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Marburg Richtungsentscheidung in Dagobertshausen
Marburg Richtungsentscheidung in Dagobertshausen
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12:00 02.03.2021
Dagobertshausen mit dem Hofgut.
Dagobertshausen mit dem Hofgut.
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Dagobertshausen

Ein kleines Dorf, ein seit Jahren schwelender Konflikt und eine Richtungsentscheidung: Die Wahl des Dagobertshäuser Ortsbeirates wird spannend. In dem Marburger Stadtteil treten zwei konkurrierende Listen an – mit klar unterschiedlichen Positionen. Streitpunkt ist die Frage: Wie viele Veranstaltungen sind gut für das 350 Einwohner zählende Dorf? Denn das Unternehmen Vila Vita betreibt in Dagobertshausen die Event- und Kulturscheune, das Restaurant Waldschlösschen sowie eine Reitsportanlage, ein Landhotel ist in Planung. Das sei zu viel für den Ort, findet die 2018 gegründete Stadtteilinitiative „Leben und Wohnen in Dago“ und beklagt sich über Lärm und Verkehr bei Veranstaltungen. Nun bewerben sich Vertreter der Initiative als „Bürger*innenliste Leben und Wohnen in Dagobertshausen“ für das Gremium mit drei Sitzen – neben der „Dorfgemeinschaftsliste Dagobertshausen“, die sich auf Initiative des bisherigen Ortsbeirats gebildet hat.

Rücksichtsloser Ausbau oder mehr Lebensqualität?

2009 hatte die Unternehmer-Familie Pohl „Scherers Hof“ in Dagobertshausen gekauft, zwei Jahre später das benachbarte Waldschlösschen. Auf dem Hofgut werden unter anderem Spargel, Kartoffeln und Obst angebaut. Schritt für Schritt entstanden in den alten Gebäuden des Hofes die Event- und Kulturscheune und ein kleines Gästehaus, die Reitsportanlage kam hinzu. Wie die Stadt Marburg auf OP-Anfrage mitteilte, gab es im Laufe der Jahre insgesamt 28 Bauanträge, von denen sechs von den Antragstellern zurückgezogen und 22 genehmigt wurden – darunter auch denkmalschutzrechtliche Genehmigungen, temporäre Genehmigungen für Erdaufschüttungen, kleine Anbauten sowie Nutzungsänderungen. Weitere sieben Bauanträge liegen demnach der Stadt vor. Vila Vita plant nun im benachbarten Mengelhof ein Landhotel, das laut Geschäftsführer Michael Hamann weniger als 30 Zimmer haben soll. Dafür hat die Stadt nach eigenen Angaben noch keine Genehmigung erteilt. „Das Objekt wird nach geltenden rechtlichen Vorschriften bewertet“, erklärt Birgit Heimrich, Pressesprecherin der Stadt. „Das heißt: Wenn dem Bauvorhaben keine öffentlich-rechtlichen Vorschriften entgegenstehen, muss die Stadt die Genehmigung erteilen.“

„Der Ausbau der Eventbetriebe ist rücksichtslos passiert, es wurde immer wieder neu gebaut und auf Einwände nicht eingegangen“, kritisiert Dr. Thomas Rautenberg, der auf Listenplatz eins der neuen „Bürger*innenliste“ kandidiert und gemeinsam mit Ute Göbel-Lehnert das Buch „Dagobertshausen. Ausverkauf eines Dorfes?“ veröffentlicht hat. „Und ein Ende der Entwicklung ist nicht in Sicht.“ Hamann bewertet die Situation völlig anders: „Wir bringen Lebensqualität in diese Region“, sagt er – und verweist darauf, dass auf dem Hofgut neben privaten Feiern und Konzerten auch volksfestartige Veranstaltungen wie der Weihnachtsmarkt oder das Familienfest stattfinden. Die Familie Pohl habe verfallene Gebäude gekauft – „und wir entwickeln dieses Areal zu etwas Schönem“. Selbstverständlich sei alles durch die politischen Gremien gegangen und behördlich genehmigt worden, sagt Stephan Bretz, Justiziar von Vila Vita. Auch auf Umweltschutz lege das Unternehmen viel Wert, fügt Bretz hinzu: „Nachhaltigkeit schreiben wir hier groß.“

Die Sichtweisen könnten also unterschiedlicher nicht sein, die Fronten sind verhärtet. Auch die Corona-Monate, in denen keine Veranstaltungen stattfinden durften und die Gastronomie geschlossen war, haben die Gemüter nicht beruhigt. Eine Mediation kam nicht zustande. Die Stadtteilinitiative wirft der Stadt vor, ihr Mediationsangebot zurückgezogen zu haben. Die Stadtverwaltung verweist darauf, dass die Konfliktparteien Vorbedingungen gestellt hätten, die nicht miteinander vereinbar gewesen seien.

Hamann betont, wenn es sachliche Kritik gebe, suche man immer eine Lösung – zum Beispiel mit einem Shuttle-Service, um den Autoverkehr zu reduzieren, oder mit großen Lärmschutztoren an den Ein- und Ausgängen der Event-Scheune. Das Verhältnis zu den Nachbarn des Hofguts sei gut. Dass nun eine Ortsbeiratsliste antritt, die sich gegen seinen Betrieb richtet, nimmt er gelassen hin: „In einer Demokratie muss es für alles eine Liste geben dürfen.“ Wenn aber Kritiker forderten, Vila Vita solle in Dagobertshausen den Betrieb einstellen, dann könne er das nicht akzeptieren – auch mit Blick auf die 150 Mitarbeiter.

