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Marburg Friseure am Limit
Marburg Friseure am Limit
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13:58 21.01.2021
Die Friseure müssen weiter geschlossen haben – das fördert nicht nur das illegale Frisieren, der Verband befürchtet auch eine Insolvenzwelle.
Die Friseure müssen weiter geschlossen haben – das fördert nicht nur das illegale Frisieren, der Verband befürchtet auch eine Insolvenzwelle. Quelle: Tittel/dpa
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Marburg

Der Lockdown wird bis Mitte Februar verlängert - und damit bleiben auch die Friseure geschlossen. Die Frisuren wachsen also weiter – theoretisch zumindest. Denn trotz geschlossener Salons gibt es Menschen, die nicht nur offenbar frisch, sondern auch gut frisiert sind. „Wer aktuell mit kurzen Haaren oder frisch frisiert herumläuft, muss sich entweder erklären oder hat gegen die Corona-Verordnung verstoßen, indem ein Friseurtermin im Verborgenen wahrgenommen wurde“, heißt es auf einem Plakat, mit dem Friseure dafür werben, dass die Kunden ihnen die Treue halten und eben keine illegalen Termine wahrnehmen sollen.

Bundesweit ist immer wieder davon zu lesen, dass Friseure beispielsweise im Keller Kunden frisieren oder auch illegale Hausbesuche machen. Wie schaut es in Marburg aus? „Beim Ordnungsamt der Stadt sind vergangene Woche zwei Hinweise dazu eingegangen. Nach Kontrollen durch das Ordnungsamt wurde in einem Fall ein Bußgeldverfahren eingeleitet, in dem anderen Fall konnte kein Verstoß festgestellt werden“, teilt Stadt-Pressesprecherin Birgit Heimrich auf Anfrage der OP mit.

Friseurbetriebe vor dem Aus

Der verlängerte Lockdown verschärfe die Situation für das Friseurhandwerk dabei erneut. „Viele Friseurbetriebe stehen vor dem Aus. Ich befürchte eine Insolvenzwelle in unserem Handwerk in den nächsten Monaten, wenn den Betrieben nicht sofort geholfen wird“, so Harald Esser, Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks. „Die zugesagten Hilfen müssen passgenauer und schneller bei den Betrieben ankommen“, fordert Esser.

Rolph Limbacher, Kreishandwerksmeister und Inhaber von zehn Friseursalons seiner Kette „Domino“ von Fritzlar bis Weilburg, weiß dass der Druck auf die Friseure hoch ist: „Kunden versuchen, Inhaber zu überreden, mal eine Ausnahme zu machen – oder Anfragen kommen, die Friseure sollen zu ihnen nach Hause kommen“, erzählt er. Das geschehe nicht nur bei den Inhabern von Salons, sondern vor allem auch bei den Angestellten. „Da wird mit Geld gelockt – oder mit der Drohung, dass sie später nicht mehr zu ihnen kommen und schon jemand anderen finden“, berichtet Limbacher. Schwarzarbeit gebe es in der Branche leider ohnehin – jetzt noch verstärkt. „Man sieht ja immer wieder Leute, die einen neuen Haarschnitt haben, Frauen, die keinen ungefärbten Ansatz mehr haben – ich erkenne ja, ob da einfach nur jemand mit der Maschine drübergegangen ist oder ob es ein professioneller Friseur war“, sagt Limbacher.

Not lässt die Versuchung steigen

Dass die wirtschaftliche Not die Friseure mitunter zu solchen Schritten bewege, sei ein Stück weit nachvollziehbar, denn das Personal befinde sich ja in Kurzarbeit. „Friseure sind ohnehin keine Spitzenverdiener – wie sollen die denn dann so lange mit Kurzarbeitergeld auskommen?“, fragt er. Zudem fehle auch komplett das Trinkgeld, das auch einiges ausmache. Da sei die Versuchung, illegal zu schneiden, durchaus vorhanden.

„Daher sagen wir auch: Lasst uns doch die Salons öffnen. Denn bei uns sind die Hygienestandards geregelt, nachweislich ist an Ansteckungen nichts passiert. Was jetzt allerdings in irgendwelchen Kellerräumen oder Wohnzimmern geschieht, kann keiner kontrollieren – da wird wahrscheinlich keine Maske getragen“, so der Kreishandwerksmeister. Die Friseure wären bereit, die Hygienekonzepte weiter zu verfeinern, beispielsweise mit FFP2-Masken. „Lasst uns arbeiten und sichert die Arbeitsplätze“, fordert Rolph Limbacher.

Und: Auch für die Unternehmer sei die Situation extrem. „Ich habe immer gesagt: Limbacher, was soll dir denn passieren. Wenn ein Salon abbrennt, es im nächsten ein Erdbeben gibt und im dritten einen Wasserschaden – dann habe ich immer noch genug Läden, um das aufzufangen. Aber diese Schließung jetzt, das war immer unvorstellbar.“

Kosten laufen weiter

Er sagt: „Ich habe bisher noch keinen Cent bekommen.“ Die Corona-Soforthilfe habe nur für Betriebe bis 50 Mitarbeiter gegolten – Limbacher beschäftigt 120, „da waren wir raus“. Also nahm er einen KfW-Kredit auf, alleine schon, um die Mieten bedienen zu können. Ob von den weiteren Hilfspaketen etwas bei „Domino“ ankomme, wisse er noch nicht. „Der Unternehmer muss ja auch von irgendwas leben können, seine Krankenversicherung zahlen und, und und“, so Limbacher – da gebe es kein Kurzarbeitergeld. Und: Auch die 20 Azubis mussten zunächst weiterhin bezahlt werden, „denn die kommen erst nach sechs Wochen in Kurzarbeit“, sagt Limbacher.

Immerhin gebe es laut Zentralverband einige Lichtblicke – denn das Bundeswirtschaftsministerium habe angekündigt, die Beantragung der Überbrückungshilfe zu vereinfachen. „Der Zentralverband fordert einen raschen Re-Start des Friseurhandwerks und begrüßt die angekündigten Planungen für eine Öffnungsstrategie“, so Präsident Esser. Gemeinsam mit der Berufsgenossenschaft habe man mit dem neuen Arbeitsschutzstandard für das Friseurhandwerk „bereits eine zentrale Grundlage für einen sicheren Re-Start der Salons geschaffen“.

Von Andreas Schmidt

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