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Marburg Wohin entwickelt sich die AfD?
Marburg Wohin entwickelt sich die AfD?
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08:00 21.10.2021
Der Marburger Rechtsextremismus-Forscher Benno Hafeneger.
Der Marburger Rechtsextremismus-Forscher Benno Hafeneger. Quelle: Thorsten Richter
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AfD-Parteichef Jörg Meuthen hat seinen Hut genommen als Parteivorsitzender. Für den Marburger Rechtsextremismus-Forscher Professor Dr. Benno Hafeneger ein Zeichen dafür, dass sich die AfD weiter radikalisiert. Hafeneger, der sich seit Bestehen der Partei mit ihrem Wirken in den deutschen Parlamenten beschäftigt, sagt im Gespräch mit der OP: „Der moderate Teil der AfD verliert weiter an Bedeutung.“ Der Rückzug Meuthens sei sinnbildlich für die stetige Entwicklung der AfD nach rechts außen. Von Bernd Lucke und Frauke Petry, dem Vorsitzenden-Duo bei der Gründung 2013, von Hans-Olaf Henkel über Alice Weidel bis hin zu Björn Höcke, dem Frontmann des rechtsradikalen Flügels der Partei – die maßgeblichen Figuren standen in der Partei zunehmend immer weiter rechts.

Ergebnisse bestätigen Theorie

Hafeneger glaubt, dass Meuthen, der in diesem Spektrum als eher liberal galt oder zumindest sich so gab, den Brückenschlag von der bürgerlichen Mitte bis zu den Rechtsradikalen versuchen sollte, an dieser Aufgabe aber komplett gescheitert ist. Die Zahlen aus Sachsen und Thüringen, in denen die AfD ihre besten Ergebnisse erzielt und gleichzeitig die rechtesten Landesverbände hatte, scheinen die Theorie von Hafeneger zu bestätigen.

Für Hafeneger ist nun die große Frage, was auf dem Bundesparteitag in Wiesbaden im Dezember passieren soll. „Die Ost-West-Polarisierung wird zunehmen“, schätzt der Erziehungswissenschaftler.

Bislang hat die AfD davon profitiert, dass sie ihre beiden Parteiflügel einigermaßen ausbalanciert hat, quasi zwei Parteien in einer war. Diese Pole könnten heißen „Hörsaal“ und „Straße“. Da ist die Gründungsgeneration, stark durch Professoren und ihre Eurokritik geprägt, wie Bernd Lucke, bis 2015 Parteichef. Jörg Meuthen, Professor für Volkswirtschaftslehre, zählte mit Abstrichen auch dazu. Das Attribut westdeutsch und der Wunsch, längerfristig anschlussfähig für eine Koalition mit Union oder FDP zu sein, sind prägend.

Entscheidung in nächsten Wochen

Der andere Flügel, bekannter, weil er sich auch explizit mit diesem Namen „Flügel“ geschmückt hat, ist die Straße, wo sich die AfD mit den – wie sie es nennt – „Bürgerbewegungen“ wie Pegida oder den Querdenkern verbündet. Sich in Gestus und Rhetorik als Fundamentalopposition versteht, völkisches, teils rassistisches Denken verstärkt. Da bei der Bundestagswahl nur der Thüringer Landesverband an Stimmen zulegen konnte, sehen sich deren Vertreter Björn Höcke, Stephan Brandner und Co. gestärkt.

Ob die AfD nun zu einer Regionalpartei wird, wie sie sich im Bundestag von der CDU abgrenzen wird, die neben ihr auf die Oppositionsbänke zieht, ob sich der Riss verschärft, der quer durch die Partei geht, das alles wird sich in den nächsten Wochen entscheiden. Möglich, dass der frühere „Flügel“ unter der Führung von Höcke den Putsch in der Partei schon versuchen wird.

Einen positiven Aspekt hat die Bundestagswahl für Hafeneger: Unter Meuthen hat die AfD ihr Wählerpotenzial auf 10 Prozent reduziert. Sie liegt aber immer noch bei 10 Prozent.

Von Till Conrad

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