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Marburg Es geht darum, Sterbenden Aufmerksamkeit zu schenken und Angehörige ein Stück weit zu entlasten
Marburg Es geht darum, Sterbenden Aufmerksamkeit zu schenken und Angehörige ein Stück weit zu entlasten
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13:00 01.01.2022
Felicitas Zimmermann (links) und Julia Kunz koordinieren die Einsätze der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der ambulanten Hospizarbeit.
Felicitas Zimmermann (links) und Julia Kunz koordinieren die Einsätze der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der ambulanten Hospizarbeit. Quelle: Götz Schaub
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Marburg

Hospiz – damit verbinden viele Menschen die letzte Station, in der das Leben schließlich recht schnell zu Ende geht. Sie verbinden mit dem Wort Hospiz eine stationäre Einrichtung, aus dem es für die betreffende Person, sagen wir es klar und deutlich, aus unterschiedlichen Gründen kein Zurück mehr ins Leben gibt. Im Hospiz sterben Menschen, nicht alleine, sondern begleitet.

Es gibt aber auch eine ambulante Hospizarbeit. Natürlich geht es auch dabei um die Begleitung einer sterbenden Person, aber die Art der Begleitung ist eine andere und will eigentlich viel früher ansetzen. Koordinatorinnen des ambulanten Hospizdienstes der Johanniter Unfallhilfe in Marburg sind Sozialpädagogin Julia Kunz und Felicitas Zimmermann, examinierte Krankenschwester. Im Interview erläutern sie, wie ambulante Hospizarbeit aufgebaut ist, dass jeder, der sich dafür interessiert, anderen Menschen zu helfen, sich dort engagieren kann.

OP: Um es gleich deutlich zu sagen, auch eine ambulante Hospizarbeit geht davon aus, dass die zu betreuende beziehungsweise zu begleitende Person sterben wird.

Julia Kunz: Das ist richtig, aber ambulante Hospizarbeit startet bestenfalls noch relativ weit entfernt vom Sterbezeitpunkt. Wobei wir auch die Erfahrung machen, dass wir oftmals tatsächlich viel zu spät gerufen werden, wenn der Tod einer Person schon sehr absehbar ist.

Felicitas Zimmermann: Das ist eigentlich sehr schade, weil wir durchaus uns als Hilfe begreifen, die viel früher aktiv werden möchte und auch kann.

OP: Wer sind die Zielpersonen?

Kunz: Es sind nicht nur die Menschen, die aufgrund ihres Alters oder einer Krankheit sterben werden, es sind auch deren Angehörige. Wir möchten dem sterbenden Menschen Zeit und Aufmerksamkeit schenken und den Angehörigen Entlastung in einer schwierigen Zeit. Wir können es gar nicht oft genug sagen, dass es sich bei dieser Leistung keinesfalls um einen Bezahldienst handelt. Wir machen das komplett kostenfrei über eigens und intensiv geschulte ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Zimmermann: Ehrenamtliche, die wissen, was auf sie zukommt, von denen manche selbst eine Begleitung erlebt haben und nun gerne anderen Menschen in vergleichbaren Situationen etwas Hilfe bieten möchten.

OP: Von wie vielen Menschen sprechen wir da?

Zimmermann: Von einem Pool von rund 70 Ehrenamtlichen. Es sind aber nie alle zur gleichen Zeit aktiv. Wenn uns eine Anfrage erreicht, haben wir etwa 40 Menschen, die bereit sind, sich einzubringen.

