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Marburg Raus aus der Digitalmisere: Zwei Schüler auf Mission
Marburg Raus aus der Digitalmisere: Zwei Schüler auf Mission
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13:54 01.03.2021
Lennard Nawin (links) und Lars Neubauer wollen Schulen bei der Digitalisierung helfen.
Lennard Nawin (links) und Lars Neubauer wollen Schulen bei der Digitalisierung helfen. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Keine Zettelwirtschaft. Keine schweren Ranzen. Das geballte Wissen, die Arbeiten und Hausaufgaben, Notizen und Gedanken der letzten drei Jahre stecken in einem wenige Gramm schweren Gerät. Infos zu Mathe, Deutsch, Englisch und vielen, vielen anderen Fächern tragen Lennard Nawin und Lars Neubauer in ihren iPads.

Die beiden machen gerade ihr Abitur am Gymnasium Philippinum und sind nebenbei auf einer vielleicht noch viel wichtigeren Mission: Schule raus aus der Digitalmisere holen. Okay, eventuell ist das ein wenig hochgegriffen, aber sie wollen auf jeden Fall das, was ihr Schulleben so sehr erleichtert hat, anderen vermitteln.

„Das iPad im Unterricht hat mir entscheidend dabei geholfen, so effizient wie möglich zu arbeiten, und auch für die Vorbereitung auf das Abitur ist es von großem Nutzen“, sagt Lars Neubauer. Der 18-Jährige hat, als er 2018 in die Oberstufe kam, Collegeblock und Hefte gegen das iPad Pencil eingetauscht – und war begeistert. „Es hat mein schulisches Leben total erleichtert“, erinnert er sich.

Geschrieben wird auf dem iPad

Lennard macht es ihm kurze Zeit später nach. „Immer mehr aus unserem Jahrgang sind dann umgestiegen, mittlerweile arbeiten schon gut 40 Schülerinnen und Schüler mit dem iPad“, freut sich der ebenfalls 18-jährige Lennard. So funktioniert’s: Beide scannen ihre Materialien ein und schreiben dann auf dem iPad.

„Das Gute ist, dass auch meine Handschrift erkannt wird“, sagt Lars und tippt in der Suchfunktion „Demokratie“ ein. Sofort erscheint auf dem iPad alles, was er in seiner Oberstufenzeit zum Thema „Demokratie“ verfasst hat.

Die beiden Abiturienten sind so begeistert, dass sie ihr Wissen nun weitertragen wollen. Deshalb haben sie „LN Consulting“ gegründet. Mit ihrer Beratungsfirma wollen sie vor allem Schulen helfen, auf digitales Arbeiten umzustellen.

Deutschlands Schulen hinken hinterher

„Das ist eine gute Sache. Mit ihren Anregungen aus Schüler-Perspektive können sie einen wichtigen Beitrag leisten zur Gestaltung des digitalen Unterrichts“, sagt Thomas Ferber, Leiter der Vorzeigeschule schlechthin, wenn es ums Thema Digitalisierung geht. Der Schulleiter der Richtsberg-Gesamtschule (RGS) hat alle seine 645 Schülerinnen und Schüler mit iPads ausgestattet, im sogenannten „PerLenWerk“ wird personalisiert auf jedes Kind eingegangen.

Während Ferber die RGS bereits in die schöne neue Welt der Digitalität führt, kämpfen die meisten Schulen noch mit der Digitalisierung. „Schule ist heute noch immer Milliarden Kilometer weit entfernt von der Lebenswelt der Kinder und der ganzen Gesellschaft“, betont der Leiter der RGS.

Ferber findet es deshalb sehr gut, dass Lars Neubauer und Lennard Nawin den Schulen auf ihrem Weg raus aus der analogen Welt helfen wollen und will die beiden Abiturienten dabei unterstützen. Wie wichtig digitales Lernen ist, zeigt aktuell die Corona-Pandemie auf verheerende Weise: Die Schulen geschlossen, Lernplattformen und Eltern am Limit.

Das iPad habe das Lernen vereinfacht

Laut UN-Kultur- und Bildungsorganisation Unesco hat die Pandemie „die größte Störung der Bildungssysteme in der Geschichte verursacht“. Im Vergleich zu anderen Staaten hinken Deutschlands Schulen in puncto Digitalisierung hinterher. Bereits zum Zeitpunkt der Pisa-Erhebung 2018 waren nur 33 Prozent der Kinder an einer Schule eingeschrieben, deren Schulleiter „zustimmte“ oder „stark zustimmte“, dass eine effektive Online-Lernunterstützungsplattform verfügbar sei, wie es in einem Bericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD heißt. Das liege weit unter dem Durchschnitt der OECD-Länder (54 Prozent).

Es muss sich also unbedingt etwas ändern in Sachen digitales Arbeiten, da sind sich Lars und Lennard einig. „Der Umstieg aufs iPad hat unser Lernen so sehr erleichtert, dass wir uns gern dafür einsetzen möchten, dass digitales Arbeiten und die damit verbundenen Vorteile jedem zugänglich gemacht werden“, so Lennart.

Helfen wollen die beiden jedoch nicht nur den heimischen Schulen. Ein Drittel der Gewinne aus ihrer Beratungstätigkeit wollen sie für ein Kinderhilfsprojekt in Afrika spenden.

Von Nadine Weigel

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