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Marburg Wundermittel von Pulver bis Pendel
Marburg Wundermittel von Pulver bis Pendel
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09:55 15.05.2020
Kein wirksames Mittel gegen das Coronavirus: Globuli. Quelle: Karl-Josef Hildenbrand
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Marburg

Desinfektionsmittel in die Venen spritzen – der Therapie-Vorschlag von US-Präsident Donald Trump in Zeiten der Covid19-Pandemie ist nicht das einzige Corona-Kuriosum. Die OP hat Ratgeber- und Produkt-Auswüchse aus dem On- wie Offline-Leben gesammelt; die heimische Verbraucherzentrale und Gesundheitsexperten warnen vor der Anwendung einiger auch in Mittelhessen angepriesener Wundermittel.

Taigawurzel, Grüntee-Komplex-Kapseln, Halspastillen, Pilzpulver oder andere Naturprodukte: Verbraucherschützer sehen das Werben und Empfehlen mutmaßlicher Anti-Corona-Mittel in hessischen Apotheken skeptisch – dort werde teilweise auf eine positive Wirkung etwa von Nahrungsergänzungsmitteln für das Immunsystem verwiesen. Verschwiegen werde jedoch oft, dass die Aufnahme nur bei einem Mangel sinnvoll und die Wirkung auf Coronaviren nicht erforscht seien. Viel Vorsicht solle auch bei Erkältungssprays, die im Internet mittlerweile ein Vielfaches ihres Listenpreises erzielen, dem Einreiben mit Sesamöl oder generell homöopathischen Globoli herrschen.

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Exotischer Therapie-Ratschlag I

Der Präsident von Madagaskar stellte jüngst einen „Covid Organics“ genannten Gesundheitsdrink vor. Das auf Basis der heimischen Artemis-Pflanze hergestellte Getränk soll nach seinen Worten Immunität stärken, vor zahlreichen Viren und Fieber schützten – vor allem vor Lungenkrankheiten. Der Trank wurde an Schüler im Land verteilt, andere afrikanische Länder bestellen den Trunk in rauen Mengen.

Ein Unternehmen aus dem mittelhessischen Weilburg will der Pandemie hingegen anders zusetzen: mit Pendeln, einer radionisch hergestellten Mischung von Medea 7 auf Quarzsand. Das Pendel „Virenkiller“ und das Pendel „NoCov“ kosten bis zu 39 Euro. Im Online-Shop der Firma heißt es: „Man kann den NoCov auch vorbeugend wie eine Impfung verwenden.“ Und weiter: „Während der Virenkiller alle Viren eliminiert, ist der NoCov eher für Coronaviren gedacht.“

Ein Anbieter aus Fulda setzt zur Corona-Bekämpfung auf Zahlencodes, eine „Zauberformel“ wie es im Online-Shop heißt: Auf einen Aufkleber gedruckt sollen sie verhindern, dass „Viren und Bakterien gar nicht erst in das menschliche Immunsystem eindringen können“, wie es in der Produktbeschreibung heißt. Die Aufkleber sollen laut Empfehlung überall an öffentlichen Plätzen versteckt angebracht werden, damit sie ihre Schutzwirkung entfalten. Das Zwölferset „Vegane Outdoor Aufkleber“ kostet zehn Euro.

Exotischer Therapie-Ratschlag II

In Bolivien ist hingegen ein Dampf aus Eukalyptus und Kamille beliebt. Die Leute atmen diesen ein; etwa in Dampfkabinen, die in der Nähe einiger Krankenhäuser und Banken aufgestellt wurden. In Nepal empfahl der Premierminister höchstselbst ähnliches: dass man sich vor einer Ansteckung schützen könne, indem man heißes Wasser trinke und Dampf-Therapie mache.

Ein weiteres hessisches Unternehmen bietet „Aktiviertes Wasser in seiner Urform“ an. Es soll „Biologisch gegen Keime, Viren, Bakterien, Sporen und Pilze“ helfen. Das elektrolytisch aktivierte Wasser ist letztlich Salzwasser, aus dem bei der Elektrolyse unter anderem Natriumhypochlorid entsteht. Sowohl dieser Stoff als auch entstehende hypochlorige Säuren können tatsächlich Viren, Bakterien, Pilze und Sporen unschädlich machen. Entscheidend für die Wirkung sind laut Pharmazeuten aber Konzentration und Einwirkzeit.

Auf eine andere Art Wasser setzen Vertreter von kolloidalem Silber bei der Immunisierung gegen das Coronavirus. Das auch als „Silberwasser“ bekannte Mittel war als medizinische Anwendung schon in der Antike bekannt, unter anderem zur Wundbehandlung. Um 1900 herum war kolloidales Silber, also in Wasser gelöste winzige Silberteilchen, ein beliebtes Desinfektionsmittel, auch heute noch gibt es Wundverbände und Salben mit Silber. Gesundheitsbehörden warnen aber speziell von dem Schlucken des Stoffs, da es Organe angreife und die Haut verfärbe.

Exotischer Therapie-Ratschlag III

In Indonesien ist seit Beginn der Pandemie die Nachfrage nach rotem Ingwer gestiegen, der das Immunsystem besonders stärken soll. Und in Sri Lanka setzt man auf Kurkuma-Pulver – in beiden Ländern schossen die Preise für die Waren in die Höhe.

Noch schädlicher ist der im Internet kursierende Tipp, Arsen und Chlordioxid zu sich zu nehmen. Bei Arsen handelt es sich um ein Schwermetall, das bereits in geringsten Mengen zu Vergiftungen führen kann. Chlordioxidlösung ist zwar ein Desinfektionsmittel, dient aber zum Bleichen von Textilien.

Auch die in Online-Shops angebotenen UV-Lampen, die Keime und Viren an Händen töten sollen, sind laut Weltgesundheits-Organisation nicht zu empfehlen: Körperteile mit UV-Lampen zu sterilisieren, könne zu Hautverletzungen führen. Auch Interpol warnt wegen der aktuellen Verbrauchergefährung vor vermehrten Fälschungsverkäufen, sobald es Corona-Medikamente gibt.

von Björn Wisker

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