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Marburg Hier sollen sich Opfer melden
Marburg Hier sollen sich Opfer melden
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12:00 23.12.2019
Nach dem judenfeindlichen Anschlag in Halle im Oktober demonstrierten in Marburg 3 000 Teilnehmer. Nun soll an der Philipps-Universität bei Dr. Reiner Becker eine Meldestelle für antisemitische Vorfälle in Hessen eingerichtet werden. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

In der Universitätsstadt soll es vom kommenden Jahr an eine für ganz Hessen zuständige Meldestelle für antisemitische Vorfälle geben. Landes-Innenminister Peter Beuth (CDU) und der Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker haben nun mitgeteilt, das Marburger Demokratiezentrum werde beauftragt, eine solche Meldestelle aufzubauen. Ziel sei es, ein möglichst komplettes Bild über antisemitische Vorfälle in Hessen zu bekommen.

„Jeder antisemitische Vorfall, gleich welchen Umfang er hat, ist einer zu viel“, sagte Beuth. Jakob Gutmark, Vorsitzender des Landesverbands Jüdischer Gemeinden, ergänzte: „Wir wünschen uns, dass jeder Betroffene, aber auch jeder Bürger, der Zeuge von antisemitischem Verhalten wird, sich an die Meldestelle wendet. Nur so werden wir ein klares Bild über Antisemitismus erhalten und Gegenmaßnahmen als Gesellschaft einleiten können.“

Das sagt Demokratiezentrum-Leiter Dr. Reiner Becker: „Vorfälle wie in Halle als Warnsignal zu verstehen, ist grundlegend falsch. Die Signale gibt es seit Langem, und wir kennen, sehen sie auch.“ In der Mehrheitsgesellschaft, im Alltag der meisten kämen diese Signale aber nicht oder eben nur nach Gewalttaten an. Man wolle „sichtbar machen, was die meisten von uns an Problemen nicht kennen“. Konkret etwa, dass es wegen konkreter Bedrohungen Polizeischutz vor Synagogen gibt, Kippa öffentlich zu tragen für Gläubige oft zu Problemen führt und dass „Jude“ auf Schulhöfen und Sportplätzen ein Schimpfwort ist.

Hintergrund

Das ist das Demokratiezentrum

Rund 250 Beratungsfälle und mehr als 400 Präventions- und Bildungsmaßnahmen gegen Rechtsextremismus und antidemokratische Bestrebungen hat das Marburger Demokratiezentrum im Jahr 2018 gezählt – ein massiver Anstieg der Zahlen innerhalb weniger Jahre. Die Beratung richtet sich vor allem an Schulen, Vereine, Kommunen und ­Eltern etwa von Extremisten, um sie über Gefahren und Signale der Nazi-Szene aufzuklären und Betroffenen Lösungswege aufzuzeigen.

Belege für zunehmenden Antisemitismus gibt es auch in Marburg: die Hakenkreuz-Schmierereien-Serie in Wehrda im Sommer, die Gründung einer Ortsgruppe der „Identitären Bewegung“, aber auch Online-Hasskommentare und das Verbreiten von Gewaltbildern durch Muslime (OP berichtete). Die Jüdische Gemeinde in Marburg beklagte kürzlich in einem OP-Interview ebenfalls die „offene Feindseligkeit“, die ihren Mitgliedern entgegenschlage. Alle seien „besorgt über die jetzt so offen, laut, aggressiv und massiv im Internet omnipräsent vorgetragenen“ Anfeindungen, wie Monika Bunk als Gemeinde-Repräsentantin sagte.

Dabei gilt die Universitätsstadt – bis zum Zweiten Weltkrieg eine Nazi-Hochburg – als liberal, nach dem Anschlag in Halle im Oktober demonstrierten 3 000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, ein Bündnis gegen Antisemitismus ist unter anderem gegen die als rechtsradikal geltenden Burschenschaften wie Germania, Rheinfranken und Normannia-Leipzig aktiv. Die Kooperation zwischen jüdischer, muslimischer, aber auch christlichen Gemeinden gilt als vorbildlich und wurde jüngst mit dem Hessischen Integrationspreis ausgezeichnet.

von Björn Wisker