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Marburg Einmal Perspektivwechsel, bitte!
Marburg Einmal Perspektivwechsel, bitte!
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19:59 14.06.2019
Nichts als schwarz: Wer die „Finstaverne“ im Marburger „Caveau“ besucht, der sieht nicht mal die Hand vor Augen. Quelle: Katharina Kaufmann-Hirsch
Marburg

Es riecht nach Feuchtigkeit und alten Mauern. Die Hitze des Tages hat den Weg hier hinunter noch nicht gefunden. Zwölf Gäste dagegen schon. Im warmen Licht einer Lampe sind sie nach und nach eine schmale Treppe hinabgestiegen. Ein schwarzer Vorhang wird zur Seite gezogen. Ein weiterer Vorhang folgt zwei Schritte später. Dann herrscht Dunkelheit. Absolute Dunkelheit. Die Augen ­wollen sehen, können es aber nicht. „Herzlich Willkommen in der Finstaverne“, ertönt eine raue Männerstimme und jemand greift die Gäste an der Hand.

Jeden ersten, dritten und – so es einen gibt – fünften Montag im Monat (außer in den Semesterferien) verwandelt sich der Gewölbekeller des „Caveau“ in die „Finstaverne“. Dann wird der Raum mit zwei Vorhängen zum Flur hin abgedunkelt und man sieht nichts mehr. Wirklich nichts mehr. Essen und Trinken gibt es trotzdem. Serviert von blinden Kellnern, die extra dafür eingearbeitet und nur für diese Abende eingesetzt werden.

Bildunterschrift: Ein Teil des Teams der "Finstaverne" mit Dominic Hagen (von links), Verena Hofmann, Rena de Buhr, Hendrik Langenfurth und Caveau-Chefin Isabel Kühn. Foto: Katharina Kaufmann-Hirsch

Verena Hofmann und Dominic Hagen sind zwei von ihnen und gehören zudem zum Organisa­tionsteam der „Finstaverne“. Die Idee hinter dem Dunkelcafé ist eine ganz simple: „Wir wollen Sehenden zeigen, wie man sich ohne Augenlicht zurecht finden, essen, trinken und Spaß haben kann“, erklärt die 30-jährige Jura-Studentin, die seit ihrer Geburt blind ist: Einfach mal raus aus dem Alltag und rein in eine neue Situation. Ein ­Perspektivwechsel. „Plötzlich kommt es auf ganz andere Dinge an als sonst. Die Ohren, die Nase, die Hände sind plötzlich viel stärker gefordert als zuvor“, erklärt Hofmann. Darauf müsse man sich einlassen.

Die Gäste an diesem Montagabend haben das Experiment gewagt. Eine Gruppe junger Frauen kichert laut und schrill, während jede ihren Stuhl sucht. Zumindest hört es sich laut und schrill an. Die Ohren sind im Dunklen empfindlicher.

Die Gruppe englischsprachiger Gäste einen Tisch weiter unterhält sich dagegen sehr leise. „Das ist eines der Phänomene im Dunkelcafé“, berichtet Verena Hofmann: Die einen drehen total auf, die anderen werden extrem ruhig.

Wer seinen Platz am Tisch eingenommen hat, kann wenige Augenblicke später ­bestellen. „Was darfs denn bei euch sein?“, fragt Rena de Buhr. Wie alle anderen Mitarbeiter der „Finstaverne“ ist sie blind. Nach der speziellen Einarbeitung ­findet sie sich nun problemlos in dem Gewölbekeller zurecht. Sie weiß, wo hinter der Bar welche Getränke stehen und wie weit es von Tisch 2 zu Tisch 5 ist. Tisch 5 bestellt neben Getränken auch Essen. Ausgesucht haben die Gäste die Speisen aus der ­Karte bei Licht – während der ­kurzen Einweisung, bevor es in den ­Keller ging.

