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Panorama Antisemitismus-Vorwürfe: documenta sagt Veranstaltungen ab
Mehr Hessen Panorama Antisemitismus-Vorwürfe: documenta sagt Veranstaltungen ab
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16:02 04.05.2022
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Kassel/Berlin/Wiesbaden

Der Wirbel um die Antisemitismus-Vorwürfe gegen die documenta fifteen reißt nicht ab. Nach der Kritik des Zentralrats der Juden in Deutschland an der Weltkunstausstellung haben die Verantwortlichen eine geplante Veranstaltungsreihe abgesagt. Wie die documenta und Museum Fridericianum gGmbH am Mittwoch in Kassel mitteilte, werden die für Mai angekündigten Experten-Foren ausgesetzt.

Die documenta hatte die Veranstaltungen geplant, nachdem ein Bündnis dem indonesischen Kuratorenkollektiv Ruangrupa Anfang des Jahres vorgeworfen hatte, bei der 15. Ausgabe der Ausstellung seien auch Organisationen eingebunden, die den kulturellen Boykott Israels unterstützten oder antisemitisch seien. Ruangrupa und die documenta wiesen die Anschuldigungen entschieden zurück. Auch der Aufsichtsrat der Schau sowie Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) stellten sich hinter die Macher der Ausstellung.

Die Organisatoren betonten, sie lehnten Eingriffe in die künstlerische Freiheit ab, wollten aber weiter diskutieren. Dazu kündigten sie das Experten-Forum "We need to talk! Art - Freedom - Solidarity" an, bei dem ab dem 8. Mai in drei Veranstaltungen über "das Grundrecht der Kunstfreiheit angesichts von steigendem Rassismus und Antisemitismus und zunehmender Islamophobie" debattiert werden sollte.

Vergangene Woche hatte der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, in einem Brandbrief an Kulturstaatsministerin Claudia Roth den Umgang der documenta mit dem Thema Antisemitismus kritisiert. Er beklagte darin unter anderem die Besetzung der Foren und monierte, der Dachverband der jüdischen Gemeinschaft sei nicht eingebunden. Das unveröffentlichte Schreiben liegt der dpa in Berlin vor.

Die documenta habe, auch nach Rücksprache mit verschiedenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, entschieden, die Veranstaltungsreihe auszusetzen, hieß es am Mittwoch. Sie werde zunächst die Ausstellung beginnen und für sich sprechen lassen, um die Diskussion dann auf dieser Basis sachgerecht fortzusetzen. "Zum jetzigen Zeitpunkt scheint das Ziel, das die documenta mit der Gesprächsreihe erreichen wollte, nämlich im Vorfeld der documenta fifteen einen multiperspektivischen Dialog jenseits institutioneller Rahmen zu eröffnen, nur schwer umsetzbar."

Der documenta sei es wichtig, den Gesprächsfaden nicht abreißen zu lassen. Die bisherigen Ansätze sollten als verändertes Format vor Ort in Kassel während der Weltkunstausstellung weiterentwickelt werden. "Das gibt auch Gelegenheit, auf Bedenken eingehen zu können, die in den vergangenen Tagen öffentlich wurden."

Es sei die künstlerische Freiheit der documenta, die geplante Veranstaltungsreihe vorerst auszusetzen und ein verändertes Format für Gespräche zu entwickeln, kommentierte der Aufsichtsratsvorsitzende der Schau, Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle (SPD), die Entscheidung. "Zumal man während der documenta fifteen anhand der Ausstellung und somit auf einer anderen Grundlage diskutieren kann."

Die Absage der Gesprächsreihe mache deutlich, dass offenkundig eine neue Vertrauensbasis nötig sei", erklärte Kulturstaatsministerin Roth. Sie habe die Vorwürfe gegen die documenta ernst genommen und sowohl mit den Verantwortlichen der documenta als auch dem Zentralrat der Juden das Gespräch gesucht. Daran werde sie jetzt anknüpfen. Roth kündigte an, erneut mit allen Beteiligten das Gespräch zu suchen und diese wenn nötig in den Dialog zueinander zu bringen.

Hessens Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) teilte mit, sie bedauere sehr, dass die Foren nun nicht in der geplanten Form zustande kommen. Sie begrüßte die von Roth vorgeschlagenen Gespräche. "An solchen Gesprächen sowohl mit jüdischen Stimmen wie auch mit dem künstlerischen Team der documenta fifteen werde ich gern teilnehmen und sie aktiv unterstützen", erklärte die Ministerin. Dabei könne auch erörtert werden, wie nach der Aussetzung der Foren die Beschäftigung mit diesen wichtigen Fragen fortgesetzt werden könne.

Antisemitismus dürfe nirgendwo Platz haben, auch nicht auf der documenta, betonten Dorn und Roth gleichermaßen. "Leider war die öffentliche Auseinandersetzung auch von unfairen Anschuldigungen und Angriffen auf Mitglieder des künstlerischen Teams geprägt", beklagte Dorn. "Auch hiermit wollen wir uns weiter beschäftigen."

Die alle fünf Jahre stattfindende documenta gilt neben der Biennale in Venedig als wichtigste Präsentation für Gegenwartskunst. Die documenta fifteen findet in diesem Jahr vom 18. Juni bis zum 25. September statt.

© dpa-infocom, dpa:220504-99-154114/3

dpa