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Marburg „Hessens Betriebe brauchen Perspektiven“
Marburg „Hessens Betriebe brauchen Perspektiven“
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18:58 07.02.2021
Lockdown in Marburg: Ein Radfahrer fährt an der geschlossenen Kinderkiste in der Marburger Oberstadt vorbei.
Lockdown in Marburg: Ein Radfahrer fährt an der geschlossenen Kinderkiste in der Marburger Oberstadt vorbei. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Am 10. Februar berät die Ministerkonferenz gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), wie es mit dem Lockdown weitergeht. Zwar steigt die Zahl der Infizierten bundesweit langsamer an – doch ist das geäußerte Ziel, auf eine Sieben-Tage-Inzidenz von unter 50 zu fallen, noch nicht erreicht. Und: Auch die Virus-Mutationen sorgen für Unsicherheit, ob der Lockdown verlängert wird oder nicht.

Die Auswirkungen des Lockdowns werden auch in Marburg langsam sichtbar: So hat beispielsweise der Ein-Euro-Shop in der Barfüßerstraße die Segel gestrichen – das Schaufenster ist leer, der Laden des ehemaligen „Memphis“ ausgeräumt. Und: Die Kneipe „U14“ in der Untergasse ist auch geschlossen.

Die Sorge bei der Wirtschaft ist groß

Entsprechend groß ist die Sorge bei der Wirtschaft. Daher fordern der Hessische Industrie- und Handelskammertag (HIHK), der Handelsverband Hessen und der DEHOGA Hessen im Vorfeld der Konferenz die schrittweise Öffnung derzeit geschlossener Betriebe ab Mitte Februar. Die Öffnung müsse nach „einheitlichen, nicht-diskriminierenden Vorgaben“ laufen.

Unterschiede nach Betriebsgrößen oder Verkaufsfläche müssten vermieden werden. Sie führten zu Wettbewerbsverzerrungen und Rechtsunsicherheit. Die Verbände sprechen sich für eine abgestufte Öffnungsstrategie mit klaren Zielwerten aus, die Unternehmen Planungssicherheit ermögliche. Mit Disziplin gingen Gesundheits- und Wirtschaftsschutz zusammen. Und der Landesinnungsverband Hessen des Friseurhandwerks fordert eine Öffnung der Läden ab dem 15. Februar, um Firmenpleiten zu verhindern.

„Hessens Betriebe brauchen Perspektiven. Wir können nicht warten, bis das Infektionsgeschehen nahe Null ist. Dann existieren viele Unternehmen nicht mehr“, verdeutlicht Eberhard Flammer, Präsident des HIHK. Die aktuellen behördlichen Einschränkungen seien auf Dauer für die Wirtschaft nicht tragbar. Von den Regelungen gingen darüber hinaus erhebliche Wettbewerbsverzerrungen aus.

Flammer: „Infektionsschutz hängt nicht mit der Zusammensetzung des Sortiments zusammen“

So stünden Nebensortimente geöffneter Läden in Konkurrenz zu Betrieben, die aufgrund ihres Schwerpunkts im Hauptsortiment geschlossen wurden. „Dabei ist doch jedem klar: Der Infektionsschutz hängt nicht mit der Zusammensetzung des Sortiments zusammen“, so Flammer. Er betonte, dass die hessische Wirtschaft das Ziel unterstütze, das Infektionsgeschehen so weit wie möglich zu reduzieren.

Dabei dürften aber die wirtschaftlichen Schäden durch die Corona-Maßnahmen nicht übersehen werden. Es gehe darum, in Hessen 1,8 Millionen gewerbliche Arbeitsplätze zu sichern. Ein düsteres Bild zeichnet René Hain, Geschäftsführer des Landesinnungsverbands des Friseurhandwerks Hessen: „Die Aussichten für Friseurbetriebe sind, diplomatisch ausgedrückt, nicht gerade rosig. Eine weitere Verlängerung des aktuellen Lockdowns für Friseurbetriebe wird dazu führen, dass Friseurbetriebe schließen müssen und damit viele Mitarbeiter arbeitslos werden.“

Die Mitarbeiter erhielten zumindest Kurzarbeitergeld und könnten sich so „über Wasser halten“. Allerdings würden auf Arbeitgeberseite seit Mitte Dezember die kompletten Einnahmen fehlen. „Rücklagen des Unternehmers, sofern sie überhaupt noch vorhanden waren, sind spätestens jetzt vollständig aufgebraucht“, so Hain, und es werde wohl keine Anpassung der Überbrückungshilfen Teil 3 an die besonderen Verhältnisse im Friseurhandwerk geben.

„Deswegen sind die Forderungen an die Politik, möglichst schnell nachzubessern, unverzüglich eine entsprechende, maßgeschneiderte Anpassung vorzunehmen und eine sofortige Auszahlung der Finanzhilfen zu veranlassen“, so Hain – sonst sei die einzige Alternative, die Läden spätestens am 15. Februar wieder öffnen zu lassen.

Verzweiflung betroffener Händler steige stetig

Jochen Ruths, Präsident des Handelsverbandes Hessen, macht indes klar: „Das Aufschieben erster Öffnungen ist für den hessischen Handel keine Lösung.“ Die Verzweiflung der betroffenen Händler wachse stetig, die versprochenen Hilfen kämen nach wie vor nicht an.

Doch würden die Kosten weiterlaufen und sich aufstauen. „Hessens Handel braucht ein Signal der schrittweisen Öffnung“, so Ruths. Denkbar sei für den stationären Einzelhandel beispielsweise anfangs das Arbeiten mit Terminen und Zugangsbeschränkungen.

Mit Schnelltests, medizinischen Masken und der Erfassung von Kontaktdaten könne das Infektionsrisiko in allen Branchen signifikant gesenkt werden. Während Abstände gewahrt blieben, könnte der Wirtschaftskreislauf stabilisiert werden.

Gerald Kink, Präsident des DEHOGA Hessen, sagte mit Blick auf das Gastgewerbe: „Hessen hat mit einer unterschiedslosen Wiedereröffnung nach dem ersten Lockdown gute Erfahrungen gemacht.“

Der Anteil des Gastgewerbes an den mess- und rückverfolgbaren Infektionsraten sei über Monate weit unter zwei Prozent geblieben. Das beweise laut Kink, dass sich sowohl Gastgeber als auch Gäste umsichtig und besonnen verhielten. „Das Gastgewerbe kann Schutzkonzepte innerhalb kurzer Zeit professionell umsetzen. Zudem haben viele Betriebe in neue Belüftungssysteme und Luftfilter investiert oder arbeiten mit CO2-Ampeln.“

Von Andreas Schmidt

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