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Marburg Rettung aus der tödlichen Falle
Marburg Rettung aus der tödlichen Falle
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19:26 01.07.2022
Zum Glück ist in diesem Unfallwagen nur „der blaue Klaus“ eingeklemmt. Beim THVU-Lehrgang lernen Feuerwehrleute, wie sie Unfallopfer mit schwerem Gerät befreien können Hier wurde die Tür schon entfernt.
Zum Glück ist in diesem Unfallwagen nur „der blaue Klaus“ eingeklemmt. Beim THVU-Lehrgang lernen Feuerwehrleute, wie sie Unfallopfer mit schwerem Gerät befreien können Hier wurde die Tür schon entfernt. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Jedes Jahr sterben in Deutschland tausende Menschen bei Verkehrsunfällen. Laut Statistischem Bundesamt wurden im vergangenen Jahr 324 499 Menschen auf Deutschlands Straßen verletzt. Wenn es kracht, geht es um Leben und Tod. Die Freiwilligen Feuerwehrleute im Landkreis Marburg-Biedenkopf rücken jährlich rund 80 bis 100 Mal zu Verkehrsunfällen aus. Bei rund 40 Fällen treffen die Einsatzkräfte auf Unfallszenarien, bei denen Menschen in ihren Autowracks eingeklemmt sind.

Dann muss es schnell gehen und jeder Handgriff muss sitzen. Deshalb ist der Lehrgang für Technische Hilfeleistung Verkehrsunfall (THVU) einer der wichtigsten, den Feuerwehrleute machen können. „Der THVU-Lehrgang spiegelt die große Bandbreite der Feuerwehr vor allem im technischen Bereich wider. Er ist sehr spannend, aber auch herausfordernd, weil jede Einsatzsituation anders ist“, erklärt Tilo Funk. Der Kreisbrandmeister ist zum einen im Landkreis Marburg-Biedenkopf für die THVU-Ausbildung verantwortlich, zum anderen ist Funk aber auch Leiter der Werkfeuerwehr Behring. Die Profis aus der Marbach unterstützen die Ausbildung der ehrenamtlichen Kräfte des Kreisfeuerwehrverbandes. Deshalb findet unser achttägiger Lehrgang auch auf dem Gelände der Werkfeuerwehr statt.

So helfen Sie Ihren Rettern

Laut ADAC Unfallforschung kommt es bei jeder fünften Rettung zu Problemen mit eingeklemmten Personen. Auf der Rettungskarte, die hinter die Fahrersonnenblende geklemmt wird, finden Einsatzkräfte alle Informationen, um nach einem schweren Autounfall das Fahrzeugwrack an der richtigen Stelle aufzuschneiden und die Insassen schnellstmöglich zu retten.
Inzwischen bieten alle Autohersteller für ihre Modelle die Karte an, zunehmend nutzen die Feuerwehren auch die online abrufbare Rettungskarte. 2011 wurde die vom ADAC entwickelte Rettungskarte von der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ ausgezeichnet.

Hier kann die Rettungskarte für jeden Autotyp heruntergeladen werden.

Mir graut es am meisten vor der Theorie. Mathe hat mich schon in der Schule zum Weinen gebracht. Auch hier kommen mir die Formeln wie reine Zauberei vor. Aber siehe da: Die in der Theorie mysteriösen mechanischen Vorgänge ergeben plötzlich Sinn in der Praxis. „Feuerwehr lebt davon, dass man die Gerätschaften auch bedient“, betont Kreisausbilder Michael Stuhlmann lachend, als wir staunend vor dem mit ausgefallenen Gerätschaften ausgestatteten Rüstwagen stehen. Wir lernen, mit welchen Hilfsmitteln man verunfallte Fahrzeuge sichert und stabilisiert. Das ist nicht nur für den Eigenschutz essenziell. „Es ist vor allem auch wichtig, um den Patienten schonend mit schwerem Gerät aus dem Wagen befreien zu können“, erläutert Kreisausbilder Jochen Diehl. Wie logisch das ist, zeigt sich wenig später, als wir mit der hydraulischen Schere die tragenden Säulen eines Autos durchtrennen und mit dem Spreizer Autotüren aufdrücken. Gewaltige Kräfte wirken.

Im Laufe des Lehrgangs befreien wir unseren blauen Test-Dummy aus unterschiedlichsten Situationen: Mal liegt der Wagen auf der Seite, mal auf dem Dach, jedes Mal ist der blaue Klaus (so nennen wir den Dummy jetzt einfach mal) im Wagen eingeklemmt. Die Zeit rennt. „Liegt das Auto auf dem Dach, ist der Kopf des Patienten tiefer als sein Herz, jetzt müssen wir ihn schnellstmöglich rausholen“, sagt Ausbilder Wolfgang Schmidt. Das Blut staut sich im Kopf aufgrund der Schwerkraft, die Gefäße im Kopf haben keine Venenklappen, was den Rückfluss des Blutes erschwert, es droht Lebensgefahr.

Deshalb gab es weniger Verkehrstote

Die Zahl der bei Verkehrsunfällen getöteten Menschen in Deutschland ist im Jahr 2021 deutlich niedriger als im Vorjahr. Damit ist ein neuer Tiefststand seit Beginn der Aufzeichnungen erreicht. Wie eine Auswertung des Statistischen Bundesamts zeigt, sind im vergangenen Jahr 2 569 Menschen im Straßenverkehr ums Leben gekommen – im Vergleich zu 2020 ein Rückgang um 6 Prozent. Damals waren 2 719 Menschen gestorben. Der ADAC führt das Minus auf die coronabedingte geringere Fahrleistung zurück.

Bereits 2020 war das Verkehrsaufkommen um gut 10 Prozent gesunken, was zu einem deutlichen Rückgang der Zahl der Verkehrstoten geführt hatte. 2019, im letzten Jahr vor Corona, hatte das Statistische Bundesamt 3046 Verkehrstote registriert.

Was uns Ausbilder Christian Naumann schon in der Theorie eingebläut hat, wird jetzt mehr als deutlich: „Jeder Unfall ist anders!“ Nicht nur das: Auch jedes Auto ist anders. Die Autos werden immer moderner. Für uns Einsatzkräfte bedeutet das nicht nur, dass wir zunächst die Antriebsart rausfinden müssen – Benziner, Gas oder Elektro –, sondern auch, wo man den Wagen aufschneiden kann. „Jedes Auto hat eine andere Fahrzeugstruktur. In den vergangenen Jahren hat sich da viel geändert, es werden immer mehr gehärtete Materialien und auch mehr Sicherheitssysteme verbaut“, erklärt Kreisausbilder Carsten Müller. Das bedeutet: Selbst unsere Stahl-wie-Butter-zerschneidende Schere kann moderne Säulen manchmal nicht schneiden. Und wir müssen aufpassen, dass uns die Airbags beim Retten nicht um die Ohren fliegen. Kleiner Tipp an alle Autofahrerinnen und Autofahrer: Eine Rettungskarte hinter der Sonnenblende ermöglicht uns, Euch schnell zu retten (siehe Infokasten).

Hier geht's zum Video: 

Wir Lehrgangsteilnehmer jedenfalls sind nach unzähligen Rettungsmanövern pitschnass geschwitzt, um jede Menge Erfahrungen reicher und haben letztlich sowohl alle die theoretische, als auch die praktische Prüfung bestanden. Ein super Gefühl. Trotzdem hoffe ich, dass wir das Erlernte niemals im Ernstfall anwenden müssen.

Von Nadine Weigel