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Marburg Konjunkturflaute und Kurzarbeit
Marburg Konjunkturflaute und Kurzarbeit
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15:57 31.01.2020
Symbolfoto: Ein Bauhelm hängt auf einer Baustelle. Quelle: Daniel Bockwoldt/dpa
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Marburg

„Grob kann man sagen: Der Markt läuft noch, aber deutlich unterkühlt“, fasst Volker Breustedt, Leiter der Agentur für Arbeit, die Situation am heimischen Arbeitsmarkt zusammen. 5.426 Personen waren im Landkreis arbeitslos gemeldet, 188 oder 3,6 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. „Wir nähern uns noch keiner Talfahrt, aber einer deutlichen Delle.“ Die Arbeitslosenquote lag bei 4 Prozent und blieb damit im Landkreis auf dem Wert des Vorjahres. Dies errechnet sich aus Marburg (2.849 Arbeitslose) und Stadtallendorf (1.337 Arbeitslose) mit je einer Quote von 4,1 Prozent und Biedenkopf hat mit 1.249 Arbeitslosen eine Quote von 3,8 Prozent. Allerdings: Die Arbeitslosenzahl in ganz Hessen stieg um 2,2 Prozent, sodass die Landesquote 4,7 Prozent beträgt: „Wir sind im Tal der Tränen noch diejenigen, die ein Taschentuch dabei haben“, meint Volker Breustedt.

Besonders in der Versichertengemeinschaft, also der Zuständigkeit der Arbeitsagentur, stieg die Arbeitslosigkeit mit 2.554 Personen oder 18 Prozent deutlich an. Auf das Kreisjobcenter entfiel eine Zahl von 2.872 Arbeitslosen und damit 6,6 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. „Wir hatten in den vergangenen Jahren eine stetige Entwicklung, dass die Beschäftigung gestiegen ist, die Betriebe haben sich vollgesogen mit Personal – und einige werden jetzt wieder vor die Tür gesetzt“, oder um es anders zu formulieren: „Die Arbeitsagentur hat Hochkonjunktur“, so Breustedt.

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Denn: Aus dem Erwerb in die Arbeitslosigkeit gerieten im Landkreis insgesamt 1.327 Personen – nur 109 davon fallen in die Zuständigkeit des Kreisjobcenters, 92 Prozent indes in die Versichertengemeinschaft. „Das ist natürlich eine große Herausforderung für unser Haus“, sagt der Leiter der Arbeitsagentur. Neu arbeitslos meldeten sich im Landkreis 2.108 Personen, 78 oder 3,8 Prozent mehr als vor einem Jahr. Gleichzeitig konnten sich 1.356 Personen aus der Arbeitslosigkeit abmelden, das waren 125 Personen oder 8,4 Prozent weniger als im Vorjahresmonat.

Heimischer Arbeitsmarkt „nähert sich einer Delle“

Man nähere sich laut Breustedt einer Delle, da es Unterschiede in den Branchen gebe. Am meisten leidet im Landkreis die Automobil- und Zulieferindustrie und damit ein großer Teil der Arbeitgeber im Hinterland. 25 Arbeitgeber – überwiegend aus dem Hinterland – haben wegen Auftragseinbrüchen Kurzarbeit angezeigt. Sollte diese realisiert werden, würde das 927 Arbeitnehmer betreffen.

Vor diesem Hintergrund sei das aktuelle Gesetzesvorhaben der Koalitionsspitze zur Erweiterung des Bezugs von Kurzarbeitergeld auf zwei Jahre „schon ein richtiges Pfund“, findet Volker Breustedt. „Vor allem wäre es gut, um Leute zu halten und für die Stimmung am Arbeitsmarkt“, ergänzt Pressesprecherin Dr. Heike Beber.

Bei einem Blick auf die Zahlen im Januar macht sich auch die Winterarbeitslosigkeit bemerkbar, es wurden 740 oder rund 16 Prozent mehr Arbeitslose gezählt. Dabei spiele auch das Befristungsende vieler Arbeitsverträge eine Rolle, erklärt Beber, und nennt etwa Stellen an der Universität, die immer häufiger befristet und häufig nicht mehr verlängert würden als Grund. Aber auch nach dreieinhalbjährigen Ausbildungen in den Technikfeldern würden die Gesellen häufig nicht mehr übernommen – und diese Ausbildungen enden zum Jahresende.

Insgesamt schrumpft demnach aber auch die Zahl der Stellen: 410 neue Arbeitsstellen wurden gemeldet, das waren 270 oder fast 40 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Am meisten sank die Zahl der Stellen in Produktion und Fertigung – auf 627, also 394 oder rund 39 Prozent weniger als im Vorjahresmonat.

Die Zahl der arbeitslosen Personen, die Grundsicherung erhalten, sowie die Zahl der Bedarfsgemeinschaften sind im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. Das Kreisjobcenter Marburg-Biedenkopf weist in seiner aktuellen Statistik 2.872 erwerbsfähige Leistungsberechtigte aus, die als arbeitslos registriert sind. Das sind 144 Personen oder 5,3 Prozent mehr als im Vormonat. Gegenüber dem Vorjahresmonat ist die Zahl um 202 Personen oder 6,6 Prozent gesunken. Die Quote der arbeitslosen Grundsicherungsempfänger an den zivilen Erwerbspersonen liegt aktuell bei 2,2 Prozent – 0,1 Zähler niedriger als vor einem Jahr.

„Da nach wie vor zahlreiche Arbeitsverhältnisse zum Jahresende gekündigt werden oder entsprechend befristet sind, ist der Anstieg der Erwerbslosenzahl im Januar immer der höchste im ganzen Jahr. Damit ist die aktuelle Entwicklung natürlich nicht überraschend“, erklärte der Erste Kreisbeigeordnete und zuständige Sozialdezernent Marian Zachow (CDU).

Konjunkturelle Lage als Unsicherheitsfaktor

Ein weiterer Grund für den Anstieg ist, dass zum Jahresende viele Qualifizierungen und Fortbildungen endeten. Diese Personen werden nach Beendigung als arbeitslos geführt. „Während die Zahlen – besonders auch im Vergleich mit dem Vorjahresmonat – scheinbar noch keinen Grund zur Sorge bieten, spüren wir gleichwohl, dass die Situation am Arbeitsmarkt unsicherer wird“, so Zachow.

Weltpolitische Rahmenbedingungen und bestimmte Entwicklungen und Trends in der Automobil- und Zulieferindustrie „sind auch Unsicherheitsfaktoren, die wir am Arbeitsmarkt spüren. Es gibt keinen Grund zur Panik, aber es gilt doch, diese Herausforderungen auch aus Sicht der Arbeitsmarktintegration ernst zu nehmen“, so Zachow. Die Zahl der Bedarfsgemeinschaften ist gesunken – erstmals unter die Marke von 6.000. Während es vor zwölf Monaten noch 6.520 Bedarfsgemeinschaften gab, waren es im Januar 5.993 – ein Minus um 473 oder 7,3 Prozent.

Die Zahl der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten sank im Vergleich zum Vormonat um eine Person auf 8.037. Im langfristigen Vergleich sank die Zahl um 8,2 Prozent oder 721 Personen.

von Beatrix Achinger