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Marburg Projekt Pegasus des bsj soll Kindern helfen
Marburg Projekt Pegasus des bsj soll Kindern helfen
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16:00 22.02.2022
Waldübernachtung in Hängematten: einer der Höhepunkte beim naturpädagogischen Angebot für Kinder psychisch kranker Eltern.
Waldübernachtung in Hängematten: einer der Höhepunkte beim naturpädagogischen Angebot für Kinder psychisch kranker Eltern. Quelle: BSJ Marburg
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Marburg

Wochenendfreizeiten und das eigene Baumhaus im Wald bauen: Um Einsamkeit schon in jungen Jahren vorzubeugen, brauchen Kinder den Kontakt mit Gleichaltrigen. Das ermöglicht das präventive Projekt „Pegasus“ des bsj Marburg, welches Kinder psychisch erkrankter Eltern stärken und gleichzeitig die ganze Familie entlasten soll. Ein erster Platz des Hessischen Elisabeth-Preises für Soziales 2020 war der Lohn, der zukunftsweisende Projekte auszeichnet, die sich unter dem Motto „Einsamkeit – Mittendrin, nicht außen vor“ engagieren.

Kinder „stärken und entlasten“

„Wir wollen diese Kinder stärken und entlasten, um eine eigene psychische Erkrankung zu verhindern“, sagt Projektleiterin Anika Mund. Acht Mal im Jahr treffen sich Pegasus-Mitarbeiterinnen und -mitarbeiter mit den Kindern zu naturpädagogischen Wochenendfreizeiten, hinzu kommen regelmäßige Gruppentreffen im Wald am Bauwagen. „Wir wollen die Kinder psychisch kranker Eltern aus den Familien herausholen, ihnen eine kleine ‚Auszeit‘ verschaffen“, sagt Anika Mund. Kontakte entstehen über die Familienhilfe, den sozialen Dienst oder die Familienhilfe. „Dabei gibt es keine fertige Diagnose für die Kinder“, sagt bsj-Geschäftsführerin Monika Stein. Das niedrigschwellige Angebot steht im Grundsatz allen Kindern im Landkreis offen und ist kostenfrei. Ein Fahr- und Bringdienst sorgt dafür, dass auch Kinder von ihrem Wohnort abgeholt und später wieder dorthin gebracht werden. Ein ähnliches Angebot wird derzeit auch für die Kinder aus der Stadt Marburg entwickelt. Einen Großteil der Kosten übernimmt die Aktion Mensch. Ein zweites Projekt, das speziell für Kinder aus der Stadt Marburg geplant ist, ist in Vorbereitung. Studien bestätigen zudem, dass die Belastung gerade für Kinder psychisch erkrankter Eltern gestiegen sei, berichtet Anika Mund. Dabei sei es für die betroffenen Kinder nicht so leicht, ihre eigenen Bedürfnisse aufzuspüren. So seien die gemeinsamen Mahlzeiten regelmäßig Höhepunkte der Freizeiten: Sie bedeuten Gemeinschaft, Kommunikation, Zusammenhalt – Dinge, die viele Kinder zu Hause nicht erleben.

Mund berichtet von einem kleinen Jungen, der zu „Pegasus“ gekommen ist. Er sprach nicht, reagierte wenig, zog sich in sich selbst zurück. Nach einigen Tagen nahm er sich ein Stück Holz und ein Schnitzmesser, später saß er mit seinen Altersgenossen am Lagerfeuer, noch später fing auch er an zu sprechen. Heute ist er ein ganz normaler Junge, der seine Sprache und seine Lebensfreunde wiedergefunden hat.

Wie vieles beim bsj steht auch hinter diesem Konzept ein erlebnis- und naturpädagogischer Ansatz. „Spielerische Aktivitäten in der Natur bieten den Kindern neue Erfahrungsmöglichkeiten, Chancen der Selbstwertsteigerung und fördern den Austausch mit Gleichaltrigen“, schreibt der bsj in einem Faltblatt über das Projekt.

Kontakt auch in Lockdown-Zeiten

Anika Mund und Monika Stein haben „Pegasus“ mit ihren Kolleginnen und Kollegen auch während der Corona-Pandemie aufrechterhalten, so gut es eben ging. Mit kleinen Bastelpaketen und regelmäßigen persönlichen Briefen wurde der Kontakt auch in Lockdown-Zeiten gehalten. Auch 1:1-Kontakte wurden angeboten – ein Kind und eine Betreuungsperson unternahmen etwas gemeinsam, beispielsweise eine Radtour. „Auch unter Corona-Bedingungen geht es darum, den Kindern Erfolgserlebnisse zu ermöglichen, sich zu entspannen, aber auch festzustellen: Wie geht es mir – ich bin mir wichtig“, sagt Anika Mund.

Das Projekt wurde von der Aktion Mensch noch einmal verlängert. Zurzeit entstehen neue Gruppen. Wer Interesse hat, kann sich beim bsj melden: Telefon 0 64 21 / 68 53 30. Das gilt auch für Kinder aus der Stadt Marburg, für die eine eigene Gruppe geplant ist.

Von Till Conrad