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Marburg Geht dieser Wirt pleite, weil es sein Vermieter so will?
Marburg Geht dieser Wirt pleite, weil es sein Vermieter so will?
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17:59 19.05.2020
Alex Kallioras, Wirt des „Gyros-Haus Alex“, besser bekannt als „Zur Lokomotive“ in der Marburger Ketzerbach, ist verzweifelt: Mitte März gab es in der Küche des Gastro-Betriebs einen Wasserschaden. Sein Vermieter weigert sich seitdem, Handwerker ins Haus zu lassen, um den Schaden zu reparieren. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Sein Lebenswerk liegt unter Holzlatten und Fliesen begraben. Das Loch, das seit Mitte März in der Küche des Restaurants „Zur Lokomotive“ in der Ketzerbach klafft, hat auch ein Loch in das Herz von Alex Kalioras gerissen.

Denn was erst ein zwar ärgerlicher, aber doch normaler Wasserschaden war, ist für den Gastwirt mittlerweile zu einem Horrortrip geworden. „Ich weiß nicht mehr weiter; alles, was ich aufgebaut habe, meine ganze Existenz geht dahin, und ich muss tatenlos zusehen“, sagt er.

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Wegen eines Wasserschadens? Nicht direkt. Vielmehr hängt die Zukunft der „Lokomotive“ und somit die von Kallioras an der Schadensbeseitigung, der Reparatur der Decke, was bis heute, zwei Monate später, nicht geschehen ist.

Der Grund dafür, so erzählt der Gastronom, sei die beharrliche Weigerung des Vermieters, Handwerkern den formalen Auftrag dafür zu erteilen. Die Hausbesitzer hätten in den vergangenen Wochen allen von ihm vorgeschlagenen Firmen kein schriftliches Okay für die Reparatur gegeben. Und deshalb schaut er, der die Küchengeräte aus dem ersten Stock im Gästeraum im Erdgeschoss parkte, auch noch einen Tag bevor er seinen Laden formal wieder öffnen dürfte, in ein Loch.

Vermieter erhebt Vorwürfe an Inhaber

„Alles, was zu tun ist, würde ich selbst bezahlen, ich brauche nur die Unterschrift. Danach geht es für mich und für die Gäste weiter“, sagt er, der die „Lokomotive“ von 1982 bis 1996 bekannt machte und den Kultladen seit 2012 unter „Gyros-Haus Alex“ wieder führt.

Im Gegensatz zu vielen anderen Marburger Restaurants konnte Kallioras wegen des Wasserschaden-Wirbels zu Zeiten des Corona-Lockdowns nicht kochen, weder Abhol- noch Lieferservice anbieten. Er verdiente in den vergangenen zwei Monaten keinen Cent. „Wir brauchen Kunden, wir wollen arbeiten, wir müssen arbeiten. Wir dürfen es aber nicht“, sagt er.

Die Vermieter stellen die Vorgänge auf OP-Anfrage anders dar. „Wir tragen weder Schuld am Schaden noch an der Verzögerung, er ist Opfer des eigenen Pfuschs“, sagt Jutta Küster von der Vermieterfamilie. Schon seit Langem sei wegen „unfachmännischen Anschließens der Geräte“ Wasser auf den Boden, in das Holz getropft und habe so Bausubstanz geschädigt. Das jüngste Überlaufen der Spüle oder Eismaschine habe der Decke des 1864 erbauten Hauses dann den Rest gegeben, sagt Küster mit Verweis auf Untersuchungsergebnisse einer Firma.

Pächter bestreitet Rechtsstreit

Die Dachbalken des denkmalgeschützten Hauses seien nun so stark beschädigt, dass Spezialisten das „ordentlich und nicht wieder nur schnell und provisorisch“ beheben müssten. Der Auftrag für eine fachmännische Reparatur solle „zeitnah“ erteilt werden.

Hunderttausende Euro, so Kallioras habe er in den vergangenen Jahren in die Räume, in die Geräte investiert, machte die „Lokomotive“ zu einer der Gastro-Adressen der Nordstadt. Sein Pachtvertrag gilt nach eigenen Angaben bis zum Jahr 2022, doch die Vermieter kündigten ihm kürzlich zum September dieses Jahres. Die Kündigung bestätigt Küster, allerdings sei diese vom Pächter gekommen. Der bestreitet das, ein Rechtsstreit läuft.

Die Küche ist abgebaut, steht seit Wochen im Gästeraum des Restaurants. Quelle: Björn Wisker

Kallioras spricht von „gezielter Schikane“, er solle nach einigen Streits – unter anderem wegen einer angekündigten Vervielfachung der Miete – über „eine Verzögerungstaktik“ vor Ende des Pachtvertrags „rausgedrängt“ werden.

„Wir sind offen und kooperativ für alles“

Aktuelle Mietrückstände, die Kallioras gegenüber der OP mit Verweis auf massive Corona-Ausfälle einräumt, sind für Küster ein großes Problem. „An Corona sind wir nicht schuld, und wir haben auch finanzielle Verpflichtungen, die weitergehen. Und wenn der Laden läuft, sind wir ja auch nicht an dem Gewinn beteiligt“, sagt sie. Eben deshalb zweifele sie auch daran, dass der Wirt die Reparaturkosten übernehmen werde.

Trotz des Zoffs eine Weiterverpachtung an Kallioras? „Wir sind offen und kooperativ für alles“, sagt die Hausbesitzerin, verweist aber auf die Notwendigkeit von gewissenhafterem Umgang mit der Immobilie und einer höheren Mietzahlung für das ihrer Meinung nach gut laufende Geschäft. Und Kallioras? Auf loser Nachfolgersuche war er in der Vergangenheit zwar bereits, aber aktuell denkt er nicht ans Aufhören. Nicht jetzt. Nicht so.

Von Björn Wisker

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