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Marburg Von Corona bis zum Klima
Marburg Von Corona bis zum Klima
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18:54 10.11.2021
Der AfK-Vorsitzende Jan-Bernd Röllmann (von links) befragte im Cineplex die Chefvolkswirte Dr. Michael Holstein, Leiter der Abteilung Volkswirtschaft der Deutschen Zentral-Genossenschaftsbank, und Dr. Ulrich Kater von der Deka-Bank der Sparkassen-Finanzgruppe über Gegenwart und künftige wirtschaftliche Entwicklung.
Der AfK-Vorsitzende Jan-Bernd Röllmann (von links) befragte im Cineplex die Chefvolkswirte Dr. Michael Holstein, Leiter der Abteilung Volkswirtschaft der Deutschen Zentral-Genossenschaftsbank, und Dr. Ulrich Kater von der Deka-Bank der Sparkassen-Finanzgruppe über Gegenwart und künftige wirtschaftliche Entwicklung. Quelle: AfK/Jens Kaliske
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Marburg

Nach rund zwei Jahren fand erstmals wieder eine Präsenzveranstaltung des Arbeitskreises für Kommunal- und Wirtschaftsfragen Marburg statt. Dazu begrüßte der Vorsitzende Jan-Bernd Röllmann am Montagabend (8. November) rund 50 Mitglieder im Cineplex. Sie kamen, um die Meinungen zweier „Hochkaräter“ zur Lage der Wirtschaft sowie deren Zukunftsaussichten zu hören.

Diese stellten Dr. Michael Holstein, Leiter der Abteilung Volkswirtschaft der DZ Bank AG, und sein Pendant bei der Deka-Bank, Dr. Ulrich Kater, vor. Dabei kristallisierte sich schnell heraus, dass die beiden Chefvolkswirte der Deutschen Zentral-Genossenschaftsbank und des Wertpapierhauses der Sparkassen-Finanzgruppe mit ihren Einschätzungen nahe beieinander liegen. Sie schilderten die Situation folgendermaßen.

Nach dem konjunkturellen Einbruch zu Beginn der Pandemie prägt diese auch das laufende Jahr. Die eingetretene Erholung trägt der Konsum, der allerdings durch fehlende Frachtkapazitäten und das erschwerte Managen der Transportketten gebremst wird. Die Folgen der Lieferschwierigkeiten sind hohe Frachtkosten und Produktionsausfälle, zum Beispiel in der Automobilindustrie wegen ausbleibender Mikrochips. Dennoch gehen die Volkswirtschaftler davon aus, dass die konjunkturelle Erholung noch an Fahrt gewinnt, da die Industrie ein großes Nachfragepolster hat und es einen Nachholbedarf bei Dienstleistungen wie zum Beispiel Veranstaltungen, Restaurantbesuchen und Tourismus gibt. Deshalb rechnen sie im nächsten Jahr mit weiterem Wachstum.

Inflationsanstieg sei nur vorübergehend

Wenig Sorgen bereite das derzeitige Ansteigen der Inflationsrate, was vor allem – auch eine der Spätfolgen der Krise – mit den Rohstoff- und Energiepreisen zu tun habe. Der Inflationsanstieg sei jedoch nur vorübergehend. Schon jetzt fielen die Preise wieder, weshalb mit dem Rückgang der Inflationsrate im nächsten Jahr zu rechnen ist. Demzufolge werde die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Geldpolitik nicht ändern, und es sei davon auszugehen, dass die Zinsen auf Jahre hinaus niedrig bleiben.

Überhaupt habe die EZB in der Krise alles richtig gemacht, indem sie dem Markt billiges Geld in bisher ungewohntem Ausmaß zur Verfügung stellte. Allerdings seien die hohen Schulden der unbekannte Faktor in dieser „Rechnung, die aufgegangen ist“, wozu auch die Staaten mit schnellem Gegensteuern beitrugen.

Allerdings sehen die Volkswirte auch die hohe Verschuldung einiger EU-Staaten einigermaßen gelassen, weil diese sich langfristig niedrige Zinsen sichern konnten. So sei eine Insolvenz von zum Beispiel Italien bei wieder anziehenden Zinsen vorerst nicht zu erwarten. Die Krise habe laut Ulrich Kater auch gezeigt, dass sich „gerade jetzt die Art ändert, wie Politiker und Ökonomen Geld und Wirtschaft sehen“. Hinsichtlich der Verschuldung lebe man in einer anderen Welt als noch vor zehn Jahren, ergänzt Michael Holstein, der den Mechanismus einer temporären Schuldenumverteilung als „notwendigen Weg“ bezeichnet. Anders hätten die Staaten nicht entlastet werden können, aber realistisch betrachtet komme man da „nicht mehr raus“. Vor diesem Hintergrund wünschen sich die Volkswirte einen Nachfolger des zurückgetretenen Bundesbankpräsidenten Jens Weidmann im EZB-Rat, der dem Stabilitätslager angehört.

Künftige Koalition mache positiven Eindruck

Die mögliche künftige Regierungskoalition macht auf Holstein einen positiven Eindruck, weil sich Chancen auf kurzfristig realisierbare Änderungen ergeben. Denn es gebe in Deutschland zu starre Mechanismen und „zu viel, das genehmigt werden muss“, meint Ulrich Kater. Gerade die überbordende Bürokratie erachteten mittelständische Unternehmen als größtes Problem noch vor dem Fachkräftemangel oder den Auswirkungen der Corona-Pandemie. Deshalb ruhten die Hoffnungen auf die von den Koalitionären anvisierten Verfahrensbeschleunigungen.

Schnelles Handeln sei auch bei der Nachhaltigkeitstransformation zur Klimaneutralität erforderlich, da die bisherigen Maßnahmen nicht genügen. Deshalb müssten Ziele formuliert und diese mit marktwirtschaftlichen Instrumenten erreicht werden, zum Beispiel der Freigabe der Preise für Co2-Zertifikate.

Vom Preis müsse ein Signal ausgehen. „Das ist sehr wichtig, um ein Bewusstsein zu erzeugen“, sagte Ulrich Kater. Man solle aber nicht glauben, dass der Finanzsektor das Klima rettet.

Von Gianfranco Fain

10.11.2021
10.11.2021