In die große Scheune passen nach seinen Angaben maximal 250 Besucher, in die Kulturscheune maximal 90 – bei vielen Veranstaltungen seien es aber wesentlich weniger. Die Stadtteilinitiative kritisiert, es habe im Jahr 2018 in Dagobertshausen insgesamt 250 Veranstaltungen mit rund 80 000 Besuchern gegeben. Vila-Vita-Geschäftsführer Hamann widerspricht. „Ich weiß nicht, wo sie diese Zahlen herhaben wollen – das ist totaler Nonsens.“ Durch das Hotel werde die Besucherzahl nicht steigen, sagt Hamann – aber nach Hochzeiten oder Tagungen könnten künftig die Gäste vor Ort übernachten.

Ortsbeirat: Hotel übersteigt Dimensionen unseres Ortes

Doch auch der bisherige Ortsbeirat lehnt das geplante Landhotel ab. „Das übersteigt die Dimensionen unseres Ortes“, findet Ortsvorsteher Peter Reckling. Rautenberg wirft dem Ortsbeirat gleichwohl vor, er habe die Expansion der Veranstaltungsbetriebe im Ort unkritisch hingenommen. „Der Ortsbeirat ist auf die Beschwerden aus der Bevölkerung kaum eingegangen“, sagt Rautenberg, „wenn das Thema überhaupt auf der Tagesordnung stand, wurden die Probleme eher beschwichtigend und verniedlichend behandelt.“ Der Ortsvorsteher weist das zurück: „Sehr wohl hat der Ortsbeirat auf die Park- und Lärmsituation reagiert“, sagt Reckling, der auf Platz eins der „Dorfgemeinschaftsliste“ kandidiert. „Wir haben mit Ordnungsamt und Betreiber Gespräche geführt und gefordert, dass sich etwas ändert – es hat sich auch zum Teil geändert.“ Der Ortsbeirat könne aber nichts verhindern, er könne nur Stellung nehmen.

Reckling bedauert, dass zwei Listen auf dem Wahlzettel stehen. Denn hätten alle Bewerber – auch Mitglieder der Stadtteilinitiative – auf einer Liste kandidiert, hätten die Wähler aus der gesamten Liste diejenigen ankreuzen können, denen sie ihre Stimme geben wollen. Nun stehen für jede Liste nur drei Kandidaten auf dem Wahlzettel.

Dafür gibt es klar unterscheidbare Positionen. „Wir stellen uns eine grundlegende Neuausrichtung von Dagobertshausen vor“, formuliert Ute Göbel-Lehnert das Ziel der neuen „Bürger*innenliste“. Bisher habe sich die Politik zu sehr an „kommerziellen Investoreninteressen“ ausgerichtet. Der Ortsbeirat solle nicht Moderator zwischen den Interessen der Gewerbebetriebe und der Bürger sein, sondern Interessenvertreter der Wohnbevölkerung. „Leben und Wohnen in Dagobertshausen zuerst!“, lautet der Slogan der neuen Liste.

Dem Vorwurf, eine „Ein-Thema-Liste“ zu sein, widersprechen Rautenberg und Göbel-Lehnert energisch und verweisen auf weitere Entwicklungen, die die Lebensqualität im Ort bedrohen könnten: Den neuen Regionalplan Mittelhessen, den städtischen Masterplan Behringwerke und Windkraft-Pläne am Görzhäuser Hof. Zudem fordern sie, auch Dagobertshausen müsse ein Bürgerhaus haben.

Wie denkt die Mehrheit der Dorfbewohner?

Die Dorfgemeinschaftsliste formuliert als Ziel unter anderem mehr Verkehrssicherheit – durch den Ausbau von Rad- und Fußwegen, Entschleunigung der Zufahrten in den Ort und die weitere Regulierung des Parkens bei Veranstaltungen. Sie will laut Reckling „die Dorfgemeinschaft erhalten, dass wir uns verständigen und nicht separieren oder aufspalten“. Dazu plane die Liste zum Beispiel Dorf-Veranstaltungen und Wanderungen.

Die Gefahr der Spaltung sieht er gerade wegen des Streits um die Veranstaltungsbetriebe. „Im Ort sagen nicht alle, es ist verwerflich, was da stattfindet“, betont Reckling. „Es gibt auch Leute, die gehen gerne dort ins Restaurant oder auf den Weihnachtsmarkt, wenn er stattfindet.“ Rautenberg und Göbel-Lehnert schätzen indes, dass mindestens ein Drittel der Dagobertshäuser hinter ihrer Initiative steht, vielleicht auch mehr. Wie die Mehrheit in Dagobertshausen wirklich denkt – das wird nach der Wahl am 14. März klarer sein.

Ortsbeirat Dagobertshausen

Ortsbeiräte sind im Wesentlichen beratende Gremien. Sie müssen nach § 82 der Hessischen Gemeindeordnung in Angelegenheiten, die den Ort betreffen, gehört werden, und nehmen Stellung zu Fragen, die ihnen der Magistrat oder die Stadtverordnetenversammlung vorlegt. Außerdem haben Ortsbeiräte ein Vorschlagsrecht. Darüber hinaus kann eine Stadt oder Gemeinde einem Ortsbeirat auch bestimmte Angelegenheiten zu Entscheidung überlassen – zum Beispiel die Verteilung aus Mitteln der Ehrenamtspauschale.

Der Ortsbeirat Dagobertshausen hat drei Sitze. Für das Gremium kandidieren zwei Listen. Die Kandidaten auf den ersten drei Plätzen sind:

Dorfgemeinschaftsliste Dagobertshausen: 1. Peter Reckling, 2. Ursula Schroeder, 3. Philippe Mund.

Bürger*innenliste Leben und Wohnen in Dagobertshausen: 1. Dr. Thomas Rautenberg, 2. Ute Göbel-Lehnert, 3. Dr. Dieter Brazel.

Von Stefan Dietrich

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