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Marburg Zwischen Verzweiflung und Ohnmacht
Marburg Zwischen Verzweiflung und Ohnmacht
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19:58 22.08.2021
Trauer und Tränen: Bei der Solidaritätskundgebung wurde bei vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern deutlich, wie sehr die dramatische Lage in Afghanistan auch die Menschen hier in Deutschland berührt.
Trauer und Tränen: Bei der Solidaritätskundgebung wurde bei vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern deutlich, wie sehr die dramatische Lage in Afghanistan auch die Menschen hier in Deutschland berührt. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Sie kann ihre Tränen nicht zurückhalten. So wie Jasmin geht es an diesem Samstagnachmittag zahlreichen Menschen vor dem Erwin-Piscator-Haus. Rund 150 sind gekommen, um ihre Solidarität mit den Menschen in Afghanistan zu demonstrieren. Viele haben die afghanische Flagge in der Hand oder halten Schilder hoch: „Luftbrücke jetzt“ oder „Kein Mensch ist illegal“ sind darauf zu lesen. „Es ist katastrophal und schmerzt, man findet keine Worte für das, was gerade in Afghanistan passiert“, versucht Jasmin ihre Verzweiflung und Ohnmacht zu beschreiben. Die 25-jährige Studentin ist in Deutschland geboren, hat aber noch Verwandte in Afghanistan.

Die Angst um geliebte Menschen bewegt nicht nur Jasmin, sondern auch die Rednerinnen und Redner der Kundgebung. So wie Rostam Nazari, der 2015 im Alter von 15 Jahren selbst aus Afghanistan geflohen war und mittlerweile ein Buch über seine Flucht geschrieben hat. „Die Menschen müssen jetzt gerettet werden“, fordert Nazari und verurteilt das Bestreben der westlichen Mächte, mit den Taliban zu verhandeln. „Man verhandelt nicht mit Mördern, man stellt sie vor Gericht“, betont er.

Forderungen nach sofortiger Evakuierung

Auch Samna Hefny fordert eine sofortige Evakuierung der Menschen in Afghanistan und kritisiert die Politik scharf. „Die aktuelle Situation lässt sich auf das Versagen der Politik der internationalen Gemeinschaft während der letzten 20 Jahre zurückführen“, so Hefny, die auch deutliche Worte für die Aussage des CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet findet. Dieser hatte gesagt, 2015 – das Jahr der Flüchtlingswelle – dürfe sich nicht wiederholen. „Das einzige, was sich nicht wiederholen darf, ist die Planlosigkeit dieser Bundesregierung, die es nicht geschafft hat, ein sicheres Aufnahmeverfahren für Geflüchtete zu schaffen und stattdessen mit Warlords zusammengearbeitet hat“, betont Hefny und erntet Applaus.

Sareh Darsaree, Initiatorin der Kundgebung und stellvertretende Vorsitzende des Marburger Ausländerbeirates, erinnert an die Schicksale der tausenden Frauen und Mädchen, die nun unter dem Regime der Taliban leiden müssen. Sie kritisiert aber auch die Berichterstattung der Medien. „Wenn sie schreiben, dass die Taliban von Tür zu Tür gehen, um Mädchen zum Heiraten zu suchen, beschreiben sie nicht, was wirklich passiert – nämlich die Vergewaltigung Minderjähriger und nichts anderes“, betont sie.

Shaima Ghafury, die 1992 aus Afghanistan floh, und Aladin Atalla vom Ausländerbeirat sind sich einig, dass der Einmarsch der Amerikaner in Afghanistan 2001 schon ein Fehler war. „Afghanisches Blut darf nicht mehr wertlos sein“, so Atalla, der wie die anderen Redner eine schnelle Evakuierung der Menschen am Flughafen von Kabul fordert.

Von Nadine Weigel

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