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Marburg Die „Müllhalde menschlicher Abgründe“
Marburg Die „Müllhalde menschlicher Abgründe“
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19:58 18.03.2019
Carsten Dalkowski hätte sich auch vorstellen können, als Staatsanwalt zu arbeiten. Jetzt sitzt er auf der „anderen Seite“. Foto: Thorsten Richter
Carsten Dalkowski hätte sich auch vorstellen können, als Staatsanwalt zu arbeiten. Jetzt sitzt er auf der „anderen Seite“.  Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Arik Thaye Bredendiek, 46 Jahre, wirkt agil, geschäftig, gilt als sehr akribisch in dem, was er tut. Er ist Strafverteidiger, genauso wie sein Kanzleipartner. Carsten Dalkowski, 47 Jahre. Er wirkt ausgeglichen, menschlich.
Beide Juristen vereint die Liebe zum Beruf, auch wenn sich das viele nicht vorstellen können. „Die Frage, warum wir das machen, kommt immer wieder von Leuten, die Jura-fern sind“, sagt Arik Bredendiek.

Für den gebürtigen Bremer ist die Strafverteidigung eine Naturellsache. „Ich brauche das Geschehen“, gibt er zu. Zusammenhänge erkennen und die Karten zum richtigen Zeitpunkt spielen – das reizt ihn jeden Tag aufs Neue. Die Zwischentöne erkennen und dann den Deal machen. „Das kriegt man auf der Uni nicht beigebracht. Was man da findet, stimmt nicht mit der Realität überein“, hat er sehr schnell nach seinem Staatsexamen festgestellt.

Ähnlich erging es auch Carsten Dalkowski. Der gebürtige Marburger hat in der Lahnstadt und in Kassel studiert. „Ich konnte mir nach dem Zweiten Staatsexamen auch sehr gut vorstellen, Staatsanwalt zu werden,“ erklärt der Marburger seinen Sinn für Gerechtigkeit.

Vom Drogenabhängigen zum Dax-Unternehmer

Jetzt verteidigt er Drogenabhängige genauso wie Dax-orientierte Unternehmer. „Dazwischen liegen Diebstähle, Kinderpornografie und Mord“, fasst er sein täglich Brot zusammen und betont: „Wir verteidigen nicht die Tat, sondern den Täter. Das ist ein wichtiger Unterschied, der manchmal in der Öffentlichkeit verloren geht. “

Immer wieder stellt er fest, wie wichtig das Strafrecht ist. „Manchmal fehlt der Öffentlichkeit die Objektivität. Wir haben ein Täterstrafrecht. Und Täter sind Menschen unseres Staates und haben die gleichen Grundrechte wie alle anderen auch“, stellt er klar.

Die Rechtsstaatlichkeit ist ein ganz wichtiges Instrument, das viele zu schätzen wissen, wenn sie selbst einmal in die Mühlen der Justiz geraten. „Das eigene Hemd ist einem dann näher als die Hose“, sagt Dalkowski. Das Gesetz gäbe den Rahmen für die Verurteilung vor. Denn: „Einsperren ist nicht die Antwort auf alles.“

350 bis 400 Fälle laufende Strafsachen werden in ihrer Kanzlei Kelz & Partner bearbeitet. Die Erwartungshaltung sei Wahnsinn. Dabei spiele es keine Rolle, ob es sich um eine Pflichtverteidigung oder ein Wahlmandat handele. „Schwere Anschuldigungen erweisen sich auch mal als Lüge. Umso wichtiger ist es dann, einen Verteidiger zu haben“, sagt Bredendiek (Foto: Nadine Weigel).

Er ist immer offen mit seinen Mandanten. Verteidigt er eine rechtsradikal motivierte Tat, „dann sage ich dem Mandanten gleich am Anfang, dass ich das scheiße finde“. Er ist ehrlich: „In mir schreit manchmal alles. Deswegen muss ich trotzdem heute das linke und morgen das rechte Spektrum verteidigen können.“ Und genau das will er. Die Möglichkeiten, die das Gesetz hat, ausloten. „Ich möchte niemanden unschuldig im Gefängnis sehen“, betont er. 

Für ihn ist „die Aussage des Mandanten die Aussage des Mandanten. Ganz oft bestimmt der durch seine Geschichte, wie die Verteidigung läuft.“ Und klar darf er auch schweigen. „Die Staatsanwaltschaft muss die Tat beweisen.“ 

Im Laufe der Jahre „wird man zwangsläufig zum Hobbypsychologen. Die Antenne für Charaktere wächst stetig“, beschreibt er das, was er im Studium nicht gelernt hat: den Umgang mit Menschen, mit ihrer Lebensgeschichte, mit ihren Taten.

Seit mehr als 15 Jahren ist er nun schon in Marburg. Für ihn ist klar: Sein eigenes Sicherheitsempfinden, die Wahrnehmung der Öffentlichkeit, hat sich mittlerweile verschoben. „Deswegen wirke ich manchmal abgestumpft, obwohl ich das gar nicht bin.“

Eine dem Fall angemessene Strafe

Abgestumpft wirkt Carsten Dalkowski nicht. Aber in sich ruhend. Er attestiert sich selbst einen „sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn“. Ganz häufig gäbe es gar keine Freispruch-Strategie, „aber das Ziel einer angemessenen Strafe. Eine dem Fall angemessene Strafe“, betont er.

Wenn er sich Videos von Kinderpornografie anschauen muss, „dann finden wir das genauso furchtbar wie die Bevölkerung“. Manche Obduktionsberichte geistern wochenlang in seinen Gedanken herum. „Manchmal fühle ich mich wie eine Müllhalde menschlicher Abgründe“, gibt er zu. Und trotzdem fasziniert ihn seine Arbeit, seine Berufung, nach wie vor.

Dabei gehe es vor Gericht viel menschlicher zu, als das in der Öffentlichkeit oder in Filmen oft dargestellt wird. „Es ist kein Zweikampf zwischen Staatsanwalt und Verteidiger. Und es wird auch kein Groll gegenüber dem anderen gehegt“, stellt Dalkowski richtig. „Klar spielen wir schon unsere Rollen. Aber wir sind ja auch Menschen und können das einschätzen.“ Auch nach einem harten Gefecht vor Gericht können sich Staatsanwaltschaft und Strafverteidiger noch in die Augen sehen. „Vorkommnisse im Gericht werden sachlich abgehakt und nicht persönlich genommen“, betont er und fügt hinzu: „Schließlich sind wir alle nur Menschen.“

von Katja Peters