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Marburg Die Angst vorm Wolf geht um
Marburg Die Angst vorm Wolf geht um
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21:29 25.10.2021
25.10.2021, Hessen, Gießen. Weidetierhalter und Landwirte aus ganz Hessen demonstrieren am Montag in Gießen unter dem Motto: "Wir für unsere Tiere". Sie machen so auf ihre Sorgen im Zusammenhang mit Wölfen in Hessen aufmerksam. Foto: Nadine Weigel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
25.10.2021, Hessen, Gießen. Weidetierhalter und Landwirte aus ganz Hessen demonstrieren am Montag in Gießen unter dem Motto: "Wir für unsere Tiere". Sie machen so auf ihre Sorgen im Zusammenhang mit Wölfen in Hessen aufmerksam. Foto: Nadine Weigel/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Quelle: Nadine Weigel/dpa
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Gießen

Die Rückkehr des Wolfes nach Hessen sorgt weiterhin für Konfliktstoff. Weidetierhalter forderten bei einer Demonstration am Montag in Gießen mehr Beachtung ihrer Sorgen. Angesichts gestiegener Wolfszahlen in Deutschland fürchten die Halter von Schafen, Ziegen, Rindern oder Pferden zunehmend um die Sicherheit ihrer Tiere. „Wir brauchen in Hessen keine Wolfsreviere, sondern Weidetiere“, sagte der Vizepräsident des Hessischen Bauernverbandes, Volker Lein.

Anlass für die Demo mit rund 120 Teilnehmern war die erste Sitzung der neuen Arbeitsgruppe „Wolf in Hessen“ ebenfalls in Gießen. Dazu trafen sich nach Angaben des Hessischen Landesamtes für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) Vertreter von 29 Verbänden und Institutionen aus den Bereichen Weidetierhaltung, Landwirtschaft, Naturschutz und Jagd sowie mehrerer Landesbehörden. Thematisiert wurde unter anderem das Wolfsvorkommen in Hessen und sogenannte Rissereignisse.

Kein einfaches Unterfangen 

Es gehe darum, im Gespräch zu bleiben, „um unser Wolfsmanagement permanent an neue Entwicklungen anzupassen, aus den Erfahrungen mit den Förderinstrumenten zu lernen und neue Lösungen für das Zusammenleben mit dem Wolf zu finden“, erklärte Umweltstaatssekretär Oliver Conz. HLNUG-Präsident Thomas Schmid sagte, es werde nicht einfach sein, „die vielen verschiedenen Standpunkte und Interessen in Sachen Wolf auszutarieren.“ Der Austausch sei aber wichtig, auch um die drängendsten Fragen gemeinsam klären zu können.

Die Weidetierhalter kritisieren, dass in dem neuen hessischen Wolfsmanagementplan der Schutz des Raubtieres einen „weitaus höheren Stellenwert“ habe als der Schutz der Weidetiere. „Hier werden die Prioritäten falsch gesetzt“, so Lein. Maßnahmen wie Zäune lösten das Problem nicht. Die Kritik der Halter betraf auch Förder- und Entschädigungsmaßnahmen.

Um Konflikte mit dem Wolf zu vermeiden oder zu verringern, gibt es in Hessen den Wolfsmanagementplan und ein Wolfszentrum als zentrale Einrichtung. Zu den Maßnahmen gehören unter anderem Herdenschutz und finanzielle Unterstützung für die Tierhalter.

Nutztiere machen laut der hessischen Wolfsbeauftragten Susanne Jokisch nur einen sehr geringen Anteil an der Gesamtbeute der Raubtiere aus. Gejagt würden insbesondere Rehe oder anderes Wild – je nach Territorium. Es sei wichtig, Weidegründe mit elektrischen Zäunen zu schützen, „damit Wölfe, die versuchen, Übergriffe auf Nutztiere zu starten, gleich Bekanntschaft mit einem Stromzaun machen“, so Jokisch. Wölfe seien vorsichtige Wildtiere, die sich einen Stromschlag merkten.

Das Zaun-Problem

Genau diese Zäune sehen die Weidetierhalter skeptisch. „Da werden immer wieder neue Zaunhöhen verkündet, aber an der Lebensrealität von uns Tierbesitzern geht das vorbei“, findet Ludwig Nau, Pferdezüchter aus Großseelheim. Zum einen seien die Zuschüsse für diese Zäune viel zu gering, zum andern zweifle er stark daran, dass ein ausgewachsener Wolf solch einen Zaun nicht überwinden könne. Das sieht auch Dr. Michael Weiler so. Der Fachtierarzt für Pferde aus Steinperf ist auch Wolfsbeauftragter des Pferdesportverbandes Hessen. „Es habe immer geheißen, dass Wölfe scheu seien, keine Zäune überspringen und auch nicht an Pferde und Rinder herangehen, aber das habe sich als Trugschluss herausgestellt, Weiler. Zwar habe sich in Hessen noch kein Rudel angesiedelt, aber auch einzelne durchziehende Wölfe seien eine Gefahr für Rinder-und Pferdehalter. „Wenn ein Wolf in einer Herde Panik verbreitet, hält kein Zaun der Welt diese Herde auf und dann rennen die auf die Autobahn“, warnte Weiler.

Vor diesem Szenario hat auch Stefan Mann Angst. Der Milchviehhalter aus Ilschhausen und Bundesvorsitzender des Bundes Deutscher Milchviehhalter sieht seine Tiere in Gefahr. „Man will die Landwirtschaft umbauen und legt mehr Wert auf Tierwohl, man will dass die Tiere artgerecht und vermehrt auf der Weide gehalten werden, aber zeitgleich steigt die Wolfspopulation und gefährdet damit die Weidetiere, das passt doch nicht zusammen“, kritisiert Mann im Gespräch mit der OP. Er habe regen Kontakt zu Bauern aus Wolfsregionen wie Niedersachsen und Brandenburg. Und solche Verhältnisse möchte er in Hessen nicht, deshalb plädiert er dafür, dass man dort Wölfe zum Abschuss freigibt, wo es Probleme mit ihnen gibt.

Für Naturschützer hingegen war gestern klar: „Wir müssen lernen, mit den Wölfen zu leben“, sagte Inge Till vom Naturschutzbund Hessen (Nabu). „Dazu gehören neben Information und Aufklärung vor allem auch effektive Unterstützung für Nutztierhalter beim Herdenschutz.“ Die Arbeitsgruppe «Wolf in Hessen» soll sich künftig mindestens einmal im Jahr treffen.

Von Nadine Weigelund Carolin Eckenfels

25.10.2021
25.10.2021