Kunz: Es ist dann an uns, auch eine gewisse Vorauswahl zu treffen, denn auch hier ist es wie überall im Leben. Nicht alle Menschen passen gut zueinander. Das fängt bei Lebensumständen an. Nicht jeder kann in Haushalte mit Tieren gehen, andere haben Schwierigkeiten mit Rauchern. Manchmal ist es besser, eine Person gleichen Geschlechts zu nehmen, manchmal aber auch genau anders herum.Wie sagt man immer, die Chemie zwischen Begleiter und Betroffenem sollte einfach stimmen. Das alles finden wir beim Erstgespräch heraus, ehe dann jemand aktiviert wird. Im Grunde geht es darum, sich auf die betreffende Person einzulassen, sich selbst ein wenig zurückzunehmen. Keinesfalls sollte versucht werden, die Führung zu übernehmen, das ist hier gar nicht gefragt. Aber die ehrenamtlichen Begleiter wissen das auch und es ist nicht ihr Anspruch. In der Regel gehen wir beim ersten Treffen zusammen mit den Ehrenamtlichen in die betreffende Familie und bieten auch an, dass beide Seiten uns Koordinatorinnen frei sagen können, ob es für sie passt oder nicht. Wir möchten schließlich auch, dass sich beide Seiten bei weiteren Treffen aufeinander freuen können.

OP: Die erste, oder sagen wir, die zentrale Aufgabe ist es also, der betreffenden Person je nach deren Bedürfnissen auch eine schöne Zeit zu geben und Angehörige zu entlasten. Wo sind die Grenzen gesetzt?

Kunz: In der Tat handelt es sich um eine psychosoziale Begleitung, nicht um eine pflegende. Pflegerische Maßnahmen müssen von den Angehörigen und/oder den professionellen Pflegediensten übernommen werden. Unsere Ehrenamtlichen müssen auch nicht rund um die Uhr verfügbar sein, es sei denn, sie haben das direkt im Einzelfall für eine bestimmte Situation vorher mit den Angehörigen ausgemacht. In der Regel findet der Besuch einmal in der Woche statt und es wird immer wieder miteinander abgestimmt, wie die Treffen gestaltet werden.

OP: Es fällt schon etwas schwer, so nüchtern darüber zu reden, aber was sind so die üblichen Zeitspannen?

Zimmermann: Das Wort Hospiz wird ja doch sehr weit verbreitet mit einer Begleitung in den letzten Tagen oder Stunden verbunden. Das ist in der ambulanten Hospizarbeit anders. Uns geht es um die Zeit davor. Zeit, die die sterbende Person oft noch sehr intensiv erlebt, in der sie Anteil nimmt, an dem, was um sie herum passiert und sich dadurch auch intensive Gespräche entwickeln können. Dafür wollen wir da sein. Wenn man den Zeitrahmen benennen will, dann sind es einige Wochen, manchmal ein halbes Jahr. In wenigen Fällen dauert es länger. Sicher können sich die beiden Personen dabei auch nahe kommen, aber eine gute Distanz ist auch wichtig, um nicht in eine persönliche Trauer zu fallen.

OP: Man sollte sich also nicht emotional einlassen?

Zimmermann: Es ist sicher besser, sich emotional nicht zu verstricken und dabei trotzdem empathisch zu bleiben. Die ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben immer die Möglichkeit, mit uns zu sprechen, wenn es zu belastend werden sollte und haben zusätzlich Anspruch auf Supervision. Und in der Regel machen sie nach jeder Begleitung erst einmal eine Pause.

Kunz : Das ist auch ein Grund, warum wir mehr Freiwillige benötigen als wir laufende Begleitungen haben.

OP: Wer kommt in Ihre Vorbereitungskurse?

Zimmermann: In der Regel sind es Menschen, die selbst Verlust und Trauer erlebt haben, die die Situation von Angehörigen und Sterbenden kennen und daraus ihre Motivation schöpfen, sich hilfreich einzubringen.

Kunz: Es kommen aber auch beispielsweise junge Studenten, die sich, ohne persönliche Vorerfahrungen, mit diesem Thema auseinandersetzen wollen. Egal, ob sie sich anschließend für eine ehrenamtliche Mitarbeit entscheiden.

OP: Lernen sich die Helferinnen und Helfer auch kennen?

Kunz: Auf jeden Fall. Wir haben einmal im Monat ein offenes Gruppenangebot. Dort können sie sich austauschen, ihre eigene Rolle reflektieren und auch mal über ganz andere Dinge reden. Außerdem organisieren wir Fortbildungen und gemeinsame Feste.

