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Landtagswahl 2018 „Ihr Beispiel sollte Schule machen“
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00:18 29.10.2018
Annegret Kramp-Karrenbauer im Quartier des Lebenshilfewerks in Gladenbach.  Quelle: Tobias Hirsch
Gladenbach

„Ich hoffe, dass Ihr Beispiel Schule macht“, sagte CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer gestern Abend zu Vertretern des Lebenshilfewerks in Gladenbach. Zuvor hatte Sebastian Weber, Leiter der ambulanten Dienste, das ambulante Wohnen vorgestellt. Es eröffnet Menschen mit Behinderung die Möglichkeit, allein oder in kleinen Wohngruppen weitestgehend selbstbestimmt zu leben – statt stationär in einer Hausgemeinschaft.

Die Region in der Vorreiterrolle

In Gladenbach finden in verschiedenen Unterkünften mit ein bis zu drei Bewohnern insgesamt 14 Menschen ein Zuhause. Neben den Wohnungen gibt es auch ein Begegnungszentrum, ein Pflege- und ein Bereitschaftszimmer.

Im Unterschied zu den Bewohnern von Hausgemeinschaften ist die Betreuung der Menschen im ambulanten Wohnen weniger pflegeintensiv. Die meisten im Quartier in Gladenbach haben geistige Behinderungen. Deshalb können dafür auch angelernte Kräfte eingesetzt werden, die vor allem beaufsichtigen oder beim Essen helfen. Dadurch ist bei ungefähr gleichen Kosten im ambulanten Wohnen ein besserer Betreuungsschlüssel möglich, erklärt Weber.

Auf die Frage Kramp-Karrenbauers, ob das Modell von allen Lebenshilfe-Einrichtungen in Hessen verfolgt wird, antwortete Weber, die Region habe früh eine Vorreiterrolle übernommen. Mit dem Verein zur Förderung der Inklusion behinderter Menschen (fib) in Marburg habe man eine „hochwertige“ Konkurrenz. „Wir haben uns gegenseitig zu Höchstleistungen angestachelt.“

Das Lebenshilfewerk Marburg-Biedenkopf habe quasi einen eigenen Pflegedienst gegründet. Einen, der auch die Betreuung und damit den pädagogischen Aspekt noch mit einschließt. So würden Reibungsverluste vermieden, weil die Mitarbeiter Pfleger und Betreuer in einem seien. Führend sei Marburg-Biedenkopf im Bereich der betriebsintegrierten Beschäftigungen. Rund 100 Menschen mit Behinderung arbeiteten statt in Werkstätten in Betrieben.

Zudem gebe es ein Modell der Unterbringung in Gastfamilien. 17 Menschen würden derzeit auf diese Weise betreut. Zusätzlich würden sie von einem Fachdienst begleitet.

Hessens Finanzminister Dr. Thomas Schäfer sah sich bei seinem Besuch zwei der Wohnungen in dem Quartier an. Zuerst besuchte er eine junge Frau, die allein lebt. „Für Behinderte finde ich das eine super Idee“, sagte sie und zeigte sich zufrieden über ihre Wohnung. Weiter ging es zu drei Frauen, die inzwischen seit zehn Jahren zusammenleben. „Sie werden fast rund um die Uhr betreut, können zusammen alt werden und bei ihren Freunden bleiben“, sagte Weber. Eine der Bewohnerinnen, eine über 60-Jährige, muss täglich drei bis vier Stunden gefüttert werden, um genug Nahrung aufzunehmen. „Das wäre stationär nicht möglich“, sagte Weber mit Blick auf die personelle Situation.

Auf die Frage, wie die Versorgung in der Region sei, antwortete Weber, die Wartelisten seien kurz. Dennoch empfehle er Familien, sich frühestmöglich um einen Platz zu bemühen. Wenn die Bezugsperson versterben würde und sich zur gleichen Zeit dann auch noch das Wohnumfeld ändere, sei das eine große Belastung für die Betroffenen.

von Freya Altmüller