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Marburg Hybridhaus entsteht am unteren Richtsberg
Marburg Hybridhaus entsteht am unteren Richtsberg
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19:00 26.07.2020
So soll das Gebäude aussehen, das an der Ecke Friedrich-Ebert-Straße/Cappeler Straße entsteht. Quelle: Visualisierung: B&O-Bau
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Marburg

Noch gibt es an der Ecke Friedrich-Ebert-Straße/Cappeler Straße einen Bolzplatz – doch schon im kommenden Frühsommer soll dort ein sechsgeschossiges Wohngebäude bezugsfertig sein. So jedenfalls lautet der Plan der städtischen GeWoBau (Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft). Für den Rasenplatz wurde bereits ein Ersatz geschaffen, die Planungen für den Neubau sind so gut wie abgeschlossen. Erst kürzlich hatte der Ortsbeirat über das Projekt abgestimmt: vier Ja-Stimmen und fünf Enthaltungen. „Das bedeutet: keine Bedenken“, so die Ortsvorsteherin Erika Lotz-Halilovic auf OP-Anfrage.

Nachwachsender Rohstoff

Der Neubau wird eine Premiere für die Marburger GeWoBau. Denn das Wohnhaus wird in serieller Holz-Hybridbauweise errichtet. Also, weniger Stahl und Beton, dafür mehr vom nachwachsenden Rohstoff Holz, was sich später auch in der CO2-Bilanz widerspiegeln wird. Das jedenfalls versprach Martin Jungandreas bei der öffentlichen Vorstellung des Projektes. Er ist technischer Geschäftsführer des Unternehmens B&O Bau und Projekte aus Chemnitz, die das Haus geplant haben und bauen werden. „Der nachhaltige, ökologische Gedanke ist durch die Holzhybridbauweise erfüllt. Das verwendete Holz in den vorgefertigten Wänden stammt vorwiegend aus deutschen und österreichischen Wäldern – kurze Transportwege sparen Emissionen“, so der Ingenieur, der noch ergänzt: „Wer ein Holzhaus baut, gleicht damit acht Jahre lang seine gesamte CO2-Bilanz aus. Denn im Gegensatz zu Baustoffen aus nicht nachwachsenden Rohstoffen sind Holzbaustoffe über ihre gesamte Einsatzdauer hinweg ressourcenschonende Kreislaufprodukte. Sie stehen nach der Nutzung als Basis für weitere Produkte zur Verfügung und werden am Ende ihres Lebensweges energetisch genutzt.“ Er stellte gleich noch einen Vergleich an: Ein konventionell gebautes Gebäude und ein Gebäude in Holzhybridbauweise haben beide eine Nutzungsdauer zwischen 80 und 100 Jahren. Der entscheidende Unterschied: Die Entstehungszeit von Sand beträgt etwa 1.000 Jahre, die einer Fichte nur 80 Jahre. Insgesamt entstehen an der Friedrich-Ebert-Straße/Ecke Cappeler Straße 18 barrierefreie 1,5-, 3- und 4-Raum-Wohnungen. Zur weiteren Ausstattung des Gebäudes zählen ein Gründach und eine Photovoltaik-Anlage im KfW55-Standard. Barrierefrei bedeutet bei diesem Systemhaus: Aufzug, schwellenlose Übergänge zwischen den Räumen und eine ebenerdige Dusche. Ebenso verfügen alle Fenster über Rollläden zur Verschattung, außer im Bad. Dort werden Fertigbadzellen verbaut, somit sind die Fenster satiniert und dadurch blickdicht. Vor allem die serielle Bauweise und die sehr gute CO2-Bilanz haben GeWoBau-Geschäftsführer Jürgen Rausch überzeugt. „Das Haus wird schlüsselfertig an uns übergeben. Das entlastet uns und war mit ein wichtiger Punkt bei der Entscheidung“, sagte er im OP-Gespräch. Es wird nicht das letzte Haus dieser Art in Marburg sein. Der Spatenstich für ein weiteres Hybridhaus war bereits am Försterweg. „Das war aber, wie üblich, gewerkeweise ausgeschrieben.“ Auch wenn es derzeit nicht einfach ist, Handwerksbetriebe zu finden, die noch Kapazitäten frei haben.

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Mieterstrom-Modell

Rausch verwies auch auf das Mieterstrom-Modell bei dem Neubau an der Friedrich-Ebert-Straße. Durch die Photovoltaik-Anlage ist es jedem Mieter freigestellt, einen Teil des erzeugten Stromes selbst zu verbrauchen. „Das ist derzeit attraktiver, als die Energie ins Netz einzuspeisen“, erklärt der Geschäftsführer, der betont: „Das ist ein freiwilliges Angebot. Jeder Mieter entscheidet selbst.“

Ortsbeirats-Vorsitzende Erika Lotz-Halilovic freut sich, dass alle 18 Wohnungen Sozialwohnungen werden. Dennoch hat sie auch Kritikpunkte: „Der Bau ist ganz schön klobig und höher, als wir ihn wollten. Aber wir sind nur ein beratendes Gremium und können auf der anderen Seite auch den wirtschaftlichen Faktor verstehen“, sagte sie am OP-Telefon. Wenn das Hybrid-Haus fertiggestellt ist, dann „wünsche ich mir, dass der Richtsberg bautechnisch endlich zur Ruhe kommen kann und es erst einmal keine neuen Planungen mehr gibt.“

Von Katja Peters

26.07.2020
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