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Marburg Zeuge: „Es war keine geplante Schlägerei“
Marburg Zeuge: „Es war keine geplante Schlägerei“
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00:18 28.10.2018
Fortsetzung im Prozess um die Cölber Auto-Attacke vorm Schwurgericht.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Ein friedlicher ­Familienbesuch am Abend des 15. Aprils soll zu einem folgenschweren Missverständnis und fast in einer gewalttätigen Straßenschlacht ausgeartet sein. So begründete ein 47 Jahre alter Geschädigter vor der Polizei den Menschenauflauf mitten auf der Cölber Hauptstraße.

Das sagte er zumindest kurz nach der Tat während der polizeilichen Vernehmung, wie ein Kriminalpolizist vor dem Schwurgericht berichtete. Gegen den Mann selber laufen weitere Strafverfahren, weswegen er vor Gericht keine Aussage machte. Am Tatabend soll der Beschuldigte laut Anklage seinen Kleinwagen mit Tötungsabsicht in Richtung des anderen Mannes und damit in das knappe Dutzend Menschen auf der Straße gesteuert haben (die OP berichtete).

 Aggressives und provokantes Auftreten

Das Motiv ist umstritten. Wie es überhaupt zu dem Mob auf der Straße kam, versucht das Gericht herauszufinden. Laut des angeblich Geschädigten fußte die Eskalation auf der Annahme des Angeklagten, die mit seiner ­eigenen Sippschaft verfeindeten ­
Familie mache gerade quasi mobil gegen ihn: Laut des Geschädigten hatte er gerade ­Besuch von mehreren Familienmitgliedern aus dem Ausland, was der Beschuldigte bemerkte und bei einem Treffen auf der Straße abfällig kommentierte.

Er sei „sehr aggressiv und provokant“ aufgetreten, vermutete anscheinend,­ dass man sich zu einer Art Angriff zusammenrotte, „er dachte, ich hätte Verstärkung geholt“, schilderte der Geschädigte in der Vernehmung.
Daraufhin habe er angeblich weitere Angehörige alarmiert, was am Ende in einem Auflauf endete. Ähnliches vermutet der Angeklagte bei dem anderen Mann, was dieser bestreitet.

Das Ganze soll keine verabredete Racheaktion einer monatelangen Familienfehde gewesen sein, „es war keine geplante Schlägerei“, hatte der Geschädigte von sich aus betont.

Kontrahenten geben sich gegenseitig die Schuld

Während der Auto-Attacke soll er selber sowie mehrere seiner Verwandten von dem Auto­ angefahren worden sein. „Er wollte mich treffen, er ist direkt auf mich zugefahren – das war Mord“, gab er bei der ­Polizei zu Protokoll.

Schwer verletzt wurde bei dem Vorfall niemand, der Geschädigte soll ein großes Hämatom am Bein erlitten ­haben. Dies allerdings nach dessen Aussage durch das erste Auto, das der Sohn des Angeklagten gefahren hatte und das nach bisherigem Stand noch vor der Menge zum Stehen kam.

Das Verletzungsmuster von vier Leichtverletzten passt dabei nicht so recht zu der Schilderung einer Kollision unter Vollgas hatte das Gericht zuvor festgestellt.

Auch, ob das zweite Auto ­eine Mehrfach-Kollision herbeiführte, ist umstritten. Der Geschädigte sei überzeugt, dass auch der angeklagte Vater mit Vollgas auf ihn zufuhr, „er wollte­ mich persönlich töten, mich fertigmachen – das hat er vorher schon gesagt“, heißt es in seiner Vernehmung.

Nahezu dasselbe wirft wiederum der Angeklagte dem anderen Mann und dessen Angehörigen vor. Beide an der Auseinandersetzung Beteiligten bezichtigen sich in mehreren Punkten gegenseitig, etwa der ­Aggressor des Abends gewesen zu sein, im Vorfeld gedroht, andere angestachelt und den Mob provoziert zu haben.

Angeklagte­ besaß einen Schlagstock

Bei beiden steht außerdem der Vorwurf im Raum, an dem Tag eine Waffe mitgeführt zu haben. Nach dem Zusammenprall der zerstrittenen Parteien und dem darauf folgenden Großeinsatz der Polizei wurden bei dem Geschädigten scharfe Schusswaffen gefunden.

Der Angeklagte­ besaß einen Schlagstock. Angeblich sollen diese während der Auseinandersetzung auf der Straße und bereits in den ­Monaten zuvor eine Rolle gespielt haben.

An dem Vorfall in irgendeiner Weise beteiligt gewesen sein sollen ein knappes Dutzend ­Familienangehöriger des Geschädigten. Ebenso wie mehrere Verwandte des Angeklagten.

Zwischen beiden Familien knallt es offenbar seit mehr als einem Jahr regelmäßig, berichtete der Polizist. Der vermeintliche Familienbesuch und das daraus resultierende Missverständnis soll dann das Fass zum Überlaufen gebracht haben.

von Ina Tannert