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Marburg Zu Impfende vertrauen ihrem Hausarzt
Marburg Zu Impfende vertrauen ihrem Hausarzt
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20:00 06.04.2021
Dr. Claudia Baniahmad zeigt die drei Impfstofffläschchen, die sie kurz in ihrem Kühlschrank zwischengelagert hat, bis sie weiter zum Hausarzt geliefert werden.
Dr. Claudia Baniahmad zeigt die drei Impfstofffläschchen, die sie kurz in ihrem Kühlschrank zwischengelagert hat, bis sie weiter zum Hausarzt geliefert werden.
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Marburg

Ein Paar aus einem Marburger Stadtteil, beide jenseits der 80, war sich von Beginn an einig, sich nicht um einen Impftermin im Impfzentrum zu bemühen. Schon gar nicht in Heuchelheim, aber auch nicht später, als das in Marburg eröffnet wurde. Für die beiden stand fest, sich nur beim Hausarzt impfen zu lassen. Sie wussten, dass das dauern könnte, aber darauf hatten sie sich bewusst eingestellt. Gerade die Zeit von Dezember, wo schon in der Adventszeit auf alle sonst üblichen Familientreffen verzichtet wurde, bis März sei doch sehr intensiv gewesen, berichten die beiden. „Wir können uns glücklich schätzen, uns zu haben“, sagt der Mann. Jeder konnte in der Wohnung seinen Beschäftigungen nachgehen im Bewusstsein, immer jemanden zum Reden dazuhaben. Das sei schon eine Erleichterung gewesen, diese Zeit so durchzuhalten. Ob es da nicht doch besser gewesen wäre, einen Tag herzugeben für das Impfzentrum? Das wollen die beiden nicht in Abrede stellen, aber für sie ganz persönlich sei es keine Option gewesen. Das habe etwas mit Vertrauen zu tun. Der Arzt wisse einfach, wer welche Medikamente nimmt und könne deshalb alles sofort richtig einschätzen, wenn etwas vorfalle.

Nun endlich können sie bei ihrem Hausarzt geimpft werden und gehören tatsächlich aufgrund ihres Alters auch zu denen, die in dieser Woche einen Termin haben. Dieser stand schon länger fest. Der Arzt wusste nämlich um das Vorhaben des Paares und rief es an, sobald klar war, dass er in dieser Woche erstmals Impfstoff zur Verfügung haben wird. Der Ehemann wundert sich schon über die Impfstrategie, Menschen seines Alters und darüber hinaus aufzufordern, zu einem Impfzentrum zu kommen. Das sei doch mit sehr viel Stress verbunden, wenn man körperlich nicht mehr so mobil sei. Beim Hausarzt, der nur wenige Kilometer entfernt seine Praxis hat, könne man sich darauf verlassen, sofort zur ausgemachten Uhrzeit dranzukommen, und sei so auch schnell wieder zu Hause.

Die Ankündigung, dass nun das Impfen beim Hausarzt möglich ist, hat gestern bei einigen Praxen zu einem wahren Ansturm an telefonischen Nachfragen geführt. In der Marburger Hausarztpraxis von Dr. Ulrich Wortmann, Meike Hofacker und Dr. Ulrike Kretschmann berichtet man wegen der Reaktionen jener Menschen, denen man einen Impftermin Ende dieser Woche geben konnte, von den „gefühlsmäßig größten Erlebnissen als Ärzte“. Viele Patienten würden sogar „in Tränen ausbrechen“, manche seien „völlig außer sich“ vor Freude, andere vor Glück „sprachlos“. In der in Marburg eigens aufgebauten Impfstraße werden sie alle Ende der Woche gegen Corona geimpft. Für die Mitarbeiter der Gemeinschaftspraxis, die die Praxis-Erweiterung aufbauten, sei vor allem bei den schwerkranken jungen Menschen die „Erleichterung spürbar“.

Die Verlautbarung, dass in vielen Bundesländern die Hausärzte ab Dienstag mit den Corona-Impfungen in ihren Praxen beginnen, wurde in Hessen schon wieder ein bisschen gedämpft, weil zunächst einmal die Auslieferung angesagt war und keineswegs schon gestern alle Ärzte über Impfstoff verfügten. Die Auslieferung dauert mitunter noch an. Das könnte mitunter an der komplizierten Bestellweise liegen. Als „etwas umständlich“ bezeichnet die Sprecherin der heimischen Apotheker, Dr. Susanne Rück, das Verfahren: Es funktioniere so: „Hausärzte können jeweils nur dienstags bis 12 das Rezept ausstellen, wir regionale Apotheken müssen dann am gleichen Tag die Impfdosen beim Großhändler bestellen. Am Donnerstag bekommen die Apotheke die Rückmeldung, wie viele Dosen sie tatsächlich bekommen.“ Dies entscheide letztlich die Bundesregierung, die den knappen Impfstoff möglichst gerecht zu verteilen versuche. Am darauffolgenden Montagmorgen werde dann der derzeitig bei minus 70 Grad zu lagernde Impfstoff von Biontech vom Großhändler aufgetaut und an die regionalen Apotheken geliefert. Bis zur Verimpfung blieben dann 120 Stunden Zeit, so Rück.

In der Praxis von Dr. Ortwin Schuchardt kann das Impfen schon heute losgehen. Die eingeplanten Dosen des Biontech-Impfstoffes sollten gestern Nachmittag in der Praxis eintreffen. Fünf Patienten sollen dabei pro Stunde geimpft werden. Die Patienten entstammen den Prioritätengruppen, die jetzt an der Reihe sind. Es gebe eine sehr gute Nachfrage nach Impfterminen unter den Patienten. Aber diese Nachfrage sei aktuell gut beherrschbar, so der Stadtallendorfer Mediziner. Der ganze große Impfdruck sei im Hinblick auf die Altenheime jetzt weg. Unter seinen Hausbesuchspatienten seien neun, die kurzfristig geimpft werden sollen, berichtet Schuchardt, der auch Pressesprecher der Ärztegenossenschaft Prima ist. Das werde vororganisiert, die Impfung erfolge gleich am Anfang des Besuchs, damit die Beobachtungszeit von 15 bis 30 Minuten einhaltbar sei. Im Durchschnitt verfügen die Praxen deutschlandweit zunächst über 26 Impfdosen. Das soll sich aber bis Monatsende deutlich erhöhen.

Von Björn Wisker,Michael Rinde, Götz Schaub und Nadine Weigel

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06.04.2021
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