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Marburg Zahlen wir bald nur noch virtuell?
Marburg Zahlen wir bald nur noch virtuell?
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12:00 10.02.2022
Der „Bitcoin“ gilt als der „Vater der Krypto-Währungen“ – er entstand zu Zeiten der Finanzkrise 2008.
Der „Bitcoin“ gilt als der „Vater der Krypto-Währungen“ – er entstand zu Zeiten der Finanzkrise 2008. Quelle: Jens Kalaene
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Als vor 20 Jahren mit dem Euro eine neue Währung eingeführt wurde, war noch nicht abzusehen, dass es einmal „digitales Geld“ geben werde – denn der „Bitcoin“, Urvater aller mittlerweile mehreren Tausend Krypto-Währungen, war noch nicht einmal erfunden. Doch mittlerweile sind diese Währungsformen so weit verbreitet, dass selbst die Europäische Zentralbank darüber nachdenkt, einen Digital-Euro zu schaffen. In El Salvador wurde der Bitcoin gar als offizielles Zahlungsmittel eingeführt – trotz massiver Proteste.

Unterschied von Währung und Zahlungsmittel

Dr. Holger Bahr, Head of Economic Research bei der DekaBank, zuckt jedoch beim Ausdruck „Krypto-Währung“ zusammen. Denn für ihn ist das virtuelle Geld keine Währung. Warum? „Währung soll wie ein Zahlungssystem funktionieren und hat eine Wertaufbewahrungsfunktion“, sagt Bahr. Zudem gebe es „eine gewisse Geldwertstabilität und eine Inflationsrate, die möglichst niedrig ist“. Letztlich „kann ich mit dem, was ich im Geldbeutel oder auf dem Giro-Konto habe, irgendwo hingehen und sofort etwas erwerben“, sagt der Volkswirt. Die Währung werde überall akzeptiert – das sei bei „Kryptos“ nicht der Fall.

Doch warum haben sich die Kryptos entwickeln? „Der Ursprung rührt daher, dass es nicht nur Impfkritiker gibt, sondern eben auch Notenbanken-Kritiker – in dem Sinne, dass wir jetzt ein Geldsystem haben, in dem nicht demokratisch legitimierte Notenbanken darüber nachdenken, wie viel Geld denn in Umlauf gebracht wird. Damit entscheiden sie – neben vielen anderen Dingen – auch darüber, wie denn die Geldentwertung ist“, verdeutlicht Bahr. Die „quasi ideologische Basis“ sei gewesen, eine dezentrale Möglichkeit ohne Bank im Hintergrund zu entwickeln.

Denn die hinter Bitcoin stehende Technologie nennt sich „Blockchain“ („Blockkette“) und wird gern als digitaler Kontoauszug bezeichnet. In den miteinander verketteten Blöcken sind alle jemals getätigten Transaktionen verschlüsselt abgespeichert und öffentlich einsehbar. Auch wenn eine Bitcoin-Adresse noch nichts über den jeweiligen Nutzer aussagt, ist die Zahlung mit Bitcoin nicht vollständig anonym. Transaktionen lassen sich durchaus zurückverfolgen, weswegen es mittlerweile verschiedene Dienste zur besseren Anonymisierung gibt. Da die Datenbank von mehreren Rechnern verwaltet wird, gilt sie als transparent und nicht manipulierbar. Einen zentralen Vermittler, der die Echtheit der Informationen bestätigt, braucht das Netzwerk nicht.

Ein Bitcoin ist also das Ergebnis eines Rechenprozesses, an dem prinzipiell jeder mitwirken kann. Bei Transaktionen werden einzelne Beträge zwischen Nutzeradressen hin- und hergeschickt, wobei ein geheimer Schlüssel den Zugriff auf die eigene Adresse erlaubt.

Ein Problem beispielsweise des Bitcoin ist die Volatilität, der extrem schwankende Wert: „Tesla-Gründer Elon Musk hat einmal gesagt, man bekommt einen Tesla für einen Bitcoin“, erläutert Bahr. Davon sei er mittlerweile abgerückt, „denn das würde dazu führen, dass er mal dafür 60 000 oder eben nur 30 000 Dollar bekommt“. Der Kurs sei binnen Wochen so schwankend, „dass es keinerlei Verlässlichkeit gibt“.

Bitcoin, Ether & Co.: Die wichtigsten Kryptowährungen

Bitcoin: Der Bitcoin ist die bei Weitem älteste und bekannteste Digitalwährung, hat auch den größten Marktanteil unter den mehreren Tausend Kryptowährungen. Entstanden ist der Bitcoin in der Finanzkrise 2008. Sein Erfinder ist nur unter einem Decknamen bekannt. Wichtigste Merkmale des Bitcoin sind seine dezentrale Organisation und die Verwendung der Datenbanktechnik „Blockchain“. Beides zusammen sichert den Bitcoin-Nutzern viel Anonymität.

