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Marburg Wirrwarr um Wohnungsbau in Marburg
Marburg Wirrwarr um Wohnungsbau in Marburg
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13:58 18.02.2021
GWH-Neubau mit Mietwohnungen in der Friedrich-Ebert-Straßee in Marburg.
GWH-Neubau mit Mietwohnungen in der Friedrich-Ebert-Straßee in Marburg. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

„Kalkulierte Schönrechnerei“ oder „bedauerliche Übertragungs-Fehler“? Die Zahl von rund 3000 in Marburg binnen fünf Jahren neu gebauten Wohnungen ist falsch. Tatsächlich sind seitdem rund ein Drittel weniger Apartments in der Universitätsstadt entstanden, wie die Stadtspitze zuletzt angab. Das geht aus Daten der Stadtverwaltung hervor – Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) räumt im Stadtparlament eine Panne ein.

Bei der Auswertung und Veröffentlichung der Daten habe es „einen Übertragungs-Fehler“ gegeben, das sei „bedauerlich“ und von der Stadtverwaltung auf ihren Veröffentlichungs-Kanälen nun korrigiert worden, sagt Spies. Man habe bei der Zahl von rund 3000 die falsche Bezugsgröße gewählt, nicht den Zeitraum ab 2015, sondern ab 2013 als unter Ex-OB Egon Vaupel und Dr. Franz Kahle noch Rot-Grün regierte, angesetzt. Der Grund: Alle Wohnraum-Berechnungen gingen seit jeher von der sogenannten Inwis-Studie aus. Diese wurde tatsächlich vor rund acht Jahren fertiggestellt.

Es sollten 1600 Neu-Wohnungen bis 2020 entstehen

Die Prognose, auf der das Wohnraum-Versorgungskonzept und maßgeblich die Baugebiete Hasenkopf und Oberer Rotenberg fußen, sprach damals von rund 1600 benötigten Neu-Wohnungen bis zum Jahr 2020. Es gebe 800 Sozialwohnungen zu wenig. Schon damals sah die Stadtverwaltung diese Zahlen unterhalb des realen Bedarfs, da der zunehmende Zuzug aus dem Umland und die Flüchtlingszahlen ab 2015 bei der Kalkulation außen vor blieb beziehungsweise zu gering angesetzt wurde.

Und so kam es zum Zurückrudern: Mit Blick auf die Daten des Statistischen Landesamts fiel den Grünen auf, dass bei fertiggestellten Bauten in Marburg eine Zahl von weniger als 1500 angegeben war. Die Diskrepanz machte die Fraktion stutzig, sie forderte Aufklärung vom Magistrat. „Jetzt ist klar: Es wird eine grandiose Erfolgsbilanz verkauft, die so einfach nicht stimmt. Im Gegensatz zu der Schönfärberei gibt es eine schockierende Realität“, sagt Dietmar Göttling, Grünen-Fraktionschef.

Er verweist auf die nicht mal zwei Dutzend Sozialwohnungen, die auf Initiative der Stadt Marburg in den vergangenen Jahren gebaut worden seien – und auf den dadurch weiterhin bestehenden Mangel an gefördertem Wohnraum. Der Großteil der bisher rund 400 sei vor der Zeit der Spies-geführten ZIMT-Regierung aus SPD, BfM und CDU auf den Weg gebracht worden. „Das ist ein politisches Spiel mit falschen Zahlen zum Schaden aller in der Politik. So gibt es einen Glaubwürdigkeitsverlust“, sagt Göttling.

Großteil der Bautätigkeit von Privatinvestoren

Allerdings konterte Spies den Grünen-Vorwurf: Auch deren Zahl von 1440 stimme so nicht, denn sie, das Statistische Landesamt würden die Zahlen aus dem Jahr 2020 noch nicht einrechnen. Die OP klärt das Zahlen-Wirrwarr auf: Die Stadtverwaltung teilt auf OP-Anfrage mit, dass seit Beginn von Spies’ Amtszeit (1. Dezember 2015) bis Jahreswechsel 2020/2021 „rein rechnerisch rund 1900 Wohneinheiten gebaut wurden“.

Zwischen der Inwis-Studie unter Vaupel/Kahle und Spies’ Amtsantritt wurden demnach circa 1050 Apartments erstellt. Diese Werte seien aber ein Mittelwert und nicht exakt, da die Fortschreibung der Fertigstellungs-Zahlen im Zweijahres-Rhythmus – also Ende 2014 und Ende 2016 – vorgenommen werde. Konkret: Ende 2014 waren es 710, Ende 2016 rund 1400 fertige Apartments.

Bis jetzt 410 Sozialwohnungen

Ob rund 3000 oder rund 2000: Die Zahlen umfassen den gesamten Wohnungsbau, und an diesen haben die städtische Gewobau und andere öffentliche Wohnungsbaugesellschaften, wie etwa die GWH, einen eher geringen Anteil. So sind nach Angaben des Magistrats seit der Bedarfsermittlung bis jetzt 410 Sozialwohnungen gebaut worden, 150 weitere seien in der Fertigstellung. Der Rest stammt von privaten oder privatwirtschaftlichen Bauherren – die durch die Erfüllung einer geltenden Sozialquote ebenfalls einige Billigmieten-Apartments beisteuern.

OB Spies betonte zuletzt, dass der Sozialwohnungsbedarf nicht so hoch sei wie die Apartment-Nachfrage von Normalverdienern, die keinen Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein haben, aber Marburger Mieten oft kaum bezahlen könnten (die OP berichtete). Grünen-Parteichef Christian Schmidt sieht auch da Stadt und Gewobau in der Verantwortung: Er fordert einen Mietendeckel von maximal 7,50 Euro pro Quadratmeter inklusive der Absenkung von aktuell darüber liegenden Bestandsmieten.

Von Björn Wisker

17.02.2021
17.02.2021