Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Corona-Fall in Wetzlar bestätigt: "Kein Grund zur Panik"
Mehr Hessen Panorama Corona-Fall in Wetzlar bestätigt: "Kein Grund zur Panik"
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:52 28.02.2020
«Lahn-Dill-Kreis» steht auf einem Ortsschild im Lahn-Dill-Kreis. Quelle: picture alliance / dpa/Archivbild
Anzeige
Wetzlar

Hessen stellt sich nach dem ersten bestätigten Coronavirus-Fall in Wetzlar auf weitere mögliche Infektionen ein. "Wir müssen insgesamt davon ausgehen, dass wir weitere Fälle sehen werden", sagte Sozialminister Kai Klose (Grüne) am Freitag. Mit dem ersten Nachweis gebe es allerdings eine Situation, auf die sich Hessen schon länger vorbereitet habe. Das neuartige Virus war zuvor bei einem 31-Jährigen aus Wetzlar (Lahn-Dill-Kreis) festgestellt worden. Die Behörden arbeiten seitdem daran, dessen Kontaktpersonen ausfindig zu machen. Es gehe jetzt darum, die Infektionskette zu unterbrechen, sagte die Leiterin des Gesundheitsamtes des Lahn-Dill-Kreises, Gisela Ballmann.

Der 31-Jährige arbeitet nach Angaben von Landrat Wolfgang Schuster (SPD) in Hüttenberg und war auf einer Dienstreise in der Lombardei unterwegs gewesen. Nach seiner Rückkehr am Sonntag aus der norditalienischen Region, in der der Erreger Sars-CoV-2 häufig nachgewiesen wurde, habe er sich beim Gesundheitsamt gemeldet. Der Mann werde im Klinikum Wetzlar in einem Isolierzimmer behandelt. Sein Gesundheitszustand sei stabil, er sei nicht schwer erkrankt. Schuster sagte, der Mann habe "alles richtig gemacht". Ein Abstrich wurde am Donnerstag im Institut für Virologie in Marburg positiv getestet. Sozialminister Klose sagte, der Mann habe leichte Symptome gehabt, deswegen habe er sich gemeldet.

Anzeige

Nun sucht die Behörde nach Menschen, die in Kontakt mit dem Patienten standen. "Wir werden alle kontaktieren, befragen und dann entsprechende Maßnahmen ergreifen", sagte Gesundheitsamtsleiterin Ballmann. Wie viele Kontaktpersonen es genau seien, stehe noch nicht fest. Es seien aber sicherlich mehr als 20. Ballmann verwies auf die Richtlinien des Robert Koch-Instituts in solchen Fällen. Diese sehen unter anderem eine Quarantäne für Personen vor, die einen sehr engen Kontakt zu einem Coronavirus-Patienten hatten.

Der Direktor des Instituts für Virologie der Uni Marburg, Prof. Stephan Becker, erwartete weitere Coronavirus-Nachweise auch in Hessen. Der Wetzlarer Patient werde höchstwahrscheinlich nicht der letzte sein. "Wir werden uns darauf einrichten müssen, dass weitere Fälle auftreten." Es spreche vieles dafür, dass sich das Virus auch in den oberen Atemwegen vermehre, damit sei es leichter übertragbar. Allerdings scheine die Krankheit meist mild zu verlaufen.

Minister Klose zufolge stehen alle hessischen Gesundheitsämter im ständigen Austausch. Im Fall des Falles könnten fünf bis zehn Prozent der Krankenhausbetten zu sogenannten Isolierbetten für Coronavirus-Patienten umfunktioniert werden.

Klose rief dazu auf, Solidarität mit Erkrankten zu zeigen, "Es ist verständlich, dass Menschen besorgt sind und Angst haben", sagte er. Grund zur Panik gebe es aber nicht. Für Informationen könnten sich Bürger an eine Hotline wenden. Er riet allen, die eine Infektion befürchten, etwa weil sie in einem Risikogebiet waren und Symptome zeigen, erst einmal beim Hausarzt oder Gesundheitsamt anzurufen. Die Experten würden die Situation abklären und die nötigen Schritte einleiten.

Gesundheitsbehörden und Kliniken in Hessen bemerken bereits mehr Anfragen zum Coronavirus, Verdachtsfälle können nach Angaben der Frankfurter Uni-Klinik aber ausreichend abgeklärt werden. "Wir haben noch Kapazitäten", sagte die Direktorin des Instituts für medizinische Virologie des Frankfurter Universitätsklinikums, Prof. Sandra Ciesek, am Freitag.

Proben mit Verdacht auf den Erreger Sars-CoV-2 werden in Hessen in Frankfurt und am Institut für Virologie der Universität Marburg getestet. Zusammen gebe es aktuell Kapazitäten für 200 Tests am Tag, sagte Ciesek. "Aber das wäre auch steigerbar". Wie viele Abstriche derzeit am Tag getestet werden, verriet die Uni-Klinik nicht, aber "die Zahl der Proben steigt", sagte Ciesek.

Die Landesärztekammer Hessen rief nach dem Nachweis der Infektion zu Besonnenheit auf. "Auch wenn das Virus damit näher rückt und wir davon ausgehen müssen, dass die Infektionsrate deutlich ansteigen wird, ist Panik unangebracht", erklärte Landesärztekammerpräsident Edgar Pinkowski. "Das hessische Gesundheitswesen ist gut auf die Corona-Epidemie, die wir derzeit erleben, vorbereitet. Alle Verantwortlichen sind vernetzt und arbeiten eng zusammen."

Der Coronavirusfall aus Wetzlar ist der erste in Hessen - abgesehen von Rückkehrern aus dem chinesischen Wuhan, die auf dem Frankfurter Flughafen gelandet und dort getestet worden waren. Anfang Februar hatte die Bundeswehr 126 Deutsche und ihre Angehörige mit einer Sondermaschine aus der stark vom Coronavirus betroffenen Millionenmetropole Wuhan in China zurückgeholt. Bei zwei Rückkehrern wurde anschließend Sars-CoV-2 festgestellt; sie wurden in die Uniklinik Frankfurt gebracht und dort Mitte Februar wieder entlassen. Die anderen Rückkehrer mussten zwei Wochen in Quarantäne in einer Bundeswehrkaserne in Germersheim in Rheinland-Pfalz verbringen.

In Deutschland mehren sich derzeit die Fälle von Infektionen mit dem Virus Sars-CoV-2, das die Lungenkrankheit Covid-19 auslösen kann. Aktuell gibt es mehr als 30 Coronavirus-Fälle. Die meisten Betroffenen haben nur leichte Erkältungssymptome mit Frösteln und Halsschmerzen oder gar keine. Doch 15 von 100 Infizierten erkranken laut Robert Koch-Institut (RKI) schwer. Dann drohen Atemprobleme oder eine Lungenentzündung.

dpa

Anzeige