Zimmermann: Es gibt auch Ehrenamtliche, die sich privat treffen, die miteinander telefonieren, sich gegenseitig stützen und helfen. Man kann schon sagen, dass dort auch neue Freundschaften entstehen, weil man dort auf Menschen trifft, die einen gleichen Erlebnis-Hintergrund haben.

Regionale Angebote

Ambulante Hospizdienste
Ambulanter Hospizdienst der Johanniter, Afföllerstraße 75, 35039 Marburg, Telefon: 0 64 21 / 96 56 26, E-Mail: hospiz.marburg@johanniter.de, Internet: www.johanniter.de/juh/lv-hrs/rv-mittelhessen/
Ambulanter Hospizdienst der Malteser, Bahnhofstraße 21, 35037 Marburg, Telefon: 0 64 21 / 59 07 17 0, E-Mail: hospizdienst.marburg@malteser.org, Internet: www.malteser-marburg.de
Hospizdienst Immanuel e.V., Teichstraße 5, 35075 Gladenbach, Telefon: 0 64 62 / 91 57 814, E-Mail: info@hospizdienst-immanuel.de, Internet: www.hospizdienst-immanuel.de
Ambulanter Kinder- und Jugendhospizdienst Gießen/Marburg, Wingert 18, 35396 Gießen-Wieseck, Telefon: 06 41 / 55 91 644, E-Mail: giessen@deutscher-kinderhospizverein.de sowie Afföllerstraße 75, 35039 Marburg, Telefon: 0 64 21 /21 255, E-Mail: marburg@deutscher-kinderhospizverein.de

Palliativstationen
Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH, Standort Marburg, Palliativstation 231, Baldingerstraße, 35043 Marburg, Telefon: 0 64 21/58 65 701 Internet: www.ukgm.de/ugm_2/deu/umr_ana/33675.html sowie Universitätsklinikum Gießen und Marburg; Standort Gießen, Palliativstation „Prof. Hanns-Gotthard Lasch Haus“, 35392 Gießen, Telefon: 06 41 / 98 54 17 5 , Internet: www.palliativpro.de/palliativstationen/palliativstation-ukgm-giessen

Stationäres Hospiz
St. Elisabeth Hospiz Marburg, Cappeler Straße 90a, 35039 Marburg, Telefon: 0 64 21 / 94 25 80 , E-Mail: info@hospiz-marburg.de, Internet: www.hospiz-marburg.de
Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung (SAPV)
Hospiznetz Marburg e.V., Cappeler Straße 90a, 35039 Marburg, Telefon: 0 64 21 / 94 820 77, E-Mail: kontakt@hospiznetz.de, Internet: www.hospiznetz.de

Tageshospiz
Tageshospiz Lebenszeit, Charlotte-Bamberg-Straße 14, 35578 Wetzlar, Telefon: 0 64 41 / 209 26 57, Internet: www.hospiz-mittelhessen.de

Ziele der Hospiz- und Palliativarbeit

Medizin, Pflege, psychosoziale Begleitung und spiritueller Beistand – Menschen mit schweren Erkrankungen, bei denen eine Heilung nicht mehr möglich ist, bedürfen einer umfassenden Versorgung, bei der nicht mehr die Heilung und Lebensverlängerung im Vordergrund steht, sondern der bestmögliche Erhalt der Lebensqualität, Nähe, Zuwendung und die Linderung von Schmerzen und anderen Symptomen. Um den individuellen Wünschen und Bedürfnissen der Betroffenen Rechnung zu tragen, müssen in jedem Einzelfall die körperlichen, psychischen, sozialen und spirituellen Dimensionen gleichermaßen berücksichtigt werden.

Das erfordert vernetztes, multiprofessionelles, sektorenübergreifendes Handeln, eine intensive Kommunikation aller an der Betreuung beteiligten Haupt- und Ehrenamtlichen und partnerschaftliche Zusammenarbeit. Ein weiterer Bereich der Hospizarbeit sind verschiedene Angebote zur Begleitung von trauernden Angehörigen.

Von Götz Schaub

31.12.2021
31.12.2021