministeriums und der Pflegekassen schaffen. Darin werden bestehende Beratungsstellen, Angebote zur Unterstützung im Alltag, ehrenamtliche Hilfen und Veranstaltungen zum Thema Demenz vor Ort in einer Online-Datenbank veröffentlicht. Ein wichtiges Angebot, denn das Thema Demenz ist noch oft ein Tabu.

"Der Bedarf ist riesig, aber besonders in ländlichen Regionen fragen die Menschen wenig an", beschreibt Yasemin Grasmück von der Alzheimer Gesellschaft Main Kinzig ihre Erfahrungen. Für die betroffenen Familien sei eine Demenzerkrankung oftmals schwer zu akzeptieren und begleitet von Angst und Scham. "Es ist daher wichtig, die Krankheit ins gesellschaftliche Bewusstsein zu rücken und intensiv aufzuklären."

© dpa-infocom, dpa:210814-99-837670/2

dpa