Bis zu 25 Gäste gleichzeitig werden in der „Finstaverne“ bewirtet. „Aus Platzgründen haben wir das beschränkt“, erklärt Dominic Hagen. Denn zu ­viele sei nicht gut, dann werde es zu laut und damit zu anstrengend für die Gäste. „Sie sollen ja auch Spaß haben“, ergänzt Verena Hofmann.

Die ersten Getränke kommen. Die drei blinden Kellner verständigen sich mit leiser Stimme. Flaschen und Gläser klirren, die jungen Frauen haben sich zugeprostet und brechen in Lachen aus. Sie haben Spaß. Und Verena Hofmann lobt: „Das Zuprosten ist unter Blinden gar nicht so einfach. Respekt.“

Das Essen schmeckt intensiver

Kurze Zeit später kommt das Essen aus der Küche von oben. Vom Vorhang ertönt ein leises „Essen für Tisch 1“, dann blitzt ganz kurz etwas Licht auf. Die Augen versuchen angestrengt, etwas zu sehen. Aber es ist schon wieder dunkel. Dafür steht Essen auf dem Tisch: Beliebt ist der Bistro-Burger mit Salatbeilage. Am Tisch nebenan hat auch jemand Suppe bestellt, laut Verena Hofmann eines
der kompliziertesten ­Essen, die man im Finstern zu sich nehmen kann.

Aber auch blind einen Burger zu essen fällt nicht ganz leicht. Erst einmal gilt es das Brötchen auf dem Teller zu ertasten. „Ich hab den Salat gefunden“, ertönt eine Stimme, schallendes Gelächter folgt. Beim Biss in den Burger tropft Soße und ein Teil der Beilagen fällt hinunter. Wohin ist ungewiss. Tisch oder Hose? Egal. Sieht ja eh keiner. Wer beim Versuch, den Salat mit der Gabel aufzu­spießen, dreimal die leere Gabel im Mund hatte, der scheut schließlich auch nicht davor zurück, die Finger zu benutzen. Sieht ja eh keiner. Die Kellner verteilen hinterher Feuchttücher.

Der Geschmack des Essens ist im Dunklen jedenfalls intensiver. Vor allem deshalb, weil man erst im Mund wirklich merkt, was man isst. Gurke, Tomate, Fleisch – erst am Geschmack lässt sich das feststellen. Gleiches beim Cocktail. „Achtung, da ist eine Fruchtgarnitur am Glas und ein Strohhalm drin“, warnt die Kellnerin, damit nichts ins Auge geht.

„Das ist das Besondere an einem Abend bei uns“, betont Dominic Hagen: „Erst wenn man es selbst ausprobiert und die Perspektive wechselt, weiß man, wie es Blinden und Sehbehinderten im Alltag ergeht.“

Geld ist für Blinde taktil

Bestes Beispiel dafür ist schließlich das Bezahlen. Auch das geschieht im Dunklen. Wohl dem, der vorher einen Blick in das Portemonnaie geworfen hat und weiß, was er an Geld dabei hat. „Das macht genau 18 Euro“, rechnet Rena de Buhr aus, um gleich darauf zu erklären, wie Blinde den 10-Euro- vom 20-Euro-Schein unterscheiden. Denn sowohl das ­Papier- als auch das Münzgeld ist für Blinde und Sehbehinderte extra gekennzeichnet. Mit der Hand kann am Rand gefühlt werden, wie viele Riffelfelder und wie viele glatte Flächen dazwischen sind. Fünf Euro beispielsweise sind durchgehend geriffelt, zehn Euro haben eine Unterbrechung, 20 Euro zwei Unterbrechungen. 50 Euro sind wieder durchgehend geriffelt, dafür aber größer als ein Fünf-Euro-Schein. Auch die Münzen haben taktile Ränder.

Der Abend geht langsam zu Ende. So wie es hinein ging ins Dunkle, so geht es auch wieder hinaus: an der Hand eines Kellners. „Am besten, du machst die Augen erst nochmal zu, dann ist der Schock nicht ganz so groß“, erklärt die raue Männerstimme vom Anfang – und entlässt die Gäste hinter den Vorhängen ins Licht.

von Katharina Kaufmann-Hirsch