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Marburg Wird die Lahnaue zum Gewerbegebiet?
Marburg Wird die Lahnaue zum Gewerbegebiet?
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09:57 05.01.2021
Jogger im Cappeler Feld zwischen Südspange und Gisselberg. Südlich der Südspange könnte eines Tages ein Gewerbegebiet entstehen – Problem ist das Thema Hochwasserschutz. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Wo könnten in Marburg in Zukunft Gewerbegebiete entstehen? Die Antwort auf diese Frage findet sich im Regionalplan. Weil im nächsten Jahr ein neuer Regionalplan aufgestellt werden soll, hat das Regierungspräsidium Gießen erstmals mit einem umfassenden Fragebogen die Kommunen um Vorschläge gebeten.

Die Antworten der Stadt Marburg sorgen schon jetzt für Aufregung. Denn Dr. Andreas Matusch, Geschäftsführer des Vereins MIO e.V. (Marburger Institut für Ornithologie und Ökologie), hat mit einer Klage vor dem Verwaltungsgericht Gießen erreicht, dass ihm die Vorschläge der Stadt übermittelt werden. Über den Inhalt ist Matusch empört, und das aus drei Gründen.

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„Der Magistrat hat die Vorschläge komplett an allen vorbei gemacht – ohne die Ortsbeiräte und die Stadtverordnetenversammlung“, kritisiert er. Zum anderen ist Matusch der Meinung, dass es schon genug Gewerbegebiete gebe. Und besonders schlimm findet er, dass die Stadt eine 31 Hektar große Fläche in der Lahnaue, südlich der Südspange und westlich der B3a, als mögliches Gewerbegebiet vorschlägt. „Bauen im Überschwemmungsgebiet ist indiskutabel“, sagt Matusch.

Das Gebiet im Süden von Marburg soll eine Ausweichfläche bei Lahn-Hochwasser sein und so verhindern, dass es andernorts zu Überschwemmungen kommt. In dem Schreiben an das Regierungspräsidium, das der OP vorliegt, schlägt die Stadt eine Überprüfung der Situation vor: „Insbesondere wäre zu prüfen, inwieweit die Berücksichtigung der Retentionsmöglichkeiten des Ohmrückhaltebeckens hier zu einer Neubewertung der Überschwemmungssituation oberhalb und unterhalb dieses Gebietes führen könnte“, heißt es darin. Matusch findet den Hinweis auf das flussaufwärts gelegene Ohm-Rückhaltebecken „grotesk“: „In der Logik der Stadt fließt Wasser nach oben.“ Die Wegnahme eines Überschwemmungsgebietes in Marburg wirke sich nur flussabwärts aus, also „von Weimar bis zum Königreich der Niederlande“.

Aus Sicht der Stadtspitze fußt Matuschs Empörung auf einem grundlegenden Missverständnis. Die Stadt habe nur als „nachgeordnete Behörde“ für das Regierungspräsidium die Frage beantwortet, über welche Flächen man überhaupt nachdenken könne, sagt Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD), der in einem Pressegespräch gemeinsam mit Bürgermeister Wieland Stötzel (CDU) und dem Geschäftsführer der Stadtenwicklungsgesellschaft (SEG), Jürgen Rausch, die Sicht der Stadt erläuterte. Das vorgeschlagene Gebiet im Marburger Süden sei schon in der 2017 vom Stadtparlament beschlossenen Gewerbeflächen-Entwicklungsstrategie enthalten. „Wir wollen nicht etwas dahinstellen, so dass Wenkbach absäuft“, stellt Spies mit Blick auf die Hochwasser-Problematik klar, „sondern man muss eine Lösung finden.“ Die Hochwasserschutz-Prüfung müsse ohnehin das Regierungspräsidium machen – und dieses könnte auch entscheiden, dass Marburg-Süd nicht als mögliches Gewerbegebiet infrage kommt.

