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Marburg Marburgs Bollywood-Rapper erinnert an seine „Mama“
Marburg Marburgs Bollywood-Rapper erinnert an seine „Mama“
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09:18 09.05.2021
Ramon Belsat während des Video-Drehs für den Song „Mama“.
Ramon Belsat während des Video-Drehs für den Song „Mama“. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

„Erst wenn sie nicht mehr da ist, spürst du es – du spürst den Schmerz und leidest. Du wirst dann nicht mehr der sein, der du warst.“ Ramon Belsat sagt diesen Satz heute, zwölf Jahre nach dem schlimmsten Tag, den schlimmsten Wochen seines Lebens. Es ist 2009 und seine Mutter klagt über Kopfschmerzen. Nichts Wildes. Doch die Ärzte finden später heraus, dass die 48-Jährige Krebs hat, ein Hirntumor so groß wie eine Faust. Zwei Monate nach der Diagnose ist die Frau, die mit ihrem Ehemann Jahre zuvor aus Indien nach Marburg, genauer: nach Schröck, dann St. Jost kam, später nach Ockershausen auswanderte, tot.

„Kein Tag vergeht, an dem ich nicht an sie denke“, sagt der damals 21-, heute 33-Jährige. Und weil das so ist, hat er, in Marburg vergangenes Jahr als „Bollywood-Rapper“ bekannt geworden, einen Song geschrieben und wird ihn pünktlich zum Muttertag an diesem Sonntag samt Videoclip veröffentlichen. Das Lied „Mama“ erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, der machtlos mit ansehen muss, wie ein geliebtes Elternteil, das alles für ihn und die Geschwister gemacht hat, erkrankt, körperlich zerfällt und stirbt.

Belsat singt darüber, wie auf den Gang ins MRT ein Gang ins Paradies folgt. Er versucht ein Bild von seiner Verzweiflung, dem Schmerz, auch der Geschwister, zu zeichnen, aber auch von einer Person, die „herzlich, ein wundervoller und ehrlicher Mensch“ war. Sie sei eine einfache Hausfrau gewesen, und doch so viel mehr. „Ihr Tod hat mir das Herz rausgerissen.“ Doch der Mensch, der er heute sei und was ihm wichtig sei – das hänge mit ihr zusammen. „Im Leben den geraden Weg einzuschlagen, ehrlich und gut, für andere und speziell die Familie da zu sein: Sie hat mir am Sterbebett drei Dinge mitgegeben und die beherzige ich.“

Später Abschiedsbrief

Es sind diesmal, in diesem späten Abschiedsbrief und anders als in vorherigen oder kommenden Songs, keine sonderlich lyrischen Rap-Reime. Es ist eine Erzählung „direkt aus dem Herzen“, wie er sagt. „Das Texten ging mir sehr nah, ich habe viel geweint dabei – aber es floss mir aus den Fingern.“ Schon nach der Erkrankung schrieb er unter dem Künstlernamen „McRamon“ seine Gedanken auf, machte daraus einen Liedtext und brachte „Ich bete für dich“ heraus. Es war ein Liebesgeständnis an die Mutter, die es aber – zumindest in Musikform – nie hörte. „Doch, ich glaube ganz fest daran, dass sie es gehört hat und auch das neue Lied wieder hören wird“, sagt er in Bezug auf den aktuellen musikalischen Abschiedsbrief. Der Tod der Mutter habe ihm klar gemacht: Jederzeit kann das Leben von Geliebten, gerade von den oft als so selbstverständlich wahrgenommenen Eltern, vorbei sein. „Liebe sie, respektiere sie, ehre sie – irgendwann ist es dafür zu spät.“

Belsat hat für sich entschieden, auch weil die Mutter ihn am Sterbebett darum bat, mehr denn je für seinen bis heute sehr unter dem Verlust leidenden Vater da zu sein. „Gerade für Mama und ihn war es nicht immer leicht. Sie haben alles für mich, für uns Geschwister getan. Für uns in Deutschland ein besseres Leben aufgebaut. Für mich war mit dem Tod meiner Mutter klar, dass ich mein Leben umkrempeln und für ihn da sein muss.“ Eigentlich wollte der Callcenter-Mitarbeiter nach seinem vor rund einem Jahr veröffentlichten Musikvideo „Bollywood Queen“ in der Rap-Karriere schon weiter sein – eine Sportverletzung bei einem Fußballspiel des FC Waldtal bremste ihn aus. Operation, Reha, aber immerhin noch mehr Zeit zum Komponieren und Texten, zum Feilen an Ideen mit den Kumpels Shalau Baban und Patrick Bäsecke. Mit „Mama“ wollte er zwar seine musikalische Vielseitigkeit zeigen und dem Rap-Thron näherkommen. Aber vor allem will er „die Herzen derer erreichen, die etwas ähnliches durchgemacht haben“ und eine Botschaft vermitteln: „Gebt eurer Mama alle Liebe, die ihr in euch habt.“

Kommentar "Die Stützen der Gesellschaft"

Weder brauchen sie Blumen noch Pralinen oder Applaus samt warmer Worte: Eltern, speziell Müttern muss im Alltag stärker praktisch und strukturell geholfen werden. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wer die Stützen der Gesellschaft sind und auf wessen Schultern die Last liegt: Auf jenen der Kinder und Jugendlichen, damit untrennbar verbunden auch deren Eltern. Niemand sollte unterschätzen, welche psychosozialen Dramen sich im Dauer-Lockdown hinter verschlossenen Türen auch in Marburg abspielen. Nur weil darüber kaum geredet wird, sei es aus Scham, Angst oder einfach Kraftlosigkeit, ändert das nichts an der Realität und der fatalen Wirkung auf die kindliche und familiäre Entwicklung.

Ertragen von Vätern, getragen vor allem von Müttern. Wenn also an diesem Sonntag (9. Mai), dem zweiten Corona-Muttertag der Geschichte, wieder öffentliche Lobes- und Dankeshymnen angestimmt werden, sollten vor allem weibliche Bürger bei den vollmundigen Volksvertretern auf tiefgreifende und anhalte Reformen in der Familienpolitik pochen. Eine Schneise für eine entsprechend überfällige eltern- und somit weiterhin vor allem frauenfreundlichere Zukunft ist "dank" Corona bereits geschlafen. Nicht mal so sehr Sonderzahlungen, vielmehr Regelungen wie 30 - besser á la Polen und Schweden 60 - Kinderkrankheitstage, ein Homeoffice-Anspruch, spürbare Steuererleichterungen, moderne Lehrpläne und angepasste Unterrichtszeiten in Schulen oder ausgedehntere Kita- und Schulbetreuungs-Zeiten. 

Letzteres nicht nur aus Wirtschafts- sondern aus Gemeinsinn-Interesse: Je früher ein Mensch in der Gesellschaft ankommt, je mehr soziale Einflüsse auf ihn einströmen und je vielfältiger die menschlichen Kontakte sind, desto besser für die Persönlichkeitsentwicklung. Ob etwa die Krankentage-Regelung nur notgedrungen war und bei nächster Gelegenheit zurückgedreht wird, ob Hürden statt Hilfen eingebaut und die eher schlechte als rechte Bezahlung in Sozialberufen fortgesetzt werden, wird sich nach September zeigen. Vor allem Mütter sollten sich an der Wahlurne an ihre Leistungen und Bürden erinnern, ihren Wert Politik, Gewerkschaften und Arbeitsgebern bewusst machen. Das bringt mehr als jeder Blumenstrauß.

Von Björn Wisker