Ether: Ether ist nach Bitcoin die zweitgrößte Digitalwährung der Welt. Kennzeichnend für Ether ist zum einen die ebenfalls dezentrale Organisation des zugrundeliegenden Netzwerks Etherum. Zum anderen liegt ein Schwerpunkt auf „intelligenten Verträgen“. Bei diesen sogenannten Smart Contracts handelt es sich im Grunde um kleine Computerprogramme, die Verträge nach der Zahlungsabwicklung quasi automatisch ausführen können. Ähnlich wie der Blockchain wird Smart Contracts eine große Zukunft vorhergesagt.

Tether: Tether gehört zu den „Stable Coins“, deren Wert durch die Unterlegung mit klassischen Anlagen garantiert wird – in diesem Fall mit US-Dollar. Dadurch wird jedoch eine wichtige Idee des Kryptowährungskonzepts verletzt, nämlich die Unabhängigkeit von staatlichen Institutionen. Dennoch erfreut sich Tether großer Beliebtheit. Ein Vorteil der Anbindung an den US-Dollar ist nämlich, dass der Kurs im Vergleich zu anderen Digitalwährungen weniger stark schwankt. Allerdings gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Zweifel, ob die behauptete Deckung mit US-Dollar den Tatsachen entspricht.

Libra: Ähnlich wie Tether ist Libra eine Digitalwährung nach dem Prinzip „Stable Coins“, jedoch mit zwei gewaltigen Unterschieden. Erstens: Es gibt sie noch gar nicht. Zweitens: Hinter Libra steht mit Facebook eines der mächtigsten Technologieunternehmen der Welt. Die Idee von Libra ist, einer Digitalwährung auf breiter Front den kommerziellen Durchbruch zu verschaffen. Staatliche Institutionen sind davon nicht begeistert – Staaten und Zentralbanken überlegen seit längerem, wie sie sich das Konzept digitaler Währungen nutzbar machen können.

Digital-Yuan: Schon länger arbeitet China an der digitalen Variante seiner Währung Yuan oder Renminbi. Das Vorhaben steht im klaren Gegensatz zu den freiheitlichen Ideen, die die Vordenker digitaler Währungen einst hatten. Denn eine staatlich unkontrollierte, dezentrale Währung mit anonymisierten Zahlungsvorgängen ist sicherlich nicht das, was die politische Führung der Volksrepublik im Sinn hat. Im Gegenteil dürfte ihr eher daran gelegen sein, Zahlungsvorgänge und damit verbundene Geschäfte möglichst engmaschig zu kontrollieren. Der Digital-Yuan kann als eine Art Gegenentwurf zur Ur-Kryptowährung Bitcoin angesehen werden.

Gerade bei Bitcoin sei es so, dass das Bezahlen aufgrund des mittlerweile immens aufwendigen Rechenwegs innerhalb des riesigen Netzwerks immens lange dauere. Das spiele bei manchen Transaktionen zwar keine Rolle, doch im Alltag sei das lange Warten nicht zeitgemäß.

Ein weiteres Problem der „Kryptos“: Ihnen haftet häufig der Makel der Illegalität an. Denn durch die weitgehende Anonymität lassen sich damit verbotene Geschäfte – etwa im Darknet oder nach Hacker-Angriffen – finanzieren. Das führte beispielsweise kurz vor Weihnachten dazu, dass dem Land Hessen mit dem Verkauf von sichergestellten Kryptowährungen rund 100 Millionen Euro in die Kassen gespült wurden. Die digitalen Währungen waren zuvor von den kriminellen Betreibern eines Drogenmarktplatzes im Internet beschlagnahmt worden. Ein solcher Verkauf soll keine einmalige Angelegenheit bleiben.

Für Anleger, die das Risiko nicht scheuen, bieten die „Kryptos“ durchaus Chancen – aufgrund des stark schwankenden Werts jedoch auch hohe Risiken. „Als Anlage-Asset sind Bitcoin und Co. durchaus gefragt.“

Holger Bahr verdeutlicht, dass es perspektivisch Bestrebungen gebe, das Krypto-Geld verwahrfähig zu machen und wichtige Leitplanken zu setzen. So arbeiten beispielsweise die Sparkassen daran, dass ihre Kunden quasi direkt vom Giro-Konto Bitcoins in einem Krypto-Wallet – also der digitalen Geldbörse – kaufen können.

Der „digitale Euro“ ist bereits in der Entwicklung

Für Holger Bahr steht fest: „Wenn Kryptos stabiler sind und eher Richtung Währung gehen, dann kommen die echten Währungshüter ins Spiel – mit dem Entwickeln von digitalen Währungen.“ So arbeite die EZB ja bereits an einem digitalen Euro, „dort könnte das Thema Blockchain eine Rolle spielen“.

Doch was wäre der Nutzen eines digitalen Euro? Denn wenn ich heute mit meiner Bankkarte zahle, dann ist das ja ebenfalls bereits bargeldlos und digital. „Die Blockchain ist eine faszinierende Lösung auf der Suche nach dem Problem“, sagt Bahr lachend mit dem Hinweis darauf, dass sich die Technik gerade erst ent-wickele und längst noch nicht alles Potenzial bekannt sei.

Von Andreas Schmidt