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Marburg Marburgs Millionen-Problem
Marburg Marburgs Millionen-Problem
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13:59 24.03.2022
Die Stadt Marburg hat Millionen in ihrer Kasse.
Die Stadt Marburg hat Millionen in ihrer Kasse. Quelle: Symbolfoto: Sven Hoppe/dpa
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Marburg

Was macht man, wenn man zu viel Geld auf dem Konto hat? Man könnte einen Geldspeicher bauen wie der Comic-Held Dagobert Duck. Der reichste Mann von Entenhausen begründete dies damit, alle Banken der Welt könnten nicht die Zinsen für sein Vermögen zahlen. Die Stadt Marburg hat nun ein ähnliches Problem – allerdings besteht es vielmehr darin, dass die Banken praktisch keine Zinsen mehr zahlen. Aufgrund der Nullzins-Politik der Europäischen Zentralbank kassieren sie bei hohen Vermögen sogar noch Negativzinsen, so genannte Verwahrentgelte.

Für die Stadt Marburg wird das immer teurer. Laut Haushaltsplan musste sie schon im November 2021 insgesamt 41 900 Euro für Bankspesen und Verwahrentgelte bezahlen. Damals betrug aber ihr Kassenbestand „nur“ 109 Millionen Euro. Dank Rekord-Steuereinnahmen, unter anderem durch den Impfstoff-Hersteller Biontech, ist die Kasse heute mehr als viermal so voll: „Wir haben 479 Millionen Euro bei der Bank“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) am Dienstagabend im Haupt-, Finanz- und Wirtschaftsausschuss. „Das ist schön, aber auch teuer.“

Verwaltung „befürchtet“ weitere Einnahmen

Einen Geldspeicher bauen und im Geld baden wie Onkel Dagobert kann der Oberbürgermeister natürlich nicht. Und auch die Idee, das ganze Geld auf einen Schlag für irgendetwas Schönes auszugeben, wäre nicht besonders schlau. Denn hohe Gewerbesteuereinnahmen führen in den folgenden Jahren dazu, dass eine Kommune weniger Geld aus dem Kommunalen Finanzausgleich bekommt. Die Stadt wird das Geld also noch brauchen, muss aber jetzt sehen, wie sie es sicher und günstig verwahren lässt.

Eine mögliche Lösung kennen alle, die ein paar Tausend Euro auf dem Konto haben und in den vergangenen Monaten ein Beratungsgespräch bei der Bank oder Sparkasse hatten: Man kann das Geld in Fonds anlegen. Aber auch das ist für die Stadt nicht so einfach wie für Privatleute. Sie muss dafür aufgrund der hohen Summe einen Auftrag europaweit ausschreiben, wie Dr. Nicole Pöttgen, Leiterin der Zentralen Dienste der Stadtverwaltung, im Ausschuss erläuterte. Es werde wahrscheinlich Oktober werden, bis das Parlament über ein Angebot abstimmen kann. Dann wird auch entschieden, welchen Betrag die Stadt genau anlegen wird.

Die Vorgaben aus Sicht der Stadt sind klar: „Das oberste Kriterium muss die Sicherheit der Geldanlage sein, dann die Sicherheit der Geldanlage, dann die Sicherheit der Geldanlage – und dann erst alle anderen Punkte“, sagte Pöttgen. Das macht die Sache noch komplizierter: „Wir kaufen nicht fertige Fonds, sondern wir lassen für uns welche bauen, die unseren Vorgaben für Anlagesicherheit entsprechen“, erklärte Spies. Das Geld wird auf mindestens drei Fonds verteilt werden, die Zuständigkeiten werden zudem auf eine Kapitalverwaltungsgesellschaft und eine Verwahrstelle aufgeteilt. Die Vorgaben der Stadt seien „für Banken nicht überwältigend attraktiv“, räumte Pöttgen ein. Die Stadt hofft, dass trotzdem mehrere Geldinstitute ein Angebot abgeben – und dass das Vermögen mit Fonds-Gewinnen abzüglich Gebühren unter dem Strich mindestens gleich hoch bleibt. Das sei dann schon besser als Negativzinsen, sagte Spies.

Kriterien wie Nachhaltigkeit und Gemeinwohlorientierung will die Stadt bei der Geldanlage auch berücksichtigen, wie Pöttgen auf Nachfrage von Isabella Aberle (Klimaliste) sagte. „So weit darstellbar“, schränkte Pöttgen ein. Man könne nicht einzelne Teilnehmer eines Fonds ausschließen. Denn wenn die Anlageregeln zu streng seien, bekomme die Stadt überhaupt kein Angebot von einer Bank. Das Geld werde auch jederzeit verfügbar sein, erklärte Pöttgen auf Nachfrage von Schaker Hussein (SPD). Und zur Erheiterung der Ausschuss-Mitglieder fügte sie mit Blick auf die Stadtkasse hinzu: „Ich befürchte, wenn sich die Lage weiter so entwickelt, dass ständig etwas nachkommt.“

Von Stefan Dietrich