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Hessen Leica kündigt Stellenabbau an
Mehr Hessen Leica kündigt Stellenabbau an
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16:13 13.06.2019
Erst vor wenigen Wochen stellte Superstar Lenny Kravitz bei Leica in Wetzlar seine neue Kamera vor und eröffnete eine Ausstellung. Nun scheint etwa jeder siebte Arbeitsplatz am mittelhessischen Hauptsitz in Gefahr. Quelle: Nadine Weigel
Wetzlar

Offenbar sollen bis zu 100 der rund 750 Arbeitsplätze am Hauptsitz in Wetzlar gestrichen werden. Das, obwohl Leica das Geschäftsjahr Ende März erfolgreich mit einem Gewinn von 40 Millionen Euro abgeschlossen hat. Manch Mitarbeiter fühlt sich vor den Kopf gestoßen. Die Jobsorgen sind groß, wen es treffen wird, ist noch ­unbekannt.

Das Unternehmen kündigte am Freitag zunächst eine Stellungnahme an, doch bis zum Abend gab es keinerlei Informationen. Zu den Hintergründen für den Einschnitt existieren nach der letzten Betriebsversammlung unterschiedliche Angaben. Vieles deutet daraufhin, dass die Leica Camera AG eine weitere Umstrukturierung in Richtung Digitalisierung plant – vom Mechanik- und Optik-Unternehmen hin zum Software- und App-Entwickler. Dafür sprechen einige Stellenausschreibungen parallel zum ­angekündigten Jobabbau. Ausgeklügelte digitale Features sind es, die Kunden heute auch in einer Leica-Kamera erwarten. Der weltweite Kameramarkt kämpft seit Jahren gegen oft zweistellige Rückgänge. Leica konnte sich bislang gegen diesen Trend behaupten. Doch zuletzt wurde auch die Premiummarke im klassischen Kamerahandel auf das Umsatzniveau von vor fünf Jahren zurückgeworfen.

Dunkle Wolken über Huawei

Es sind die Geschäfte abseits der Kameras, die die Umsätze bei Leica zuletzt getrieben haben. Doch auch über der seit 2016 bestehenden strategischen Allianz zwischen Leica und dem chinesische Smartphone-­Riesen Huawei, Nummer drei im Weltmarkt, brauen sich gerade­ dunkle Wolken zusammen. Nachdem Huawei infolge des US-Boykotts die Android-Lizenz durch Google entzogen wurde. Huawei-Premium-Geräte werden mit Leica-Optiken bestückt. Die Wetzlarer verdienen gut daran. Gemeinsam treiben die beiden Unternehmen Forschung und Entwicklung ­voran. Das Schicksal der Leica Camera AG hängt damit auch von der Zukunft Huaweis ab.

Mit den Verkaufsplänen von Blackstone schwebt seit zwei Jahren ein weiteres Damoklesschwert über Leica. Seitdem sucht der amerikanische Private-Equity-Investor einen Käufer für seinen 45-Prozent-Anteil – und findet keinen. Eingestiegen war Blackstone 2011. Im Jahr 2017 kursierten Preisvorstellungen von 450 Millionen Euro. Mehrheitseigner und Aufsichtsratschef Andreas Kaufmann hatte schon einmal laut über eine Rückkehr an die Börse nachgedacht, sollte sich kein Abnehmer für das Blackstone-Paket finden.

Bei Leica kennt man seit zehn Jahren nur eine Richtung: aufwärts. Umso unvermittelter kommt jetzt die Hiobsbotschaft aus dem Leitz-Park. Wie Phönix aus der Asche schaffte die Traditionsmarke nach der Anfang der 2000er verschlafenen Digitalisierung und einer Quasi-Zahlungsunfähigkeit mehr als den Turn-around. Der Konzernumsatz wurde innerhalb einer Dekade vervierfacht. Gegen den allgemein rückläufigen Trend hatte Leica im März 2018 mit 420 Millionen Euro das ­erfolgreichste Geschäftsjahr ­seiner Firmengeschichte abgeschlossen.

Edelkamera als Lifestyle-Artikel

Vater des Erfolgs ist ohne jeden Zweifel Andreas Kaufmann. Mit seiner Beteiligungsgesellschaft ACM stieg er 2004 bei Leica ein und übernahm 2006 die Mehrheit. Durch seine langfristigen Investitionen und eine grundlegende Restrukturierung fand die dahinsiechende Traditionsmarke zurück in die Erfolgsspur. Die verschlafene Digitalfotografie wurde mit neuen Kameragenerationen spurtartig nachgeholt. Die Mitarbeiterzahl ist bis heute auf weltweit 1400 gewachsen. Als Meilenstein gilt die Rückkehr der Leica 2014 in ihre Heimatstadt Wetzlar. Insgesamt 165 Millionen Euro flossen in den Leitz-Park mit seiner stadtbildprägenden Sichtbeton-Architektur. Leica zahlt für die repräsentative Unterkunft Miete an die Leitz-Park-GmbH, die sich ebenfalls in Kaufmann-Besitz befindet. Dem Vernehmen nach sind die hohen Mietkosten Investor Blackstone ein Dorn im Auge. Als ein strategischer Coup hat sich das Bemühen herausgestellt, den hochpreisigen ­Kameras und Zubehör ein Lifestyle-Image angedeihen zu lassen.

Erst vor zwei Wochen war Rockstar und Leica-Fotograf Lenny Kravitz zu Besuch im Leitz-Park, um neben seiner Ausstellung auch eine von ihm designte Leica M Monochrom in Krokodilleder-Optik vorzustellen. Auftritte wie diese haben längst dazu geführt, dass auch weniger ambitionierte Fotografen eine Leica gern als Accessoire um den Hals tragen. Das Leica-Portfolio ­wurde daraufhin stetig erweitert, vergangenes Jahr kamen mit der Eröffnung des dritten Bauabschnitts des Leitz-Parks eine Uhrenmanufaktur und ­Leica-Uhren hinzu.

von Steffen Gross