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Marburg Zum Schluss gibt’s ein Stück „Mando“ für jeden
Marburg Zum Schluss gibt’s ein Stück „Mando“ für jeden
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19:00 11.12.2021
Carmen (von rechts) und Jürgen Schwartz schließen ihre Gaststätte in knapp zwei Wochen – vorher findet noch ein „Gaststätten-Flohmarkt“ statt. Ex-Azubi und Koch Sinan Alobaidi übernimmt das Restaurant und wird es im Februar neu eröffnen.
Carmen (von rechts) und Jürgen Schwartz schließen ihre Gaststätte in knapp zwei Wochen – vorher findet noch ein „Gaststätten-Flohmarkt“ statt. Ex-Azubi und Koch Sinan Alobaidi übernimmt das Restaurant und wird es im Februar neu eröffnen. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Schröck

Nach 54 Jahren ist Schluss – zumindest vorerst: Carmen und Jürgen Schwartz schließen die Gaststätte Balzer in Schröck – besser bekannt unter dem Dorfnamen „Mando“. Warum? „Aus gesundheitlichen Gründen“, sagt Carmen Schwartz. Schon am Sonntag, 12. Dezember, ist der letzte reguläre Öffnungstag. Und dann kann jeder noch sein persönliches Stück von „Mando“ ergattern. Denn ab Montag findet bis zum 22. Dezember täglich von 15 bis 20 Uhr ein „Gaststättenflohmarkt“ statt. „Dabei verkaufen wir alles – von der Deko über Küchenutensilien und Krimskrams bis hin zur Einrichtung, auch alles Weitere, was sich in den vergangenen Jahrzehnten so angesammelt hat“, sagt Carmen Schwartz.

Gut zwei Jahrzehnte lang haben sie und ihr Mann Jürgen die Gaststätte geführt. „Es fällt uns natürlich unglaublich schwer, von den Gästen loszulassen“, sagt Carmen Schwartz. Zu sehr ist sie mit dem Dorf verwurzelt, liebt die Kommunikation – und hat auch immer die Tradition hochgehalten, „mir schwätze platt“, sagt sie, und entsprechend gab es auch die „traditionellen Küchenklassiker“, die sich sonst nicht mehr auf Speisekarten finden. Und „Mando“ ist auch Vereinsgaststätte „von zwei bis drei Vereinen“.

Und auch den positiven Stress wird sie vermissen. „So wie gestern Abend: Wir hatten die Bude voll sitzen, beide Bonbretter hingen voll – dann bin ich immer am schauen, am planen, am organisieren und koordinieren, damit alles klappt. Und wenn man dann alles gewuppt hat, die Gäste zufrieden sind und es positive Rückmeldungen gibt – das ist ein tolles Gefühl, das wird mir fehlen.“

Was ihr indes nicht fehlen wird, ist die Verantwortung, „von der kann ich jetzt beruhigt loslassen“. Auch bei den Gästen gebe es viel Wehmut. Das lag auch am besonderen Service, „wenn Stammkunden kamen, hatte mein Mann ihnen ihr Getränk schon auf den Tisch gestellt, bevor sie saßen“, sagt Carmen Schwartz. Überhaupt habe ihr Mann versucht, seinen Gästen alle Getränkewünsche – vom Wein bis zum Whiskey – zu erfüllen. „Alles bis auf Jägermeister – denn den hasst er.“

Ehepaar arbeitet weiter

Die Wehmut hält sich wohl auch deshalb in Grenzen, weil das Ehepaar der Gaststätte treu bleibt. Denn: Ex-Azubi Sinan Alobaidi übernimmt das Restaurant – und Carmen und Jürgen Schwartz werden ihm als 450-Euro-Kräfte zur Seite stehen. „Allerdings ist es dann auch gut, wenn man einfach Feierabend machen kann.“ Dazu gehört auch, dass das Ehepaar aus der Wohnung über der Gaststätte auszieht, dort Platz für Sinan und seine Frau Noor und deren beiden Kinder macht. „Wir ziehen ins Gästehaus, das wir weiter führen werden“, sagt Carmen Schwartz.

Für Sinan war der Weg zum Koch in Deutschland im Allgemeinen und in Schröck im Besonderen kein leichter. Er floh 2015 aus dem Irak, kam mit seiner Familie in einem Schlauchboot, „das ein Loch hatte – daher mussten wir alles Gepäck über Bord werfen“, erinnert er sich. Über die Balkan-Route kam die Familie nach Deutschland, war nach Stationen in Berlin und Gießen dann in Moischt. „Ich war im Irak schon Koch, doch wurde das hier nicht anerkannt.“

Also absolvierte Alobaidi ein Praktikum bei Carmen Schwartz. Die bot ihm auch eine Ausbildungsstelle an. „Aber ich wollte noch was anderes sehen“, sagt er. Also begann er die Ausbildung in der Fasanerie – hörte dort aber nach einem halben Jahr auf. „Vom Richtsberg mit dem Bus nach Gisselberg zu kommen, dauerte jeden Tag ewig lange“, erzählt er.

„Chef Sinan“ ist Internet-Star

Da er abends dann auch noch Deutsch lernte, brauchte er mehr Zeit – und klopfte wieder bei Carmen Schwartz an. Die bildete „Chef Sinan“, wie er im Internet heißt, aus. Und bei der Prüfung kam es dann für den Iraker zu einer echten Herausforderung: „Ich habe während meiner Ausbildung schon immer das Problem gehabt, dass ich ja kein Schwein esse.“ Zubereitet habe er Schnitzel & Co. dennoch. Doch bei der praktischen Prüfung „bekamen alle anderen Gerichte mit Rind, Lamm oder Geflügel – nur ich musste Wildschwein zubereiten.“ Zum Glück habe er jahrelange Erfahrung, „also habe ich das Wildschwein mit Soße zubereitet, ohne es zu probieren – und es war das beste Gericht des Tages.“

Und als Familie Schwartz ihrem Ex-Azubi das Restaurant zur Übernahme anbot, da zögerte er nicht lange, nachdem die Finanzierung gesichert war. Also gibt es ab Februar arabische Küche im Mando. Wird das klappen? „Bestimmt“, ist sich Sinan sicher, „wenn wir hier arabische Woche angeboten haben, war es auch immer voll.“ Er will auch auf die Wünsche eingehen – auch ohne Schnitzel. Und: Im Netz hat er alleine auf YouTube 745 000 Follower. „Da werden schon Gäste kommen“, sagt er lachend.

Von Andreas Schmidt