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Marburg Wohnungsbau-Wirbel in Marburgs Nordstadt
Marburg Wohnungsbau-Wirbel in Marburgs Nordstadt
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07:57 22.08.2019
Auf dem Parkplatz an der ehemaligen Marburger Hauptpost zwischen Eisenstraße und Zimmermannstraße sollen 100 neue Wohnungen entstehen. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Ein Investor will hinter der ehemaligen Hauptpost 100 Wohnungen errichten und diese zu für Marburg günstigen Quadratmeterpreisen vermieten – dafür könnte die Stadt auf die seit dem Jahr 2016 geltende Sozialquote verzichten.

Für OB Dr. Thomas Spies könnte das Bauvorhaben als „Modellprojekt“ gelten, das sich „lohnt, zu prüfen“. Denn es obliege den städtischen Gremien – letztlich dem Stadtparlament – „in jedem Einzelfall zu entscheiden, ob in einem bestimmten Quartier mit anderen Modellen eine gute Durchmischung erreicht werden kann“.

Das Projekt könne demnach zwar als Blaupause dienen – doch werde die Sozialquote nicht abgeschafft. Denn: Sie sei „eine Errungenschaft, die bereits erfolgreich zu sozialem Wohnraum geführt hat und das auch in Zukunft tun wird“. Seit ihrer Einführung hat die Quote nach Verwaltungsangaben rund zwei Dutzend Sozialapartments entstehen lassen.

Projekt könnte laut OB Abhilfe schaffen

Laut Spies fehlten in Marburg neben Sozialwohnungen aber „auch Hunderte bezahlbare Wohnungen für Menschen, die zu viel verdienen, um einen Wohnberechtigungsschein zu bekommen, aber zu wenig, um sich teure Mieten leisten oder eine Neubauwohnung kaufen zu können“.

Mit dem Projekt könnten „100 preiswerte Mietwohnungen auf einen Schlag gebaut werden – mitten in einem Gebiet, in dem in den vergangenen Jahren schon Hunderte Eigentumswohnungen im oberen Preissegment entstanden sind“, wie Spies auf Anfrage der OP erläutert.

Gemeint sind damit vor allem die Bauprojekte von Karsten Schreyer­ (S+S Immobilien) in direkter Nachbarschaft in der Eisenstraße oder entlang der Neuen Kasseler Straße („Allee Nordend“). Im Gegensatz zu anderen, etwa Wohnungsbauvorhaben im Stadtwald, wurde S+S zur Quotenerfüllung verpflichtet.

Spies: Investorenbau hilft Gutverdienenden

Doch warum könnte es sich lohnen, auf die Sozialquote zu verzichten? OB Spies rechnet vor: „Bei einem fiktiven Bauprojekt mit 100 Wohnungen entstehen unter Anwendung der Sozialquote 20 Sozialwohnungen und 80 ungebundene Wohnungen“ – diese seien in den vergangenen Jahren „ausschließlich Eigentumswohnungen im oberen Preissegment für Gutverdienende“ gewesen. An den Menschen mit niedrigen bis mittleren Einkommen würden diese „Investorenbauprojekte“ vorbeigehen.

Bei dem nun vorgeschlagenen Bauprojekt, bei dem die Mietpreise auf 20 Jahre „so gedeckelt sind, wie es die Stadt vorgibt“, entstünden „auf einen Schlag 100 Wohnungen eben genau für Mieter mit geringeren und mittleren Einkommen“, so Spies. Die Politik habe nun zu entscheiden, „mit welchen Mitteln sie am bestmöglichen auf den jeweils vorhandenen Bedarf reagiert“.

Für die Lokale Agenda „Nachhaltige Stadtentwicklung“ ist das Vorgehen indes ein „Skandal vor dem Hintergrund des Mangels an preiswerten Wohnungen“ und grundsätzlich ein „Verstoß gegen den Parlamentsbeschluss“, sagt Gerhard Haberle.

Kaltmiete von 9,90 gilt als günstig

„Dass eine Kaltmiete von 9,90 Euro als preiswert, als günstiger Wohnraum gilt, finde ich interessant“, sagt Peter Hauswaldt, Mitglied beim Runden Tisch Preiswerter Wohnraum, einem den Magistrat über Wohnungsfragen beratendes Gremium.

Dass die im Vergleich zu anderen Städten mit 20 Prozent „ohnehin zu niedrige“ Sozialquote nun wohl mit einem Deal zwischen Magistrat und Investor „mal eben wieder weggehebelt werden soll“, um „ein bisschen Kinderbetreuungs-Platz zu bekommen“, sei „mehr als diskutabel“.

Die Fläche mit 100 Wohnungen zu bebauen sei grundsätzlich aber „nicht unvernünftig, weil der Bedarf allemal da ist und es gilt, ein Zubauen der Stadtränder zu vermeiden“.

Verzicht auf die Quote für den Bau einer Kinderbetreuungs-Einrichtung? Das habe bei dem Magistratsbeschluss „keine ­Bedeutung“ gehabt. Vielmehr nehme der Fachdienst Kinderbetreuung „auf der Suche nach neuen Möglichkeiten standardmäßig freistehende Räumlichkeiten in den Blick“.

von Björn Wisker 
und Andreas Schmidt