Spies: Stadt mussGewerbeflächen vorhalten

Matusch ist indes auch der Meinung, dass die Stadt zu viele potenzielle Gewerbegebiete vorschlage. „Es sind genug Gewerbegebiete vorhanden, es gibt riesige Potenziale der Um- und Nachnutzung“, sagt er. „Man muss nicht unsere schöne Marburger Natur zerstören, um Gewerbegebiete zu bauen.“

Die Stadtspitze widerspricht. „In Marburg gibt es fast keine Gewerbeflächen mehr – außer am Pharma-Standort Görzhäuser Hof“, sagt Oberbürgermeister Spies.„Das Mindeste, was jede Kommune machen muss, ist, Gewerbeflächen vorzuhalten für den Schreiner oder Dachdecker, der sich vergrößern will. Als Oberzentrum hat Marburg darüber hinaus eine elementare Verpflichtung, Entwicklungspotenziale vorzuhalten.“ Die Stadt orientiere sich an einem Gutachten des Regierungspräsidium, das den Bedarf in den nächsten zehn Jahren auf rund 50 Hektar Gewerbeflächen für die Entwicklung der Stadt und weitere 26 Hektar für die Verlagerung von Arbeitsplätzen aus dem Rhein-Main-Gebiet beziffere.

Dieser Bedarf sei in Marburg nicht leicht zu decken: „Wir haben in einem Strang von 700 Metern Breite im Tal fast alles vollgebaut, dann kommen die Berge mit Wald“, schildert Spies die Situation. „Schön sind die Flächen wirklich alle nicht“, gibt er mit Blick auf die Prüfvorschläge der Stadt zu. Aber bei der Ausweisung von Gewerbegebieten gehe es auch um Arbeitsplätze und um Unternehmensgründungen, auch im Bereich der „Green Economy“.

Heftig widerspricht der Oberbürgermeister dem Vorwurf, die Stadt habe ihre Vorschläge an allen Gremien vorbei entwickelt. „Die Kritik, dass keiner beteiligt worden ist, ist falsch“, sagt er. Erst wenn der Entwurf des Regionalplans offengelegt werde, komme eigentlich die Stadt ins Spiel. „Wir wollen an der Stelle viel mehr beteiligen als bisher“, verspricht Spies.

Und was wäre, wenn das zu dem Ergebnis führt, dass die Marburger keine Gewerbeflächen in der Lahnaue wollen? „Wenn das dabei herauskommt, akzeptiere ich es“, sagt der Oberbürgermeister. „Ich halte es aber nicht für klug, wenn wir dem Regierungspräsidium sagen: Bitte erlaubt uns das nicht.“ Denn im Regionalplan gehe es darum, worüber die Stadt in Zukunft überhaupt nachdenken könne – das sei ohne Spielraum nicht zu machen. Das bedeute nicht, dass die Stadt am Ende wirklich überall dort baut, wo es laut Regionalplan möglich wäre.

Regierungspräsidiumist am Zug

„Selbst wenn es im Regionalplan steht, müssen wir einen Bebauungsplan machen und dabei zum Beispiel den Naturschutz und Frischluftschneisen berücksichtigen“, erklärt Bürgermeister Stötzel. SEG-Geschäftsführer Rausch ergänzt: „Es kann durchaus passieren, dass das Ergebnis dann ist, lasst besser die Finger davon.“ Wenn zum Beispiel in einem Gebiet eine seltene Tierart gefunden werde, dürfe dort nicht gebaut werden, obwohl sie im Regionalplan steht. Desto mehr potenzielle Gewerbeflächen im Regionalplan stehen, argumentieren Spies, Stötzel und Rausch, desto mehr Möglichkeiten habe die Stadt.

Zunächst ist nun ohnehin das Regierungspräsidium am Zug. Und das muss sich nicht unbedingt an den Marburger Vorschlägen orientieren: „Weder werden nur die Flächen in den Plan aufgenommen, die die Kommunen melden, noch gibt es eine ’Garantie’, dass alle Flächenvorschläge in den Planentwurf Eingang finden“, antwortet der Stellvertretende Sprecher des Regierungspräsidiums, Thorsten Haas, auf Anfrage der OP.

