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Marburg Schneckenweisheiten gegen die Einsamkeit
Marburg Schneckenweisheiten gegen die Einsamkeit
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20:59 28.09.2021
Jürgen Helmut Keuchel (von links) präsentiert mit dem Schauspieler und Sänger Ben Knop und dem Pianisten Christian Keul seine "Schneckenweisheiten".
Jürgen Helmut Keuchel (von links) präsentiert mit dem Schauspieler und Sänger Ben Knop und dem Pianisten Christian Keul seine "Schneckenweisheiten". Quelle: Jan Bosch
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Marburg

Jürgen Helmut Keuchel ist ein, nein: er ist das Urgestein am Hessischen Landestheater Marburg. Seit 1990 ist er im Ensemble, geht gerade in seine 32. Spielzeit. Für einen Schauspieler eine enorm lange Zeit. Er hat vier Intendanzen erlebt: Franzjosef Dörner, Ekkehard Dennewitz, Matthias Faltz und nun Eva Lange und Carola Unser.

Keuchel hat in dieser Zeit alles gespielt, was ein Spielplan so hergibt. Große Rollen, kleine Rollen, witzige, ernste, derbe, traurige. Blickt man auf die Homepage des Hessischen Landestheaters, dann erfährt man kaum etwas über ihn. Während junge Kolleginnen und Kollegen ihre schauspielerische Vita oft recht lang ausbreiten, mitteilen, was sie schon alles gespielt haben, gibt er nur so viel von sich preis: „1955 in Mecklenburg geboren. Abitur, 1976 – 1979 Staatliche Schauspielschule Rostock. Seit 1990 am HLTM. 200. Premiere mit dem Stück ,Ab jetzt zusammen!’ in der Spielzeit 2019 / 20.“

Man erfährt noch etwas mehr über ihn: Zuletzt und derzeit war und ist er zu sehen in: „Cabaret“, „Leonce und Lena“, „Macbeth“, „Der Hauptmann von Köpenick“, „Ab jetzt zusammen!“, „Glaube Liebe Hoffnung“, „Der nackte Wahnsinn“ (die Komödie wurde bislang wegen der Corona-Pandemie leider noch nicht öffentlich aufgeführt), „Biedermann und die Brandstifter“ (die Premiere wurde wegen Corona ebenfalls gestrichen, das Stück ist aber im Repertoire geblieben), „Hair“ und nun seine eigenen „Schneckenweisheiten oder: Das Mittel gegen Einsamkeit“.

Schneckenweisheiten sind seine 203. Premiere

200 Premieren (inzwischen sind es wegen Corona nur zwei mehr) – das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. 202 Stücke hat er gespielt im Laufe seiner Karriere – und nebenher hat er 1999 die Marburger Lyrikkompanie gegründet und mit ihr bis 2019 zahlreiche Produktionen auf die Bühne gebracht. Und weil das nicht reichte, führte er auch noch Regie – unter anderem beim Theaterverein Wetter. Am liebsten hat er dort Komödien gemacht, wie den Knaller „Der nackte Wahnsinn“, der ihm mit den Amateuren grandios gelungen ist.

„Ich finde es besser, zu lachen oder zu lächeln“

Apropos grandios: Jürgen Helmut Keuchel war der Marburger „Weltverbesserer“. Das war noch unter der Intendanz von Matthias Faltz – der hat ihm in seinem letzten Jahr in Marburg ein großes Stück für einen großen Schauspieler gegönnt. 80 Minuten lang saß er – fast immer alleine – auf der Bühne und grantelte als klassisches, egomanes Thomas-Bernhard-Scheusal. Man musste ihn als Theaterfan dafür einfach hassen und lieben zugleich.

Und Insa Jebens, damals „seine Lebensgefährtin“ auf der Bühne, sein „notwendiges Übel“ und „verlogene Ratte“ an seiner Seite musste ihn ebenso ertragen wie das Publikum, das hingerissen war. Grandios war er auch in „Der Hauptmann von Köpenick“ als Hauptmann – eine der erfolgreichsten Inszenierungen am Landestheater unter den Intendantinnen Eva Lange und Carola Unser.

Das sind nur zwei von 202 Stücken. Und nun kommen „Schneckenweisheiten oder: das Mittel gegen Einsamkeit“. Premiere ist am Freitag, 1. Oktober, um 19.30 Uhr im Theater am Schwanhof. Es sind seine eigenen „Schneckenweisheiten“. Denn Keuchel schreibt seit 1997 auch Gedichte.

Seine Lieblingsdichter: Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Erich Kästner und Robert Gernhardt. Und Erich Fried und natürlich Heinz Erhardt. Fast durchweg Satiriker. „Ich finde es besser, zu lachen oder zu lächeln und favorisiere daher die komische Lyrik“, sagt er im Gespräch mit der OP. Die Welt ist ihm wohl schon traurig genug. Ein Drittel der Gedichte sei neu, zwei Drittel kennen Lyrikkompanie-Fans vielleicht schon aus früheren Programmen.

Was erwartet die Keuchel-Fans? „Pointiert und klug zugespitzt bringt er Alltagsbeobachtungen zum Klingen und durch charmanten Witz die Zuhörerinnen und Zuhörer zum Lachen, wie mit dem wenig techniknahen Pfarrer, der an seinem Laptop aus Versehen Gott löscht“, heißt es auf der Theaterhomepage. Ansonsten nähere er sich den „ganz großen Themen des Lebens zwischen der Sehnsucht nach dem Meer, der Liebe und dem Ende aller Dinge“.

Begleitet wird er dabei von dem Schauspieler und Sänger Ben Knop und dem Musiker Christian Keul am Klavier. Und wie bei der Lyrikkompanie werden alle drei Gedichte rezitieren. Knop und Keul präsentieren darüber hinaus Balladen und Schlager.

Wie lange dauert der Abend? „Eine Stunde und 40 Minuten mit Pause“, sagte Keuchel. „Eine Stunde und 20 Minuten, wenn die Leute nicht klatschen.“

Die Premiere am Freitag, 1. Oktober, um 19.30 Uhr ist bereits ausverkauft. Weitere Vorstellungen sind am 3., 19., 22., 25., 27. und 30. Oktober jeweils ab 19.30 Uhr. Es gilt die 3G-Regel: geimpft, genesen, getestet. Aktuell sind auf der kleinen Bühne im Theater am Schwanhof 36 Besucherinnen und Besucher zugelassen.

Von Uwe Badouin