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Marburg Ziel: Mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen
Marburg Ziel: Mehr bezahlbaren Wohnraum schaffen
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16:15 30.09.2012
Quelle: Hofstetter
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atte des Stadtparlaments lediglich um zwei Vorhaben, in der Kernstadt zusätzlichen Wohnraum zu schaffen: den Umbau des ehemaligen Kreisjobcenters in der Uferstraße durch die stadteigene Wohnungsbaugesellschaft Gewobau und um den Ankauf von Flächen an der Cappeler Straße, um dort günstigen Wohnraum zu schaffen.
  Jan Schalauske (Marburger Linke) nutzte die Aussprache aber, um grundsätzlich zu werden: „In Deutschland herrscht eine neue Wohnungsnot“, sagte Schalauske, allein in Hessen fehlten 276 000 Sozial­wohnungen, bei Menschen mit niedrigem bis mittlerem Einkommen machten Wohnkosten mittlerweile 40 Prozent und mehr des Monatseinkommens aus.
„In Marburg hat der Magistrat das Problem lange verdrängt“, ergänzte Schalauske: Die Bevölkerung wachse, über Mietkosten lägen kaum verlässliche Zahlen vor, von einer Durchschnittsmiete von 8,50 Euro pro Quadratmeter sei aber auszugehen. Die Bauprojekte Campus I bis Campus III (nahe der Mensa, in der Alfred-Wegener Straße und der Alten Kasseler Straße) seien „Projekte des gehobenen Wohnungsbaus“, solche Wohnungen könnten sich Studierende ohne reiche Eltern nicht leisten. Bei der Entscheidung für die Bebauung dieser Flächen in der Innenstadt sei es vor allem um den Profit der Unternehmen gegangen, die die Wohnungen errichtet hätten. Zu allem Überfluss verkaufe die Gewobau auch noch 40 Wohnungen aus ihrem Bestand und verringere so zusätzlich die Menge bezahlbaren Wohnraums.
 Ungewöhnlich genug: Unterstützung erhielt Schalauske ausgerechnet vom Vorsitzenden der CDU-Fraktion. Auch Philipp Stompfe sieht „das Thema bezahlbarer Wohnraum in Marburg angekommen“. Die CDU werde daher dem Kauf von Flächen der Vitos-Klinik zustimmen und auch dem Antrag, im früheren Kreisjobcenter den Mietpreis so zu bemessen, dass er unterhalb der Richtwerte der Kosten der Unterkunft (grob gesagt etwa 8 Euro pro Quadratmeter) liegt.
Auch Marion Messik (Grüne) und Ulrich Severin (SPD) sahen die Notwendigkeit, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.
Aber Schalauske legte nach: Er warf der Stadt Versagen beim Bemühen um bezahlbaren und barrierefreien Wohnraum vor. Auf den ehemals städtischen Flächen Campus I bis Campus III hätte sozialer Wohnungsbau entstehen müssen, beim früheren KJC in der Uferstraße sei die Chance vertan worden, frühzeitig dafür zu sorgen, dass barrierefreier Wohnraum geschaffen wird. Bei Mieten bis zu 700 Euro  sei sozialer Wohnraum, den die Stadt schaffe, viel zu teuer.

Vaupel: Campusprojekte entspannen Wohnungsmarkt

Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) reagierte verärgert auf diese Kritik. In der Uferstraße wären immense Investitionen notwendig, so Vaupel, um den Wabenbau rollstuhlgerecht umzubauen. Im Kilian habe die Stadt 850 000 Euro investiert, um günstigen Wohnraum zu schaffen. Vaupel  warf der Marburger Linken vor, einerseits immer auf den Plan zu treten, wenn von Bauverdichtung in der Innenstadt die Rede sei, etwa bei der Baustoppforderung für das Wohnprojekt an der Höhlsgasse, und andererseits nach bezahlbarem Wohnraum in der Innenstadt zu rufen. Beim Verkauf städtischer Flächen an der Weintrautstraße habe die Stadt lange versucht, einen Träger für die Errichtung sozialen Wohnraums zu finden, während andere von „Verdichtung“ geredet hätten. Vaupel teilte die Forderung nach zusätzlichem sozialen Wohnraum in der Innenstadt und kann sich den Bau zusätzlicher Sozialwohnungen auf dem Vitos-Gelände vorstellen. Er sieht aber auch im Entstehen der Wohnanlagen Campus I bis Campus III eine Entspannung des Wohnungsmarkts: „Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ändert sich“, sagte Vaupel, und das wirke sich auf die Preise aus, die manche Vermieter für heruntergekommene Wohnungen in der Innenstadt derzeit noch fordern. Der Verkauf von 40 Wohnungen durch die Gewobau schließlich, so das Stadtoberhaupt, sei ein Beitrag „zur privaten Vermögensbildung“. Hier handele es sich um niedrigpreisige Wohnungen, deren Finanzierung sich auch Menschen mit niedrigerem Einkommen leisten könnten.
Die Stadtverordnetenversammlung beschloss schließlich einen Änderungsantrag der SPD, nach dem die Marburger Wohnungsbaugenossenschaften gebeten werden, den Bau von Sozialwohnungen auf dem Vitos-Gelände zu prüfen.
Die Forderung der Linken, im früheren KJC fünf rollstuhlgerechte Wohnungen zu bauen und den Mietpreis bei zehn Wohnungen unter dem des SGB-II-Richtwerts zu belassen, fand keine Mehrheit.