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Marburg Heimischer Wirtschaftsstandort besser als sein Ruf
Marburg Heimischer Wirtschaftsstandort besser als sein Ruf
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00:17 25.07.2018
Wollen das Image der Region so gutmachen, wie die Region ist: Frank Interthal (von links), ­ Burghard Loewe, Meinhard Moog, Gerhard Wenz, Dr. Frank Hüttemann, Marian Zachow, Professor Thomas Brenner und Oskar Edelmann. Quelle: Martina Koelschtzky
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Marburg

Hat die heimische Region ein Wahrnehmungs­problem? Das zumindest legt eine Studie von Wissenschaftlern der Uni Marburg nahe. Professor Thomas Brenner, Geograf der Arbeitsgruppe Wirtschaftsgeografie und Standortforschung des Fachbereichs Geografie der Marburger Universität, hat in einer Studie Realität und Wahrnehmung der heimischen Region untersucht.

Finanziert von Landkreis, Arbeitsagentur Marburg, Industrie- und Handelskammern Lahn-Dill und Kassel-Marburg, den Kreishandwerkerschaften Biedenkopf und Marburg und der Handwerkskammer Kassel hat Brenner erforscht, was eine Region für Fachkräfte attraktiv macht und ob in diesen Punkten das Image der heimischen Region mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Der Landkreis wird in Zukunft besonders vom Mangel an Fachkräften betroffen sein, prognostizieren entsprechende Untersuchungen.

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Schon jetzt herrscht im Hinterland nahezu Vollbeschäftigung mit Arbeitslosenquoten um die drei Prozent. Fachkräfte werden in Industrie und Handwerk händeringend gesucht. Wie aber macht man eine Region für Fachkräfte attraktiv? Und wenn alle diese Faktoren vorhanden sind, ist das auch über die Region hinaus bekannt? Das waren einige der Fragen, denen Professor Brenner mit seiner Studie und begleitenden studentischen Projekten nachgegangen ist. Sein Fazit: „Die Region steht sehr gut da, aber die Menschen wissen es nicht.“

Image der Region wird vor allem von Marburg geprägt

Oder, wie es Burghard Loewe von der IHK Lahn-Dill bei der Vorstellung der Studie formulierte: „Wir sind eine extrem innovative Region, aber wir haben Schwächen in der Kommunikation. So entsteht das völlig falsche Bild einer vor allem historisch geprägten Region. Dabei haben wir viele interessante und sehr innovative Unternehmen zu bieten.“

Brenner befragte Menschen in ganz Deutschland sowie im Landkreis und kam zu dem Schluss, dass das Image der Region vor allem von Marburg geprägt wird: „Alt, schön, beschaulich“ seien die häufigsten Zuschreibungen von außerhalb, meist werde vermutet, dass es wenig Arbeitsplätze gebe. Selbst den Marburgern sei nicht bewusst, dass der Landkreis eine Vielzahl von extrem innovativen und großen Firmen beherberge, die Fachkräften vielfältige Karrieremöglichkeiten bieten. „Die Studierenden sind auf die Stadt fixiert, das Umland wird kaum wahrgenommen“, hat er festgestellt.

Leitfragen auch für die beteiligten Akteure waren: Wie kann man Auszubildende und Studierende in der Region halten? Wie kann man Menschen zurückholen, die die Region wegen Ausbildung oder Beruf verlassen haben? Und wie kann man Fachkräfte aus anderen Regionen anwerben?

Brenner frage nach den Regionaleigenschaften, die die Entscheidung für einen Arbeits- und Wohnort bestimmen. Während bei allen Befragten zusammengenommen Lebenshaltungskosten, Sicherheit, gute Infrastruktur und Wohnbedingungen am wichtigsten sind, sind es bei den Auszubildenden besonders Lifestyle und Karriere- sowie Weiterbildungsmöglichkeiten, die über die Wahl des Lebens- und Arbeitsortes entscheiden. Was von diesen Eigenschaften in der heimischen Region zu finden ist, wird umso positiver bewertet, je besser die Befragten die Region kennen. Wer hier lebt, weiß die Qualitäten des Landkreises zu schätzen.

Die Zufriedenheit der Bewohner beispielsweise beim Kultur- und Freizeitangebot sei in Marburg so hoch wie sonst nur in Großstädten, im Landkreis so hoch wie sonst in mittelgroßen Städten, hat die Studie ergeben. Die Studenten in Marburg haben allerdings kaum Kenntnis von den Eigenschaften der Region außerhalb der Stadt und die meisten wollen die Region nach dem Studium verlassen.

Verändertes Image beginnt in den Köpfen

Was also ist zu tun, um ausgebildete Menschen in der Region zu halten oder zurückzuholen? Während des Studiums sollten die Unternehmen der Region mit Events und der Betreuung von Praktika und Abschlussarbeiten auf sich aufmerksam machen, ist einer der Vorschläge von Professor Brenner. Gerhard Wenz von der Arbeitsagentur setzt auch auf die schnelle und umfassende Information der rund 30 Prozent Studienabbrecher über die Möglichkeiten in der Region.

Bessere Kommunikation und Vermarktung der hohen Qualität der Region wünschen sich die Industrie- und Handelskammern. Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) sieht die große Aufgabe darin, die Abgrenzung zwischen der Stadt Marburg und dem Gesamtkreis aufzuheben und daran zu arbeiten, dass die Region sich als Ganzes wahrnimmt und darstellt. „Die Arbeit an den eigenen Köpfen ist der erste Schritt zu einem veränderten Image“, sagt er.

Es gehe auch darum, eine gemeinsame Begrifflichkeit zu finden, mit der Stadt und Land gemeinsam für die Region werben, betont Oskar Edelmann von der IHK Kassel-Marburg. „Man kann ein Image verändern.“

von Martina Koelschtzky