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Landtagswahl 2018 Linke: „Wir sind nicht im siebten Himmel“
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15:41 29.10.2018
124.169 Wähler gingen im Landkreis Marburg-Biedenkopf an die Wahlurne. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Kurz vor 18 Uhr: Etwa 30 Anhänger der CDU haben sich im Wintergarten des TTZ versammelt. Auf der Leinwand werden die ersten Hochrechnungen angekündigt – und dann laufen die Zahlen ein. Doch statt des üblichen Jubels – Stille. Dann heißt es, dass Schwarz-Grün doch noch möglich wäre, worauf ein Raunen durchs Publikum geht. Schnell wird klar: Das landesweite Ergebnis ruft keine Freudenstürme hervor.

Anders sieht es bei den Direktmandaten aus: Sowohl Dirk Bamberger als auch Dr. Thomas Schäfer haben ihre Wahlkreise „klargemacht“. Entsprechend groß ist dann doch der Jubel, und als Thomas Schäfer direkt aus Wiesbaden ins TTZ kommt, wird er mit „Thomas, Thomas“-Rufen von den mittlerweile gut 100 Gästen empfangen.

Schäfer lobt Einsatz der Parteibasis

Herzlich umarmen er und Bamberger einander, „das ist doch Wahnsinn“, ist zu hören. Und was sagen sie zum Direktmandat? „So problematisch das Ergebnis auf Landesebene für die CDU auch ist, im Landkreis haben wir einen Volltreffer gelandet“, sagt Dirk Bamberger. Beide Direktmandate habe man zurückgeholt, „das ist ein riesiges Ergebnis“, freut er sich. Und für die CDU sei die Wahl „ein ­politisches Erdbeben“.

Thomas Schäfer freut sich sehr „über das so nicht erwartete deutliche Ergebnis“. Es sei zustande gekommen, „weil wir – im Gegensatz zu unserem Haupt-Mitbewerber – einen konsistenten, geschlossenen Wahlkampf mit gemeinsamer Linie und gemeinsamer Konzeption“ geführt hätten. „Und unsere Parteibasis ist 
gelaufen wie noch nie“ – bis zur letzten Minute habe man „Haustüren geschrubbt und selbst nachts noch Türhänger verteilt“.

Von solch einer Euphorie war bei der SPD-Versammlung am frühen Abend nichts zu spüren; auch später herrschte eher gedrückte Stimmung im Rotkehlchen, wo die Genossen die ersten Hochrechnungen rund um 20 Prozent mit steinernen Mienen verfolgten. Ein paar verhaltene Emotionen und Durch­halteparolen folgten dann später. „Es muss sich etwas ändern – 
das Ergebnis ist zutiefst enttäuschend, ganz, ganz bitter“, ­sagte Stadträtin Kirsten Dinnebier.

Löber schafft es über die Landesliste

Schuld an dem mageren Wahlergebnis habe „das Theater in Berlin“ und die „Anti-Groko-
 Stimmung“ im Land, befand auch SPD-Bundestagsmitglied Sören Bartol. „Die hessische SPD trägt null Schuld an dem Ergebnis.“ In die selbe Kerbe schlug auch SPD-Landtagskandidatin Özgüven, die ihr Mandat verlor: „Ich bin enttäuscht, aber diese bittere Pille muss ich schlucken“, sagte Özgüven. Sie sieht das Problem in der „schlechten Stimmung auf Bundesebene“, andernfalls „hätte es anders ausgesehen“.

Angelika Löber musste bis zuletzt bangen. Trotz deutlich verfehlten Direktmandats zieht die SPD-Bewerberin des Wahlkreises 12 aber noch über die Landesliste in den Landtag ein. Auch in Wiesbaden war die Stimmung „sehr gedämpft“, wie OB Dr. Thomas Spies berichtete. Seiner Meinung nach war die Stimmenzahl „kein hessisches Ergebnis – 
es war eine Abstrafung an die Bundespolitik“, nur dass eben die hessische SPD alles abbekommen hätte.

Schalauske sieht „großartiges Ergebnis“

So niedergeschlagen die Stimmung bei den Genossen war, so zwiegespalten war sie bei den Linken. Entspannte Stimmung herrschte in der linken Parteizentrale in der Bahnhof­straße, wo das Wahlergebnis mit gemischten Gefühlen aufgenommen wurde. „Wir sind nicht im siebten Himmel, aber wir sind zufrieden“, sagte der ehrenamtliche Stadtrat Nico Biver.

So mancher im Raum hätte sich ein paar Prozent mehr erhofft, dennoch sei das Ergebnis mit mehr als sechs Prozent „ein Gewinn – bei den letzten Wahlen sind wir noch bei fünf Prozent herumgekrebst“. Deutlich mehr Begeisterung bei Landtagsmitglied Jan Schalauske, der sein Mandat verteidigte und seine Stimmenzahl mit mehr als 13 Prozent fast verdoppelte: „So ein großartiges Ergebnis hatten wir noch nie in Marburg und wir ziehen gestärkt in den Landtag ein.“

Auch Elisabeth Kula, Stadtverordnete aus Marburg, befand sich „in Partystimmung“, nachdem sie erfuhr, dass sie über die Landesliste der Linken in das Parlament einziehen wird. Es sei angesichts eines nun „leider ausbleibenden Politikwechsels“ schade, dass sich die Prognosen von acht Prozent plus nicht bestätigt hätten. Aber: „Wir werden eine starke, eine laute Opposition sein.“

Für FDP-Kandidatin reicht es nicht

Bei Lisa Freitag von der FDP überwog die Freude, obwohl sie nicht genug Stimmen für das ­Direktmandat bekommen hatte. „Es ist ein gutes Ergebnis. Wir haben stabil zugelegt. Und das sind ehrliche Stimmen und keine Zweitstimmen“, sagte sie auf OP-Anfrage während ihrer Fahrt zur Wahlparty nach Marburg, wo sie von etwa 100 Liberalen empfangen wurde.

Als ein „historisches Ergebnis“ werteten die Grünen ihr Ergebnis. „So grün war Hessen noch nie“, waren sich sowohl ­Angela Dorn in Wiesbaden als auch Fraktionsvorsitzende Sandra Laaz im Marburger KFZ einig. „Dieses Ergebnis zeigt uns, dass unsere Politik der Vernunft über rechte Hetze und Populismus gewonnen hat“, sagte Laaz direkt nach der ersten Hoch­rechnung. Angela Dorn wurde dann aus der Landeshauptstadt zugeschaltet und jubelte: „Ihr seid großartig! Geile Scheiße! In den nächsten Wochen müssen wir noch einmal richtig Gas geben. Aber so geschlossen, wie wir sind, schaffen wir das auch.“

von Andreas Schmidt, 
Ina Tannert und Katja Peters