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Marburg Auf der Spur der fremden Objekte
Marburg Auf der Spur der fremden Objekte
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13:58 19.08.2021
Wurfeisen oder Tanzschwert? Ein Objekt aus Kamerun in der Ethnographischen Sammlung an der Philipps-Universität Marburg.
Wurfeisen oder Tanzschwert? Ein Objekt aus Kamerun in der Ethnographischen Sammlung an der Philipps-Universität Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Raus aus dem feuchten Keller im Kugelhaus und rein in helle und besser klimatisierte Räume in der alten Uni-Wäscherei: Der Umzug der Ethnographischen Sammlung im Jahr 2014 brachte aus Sicht von Professor Ernst Halbmayer und der Sammlungsleiterin Dr. Dagmar Schweitzer de Palacios vor allem für die Sammlungsobjekte aus dem Magazin viele Verbesserungen mit sich. Waren die Gegenstände vorher größtenteils in Kisten verpackt und nur schwer zugänglich, so sind sie jetzt überwiegend in Schränken untergebracht, in denen sie nach Herkunft und Sammlungszeit getrennt aufbewahrt und somit systematischer erforscht werden können.

Rund 6 000 Alltags- und Kunstgegenstände hauptsächlich aus Südamerika und Afrika, aber auch aus anderen Gegenden der Erde, sind Bestandteile der Sammlung. Mit dem Umzug war auch eine Modernisierung der Fachausrichtung verbunden. So heißt die Sammlung nicht mehr Völkerkundliche Sammlung. Und das dazugehörige Fachgebiet nennt sich nicht mehr Völkerkunde, sondern Sozial- und Kulturanthropologie.

Geblieben ist die Neugier der Forscherinnen und Forscher auf Menschen und die Geschichte der von ihnen benutzten Gegenstände, ob nun Geräte oder Gewänder. Aber auch die Wege, auf denen die gesammelten Objekte ihren Weg in die Marburger Sammlung fanden, wollen Halbmayer und Schweitzer de Palacios vermehrt in den Fokus nehmen.

Im Rahmen der Kolonialismus-Debatte interessieren die Marburger Forscher derzeit besonders die Objekte aus den ehemaligen deutschen Kolonialgebieten Kamerun und Tansania. Das sind vorwiegend Gefäße und Hausrat, aber auch Masken und Waffen. Ein Großteil dieser Bestände kam 1967 aus der Wiesbadener Sammlung der Nassauischen Altertümer nach Marburg. Ein aktueller Arbeitsschwerpunkt der Ethnographischen Sammlung ist im Projekt „Provenienzen von ethnographischen Objekten aus kolonialen Kontexten in Mittelhessen“ die Erforschung der Herkunft afrikanischer Objekte. Dieses Projekt erfolgt zusammen mit dem Oberhessischen Museum in Gießen und wird gefördert durch das „Deutsche Zentrum Kulturgutverluste“.

„Unsere Arbeit besteht jetzt darin, die Archive aufzusuchen, die Materialien, Dokumente und Akten über den Eingang der Dokumente besitzen“, erläutert Dagmar Schweitzer de Palacios. Das sind alleine in Wiesbaden vier unterschiedliche Institutionen. Die dortigen Objektlisten müssen dann mit den Objektlisten im Marburger Universitätsarchiv abgeglichen werden.

Wenn es bei dieser akribischen Detektivarbeit Treffer gegeben hat, erfolgt die Abklärung mit den Herkunftsgesellschaften. Und auch die Rückgabe von Objekten könnte ganz am Ende eines solchen Rechercheprozesses stehen.

Bedeutung der Objekte ist wichtig

„Wir haben Objekte, über die wir sehr wenig wissen. Deren Geschichte wollen wir rekonstruieren“, erklärt Ernst Halbmayer. Das gilt beispielsweise für so außergewöhnliche Gegenstände wie einen Fliegenwedel mit Tierkopf, ein archaisch anmutendes, aus speziellen Feuersteinen bestehendes „Feuerzeug“ in einem schlichten Beutel oder eine Flöte als Talisman, der wohl böse Geister vertreiben sollte.

Relevant ist für die Forscher die Frage, welche ursprüngliche Bedeutung die Objekte in der Herkunftsgesellschaft hatten. Das aufzuklären, ist allerdings nicht so leicht, wie es den Anschein hat. So gibt es ein Objekt aus Kamerun, das entweder eine Waffe oder ein Werkzeug sein könnte. Ob es nun allerdings ursprünglich als Wurfeisen oder als Accessoire beim Schwertertanz verwendet wurde, das ist wohl nur im Austausch mit Experten aus Kamerun zu klären.

Eine andere Frage stellt sich in Bezug auf farbenfroh gestaltete figurale Objekte, die als Thronfiguren oder Musikinstrumente dienen könnten. Wann sind diese Gegenstände museal wertvolle Ausstellungsstücke, und wann sind sie doch eher als die klassischen Urlaubssouvenirs aus der Massenproduktion des einheimischen Kunsthandwerks in südamerikanischen oder afrikanischen Ländern zu werten? Aus Sicht von Professor Halbmayer verläuft die Grenze durchaus fließend. Der vermehrte Handel habe auch dazu geführt, dass vermehrt Objekte in der Art früherer Kultgegenstände hergestellt werden.

Wirft man zusammen mit Halbmayer und Schweitzer de Palacios einen Blick in die Schubladen des Magazins, wird auch ein Wandel in der Sammlungstätigkeit der Wissenschaftler deutlich. So dienten die Objekte früher bei den klassischen Völkerkunde-Expeditionen auch dazu, mit Hilfe des Verkaufs dieser Gegenstände an Museen die Reisen mitzufinanzieren. Heutzutage wird die Rolle der gesammelten Objekte als Zeugnisse der Kulturen und des kulturellen Erbes der Herkunftsländer immer wichtiger.

Schauräume

Die Ethnographische Sammlung ist Teil des Fachs Sozial- und Kulturanthropologie. Als Lehrsammlung des Fachs Sozial- und Kulturanthropologie dient sie dazu, Studierende in der Museumsarbeit auszubilden. Im Rahmen von Seminaren und in eigenständiger Arbeit wird ihnen der Umgang mit ethnographischen Objekten und der Museumsanthropologie vermittelt.

Der Großteil des Bestands der Ethnographischen Sammlung ist in einem Magazin in der Rudolf-Bultmann-Straße (ehemalige Uni-Wäscherei am Ortenberg) untergebracht. Ein dort eingerichteter Schauraum erlaubt einen Einblick in die Vielfalt der Sammlung und präsentiert einige ihrer Highlights. Dort werden dort zwei opulent ausgestattete „Volksaltäre“ oder Schreine aus Kuba und Venezuela gezeigt. Die Kunstwerke mit religiösen Bezügen waren ursprünglich Bestandteil einer Ausstellung in Düsseldorf.

Im räumlich von der Sammlung getrennten Gebäude des Instituts für Sozial- und Kulturanthropologie in der Deutschhausstraße 3 finden zudem Wechselausstellungen und Fotoausstellungen statt, die unter Mitwirkung von Studierenden entstehen. Dort wird momentan unter dem Titel „Die Wirklichkeit des Mythos“ eine Ausstellung zu Mythen der Yupka aus Kolumbien und Venezuela gezeigt, wo Mitarbeiter des Marburger Institutes geforscht haben..

Von Manfred Hitzeroth

19.08.2021
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