Wenn eine Kommune zu wenig oder ungeeignete Flächen vorschlage, könne die Behörde entsprechende Flächen selbst festlegen. Sämtliche Vorschläge würden der Strategischen Umweltprüfung unterzogen.

Zu dem umstrittenen Gebiet im Marburger Süden teilt er mit: „Die von Ihnen genannte Fläche liegt vollständig innerhalb eines festgesetzten Überschwemmungsgebiets. Neben dem Wasserhaushaltsgesetz, das neue Baugebiete in amtlich festgesetzten Überschwemmungsgebieten nahezu ausschließt, lassen auch die Vorgaben des Landesentwicklungsplans keine entsprechenden Planungen zu.“

Von Stefan Dietrich

Regionalplan

Ein Regionalplan enthält die überörtliche Planung für eine Region. Das Ziel ist, dass die Entwicklung der einzelnen Gemeinden aufeinander abgestimmt ist. Denn wenn wichtige Institutionen in einem Oberzentrum wie Marburg angesiedelt sind und nicht über den ganzen Landkreis verstreut, ist es leichter, zum Beispiel den öffentlichen Nahverkehr darauf auszurichten. Ein Regionalplan gilt für 15 Jahre und enthält Festlegungen wie zum Beispiel: Grundzentren, Siedlungsstruktur, überörtliche Straßen, Naturschutzgebiete, Waldgebiete, landwirtschaftliche Flächen, Gebiete für den Klima- und Hochwasserschutz.
In Hessen gibt es für jedes Regierungspräsidium einen Regionalplan. Für das Regierungspräsidium Gießen, zu dem der Landkreis Marburg-Biedenkopf gehört, ist dies derzeit der Regionalplan Mittelhessen 2010. Ein Regionalplan muss, bevor er in Kraft tritt, mehrfach offengelegt werden. Dann können die betroffenen Kommunen Stellung nehmen. Anschließend wird er in der Regionalversammlung beschlossen und von der Landesregierung genehmigt. Die Regionalversammlung Mittelhessen hat 31 Mitglieder, die von den Landkreisen und großen Städten (wie Marburg) entsandt werden.
Für den neuen Regionalplan Mittelhessen ist laut Regierungspräsidium vorgesehen, dass die Regionalversammlung im Sommer 2021 den Beschluss für die Offenlegung fasst. Wann der fertige Plan beschlossen werden kann, ist offen.

Die Prüfvorschläge der Stadt

In dem Schreiben an das RP, das der OP vorliegt, übersendet die Stadt Marburg als Ergänzung zum Fragebogen des Regierungspräsidiums vier neue „Prüfvorschläge“ für Gewerbegebiete:
In Marburg südlich der Südspange. Aus Sicht der Stadt wäre dieser Standort gut geeignet, weil man mit der Bahn (Südbahnhof), dem Fahrrad und dem Auto gut dorthin kommt. Allerdings ist er Überschwemmungsgebiet.
Der Standort des ehemaligen Betonwerks auf den Lahnbergen. Auf dieser recht kleinen Fläche sollten aus Sicht der Stadt Betriebe angesiedelt werden, die einen Bezug zur Forschung der benachbarten Universität haben.
Südlich von Moischt – allerdings müssten dort, schreibt die Stadt, gute landwirtschaftliche Flächen in Anspruch genommen werden.
Ein interkommunales Gewerbegebiet auf Kirchhainer Gebiet, südlich von Kirchhain an der B62, das 26 bis 30 Hektar groß werden könnte. Die Stadt schreibt, dass durch verschärfte Regelungen zur Bebauung von Überschwemmungsgebieten eine im bisherigen Regionalplan als „Vorranggebiet Industrie und Gewerbe“ ausgewiesene Fläche von 13 Hektar bei Gisselberg wegfallen könnte. Zudem sieht die Stadt ein zuvor in Erwägung gezogenes Gewerbegebiet bei Bauerbach und Schröck als weniger gut geeignet an, weil sie im Arzbachtal ein Trinkwasservorkommen erschließen will.

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