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Marburg „Wir sind vorbereitet, wie man es nur kann“
Marburg „Wir sind vorbereitet, wie man es nur kann“
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08:53 25.08.2021
Katrin Göring-Eckardt (Grüne) stellte sich am Ufercafé Gischler den Fragen des Publikums.
Katrin Göring-Eckardt (Grüne) stellte sich am Ufercafé Gischler den Fragen des Publikums. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Die Grünen haben sich was vorgenommen. Nach der Bundestagswahl hoffen sie auf eine Regierungsbeteiligung, bestenfalls aus dem Kanzlerinnenamt heraus, machte Katrin Göring-Eckardt, Co-Fraktionsvorsitzende der Bundestagsfraktion von Bündnis 90 / Die Grünen am Montagabend bei ihrem Besuch in Marburg deutlich.

Auf Einladung der hiesigen Grünen-Direktkandidatin Stephanie Theiss stellte sie sich am Ufercafé Gischler den Fragen möglicher Wählerinnen und Wähler. Mehr als 120 Menschen verfolgten durchgängig die Fragenrunden, mehrere Dutzend Passanten blieben für einige Zeit dabei. Theiss schwor ihre Wählerschaft schon einmal ein, dass es in den nächsten Jahren um „Solidarität“ und „Zusammenhalt“ geht, wenn man Bahnbrechendes in Sachen Klimaschutz erreichen will.

Göring-Eckardt legte dar, dass Fortschritte nur über die Freiwilligkeit der Menschen zu erzielen sind, wenn etwas nachhaltig wirken solle. Alle Menschen müssten gleichermaßen erkennen, was die Ziele auch für sie an Vorteilen bringt, beruflich wie auch privat.

Darüber hinaus, das räumte die Bundestagsabgeordnete ein, müsse man auch bereit sein, für einen effektiven Klimaschutz Veränderungen im Alltag zu akzeptieren und zu unterstützen. „Die Auswirkungen der Klimakrise, das sehen wir jetzt beinahe täglich, machen nirgendwo halt. Auch wir hier in Deutschland sind immer öfter und schlimmer betroffen.“

Einen Wald für eine Autobahn roden? „Falsches Signal“

Der Klimawandel werde schneller als gedacht für viele Menschen auf der ganzen Welt zu einer Existenzfrage. Deshalb müsse die Politik jetzt mit richtigen und schnell umsetzbaren Konzepten und nicht nur mit Entscheidungen, die erst irgendwann in der Zukunft greifen sollen, gegensteuern.

„Wir Grünen sind so vorbereitet, wie man es nur kann. Das heißt nicht, dass wir vielleicht auch Fehler machen, aber wenn diese passieren, werden sie offen angesprochen. Sicher wird kein Fehler so groß sein, dass er das überschattet, was wir wollen, nämlich uns den Klimafragen zu stellen“, so Göring-Eckardt. Auch wenn die Grünen sich als einzige Partei sehen, die sich ernsthaft und effektiv der Klima-Problematik stellt, stellt sie auch heraus, dass es ein Team braucht, um die Ziele zu erreichen.

Und in diesem Team sollen sich möglichst viele Menschen mit ihren Anliegen wiederfinden. So würden auch immer mehr Firmen erkennen, dass sie sich neu aufstellen müssen. „Wer hätte denn geglaubt, dass die Automobilhersteller innerhalb von wenigen Jahren es sich selbst zum Ziel setzen, Verbrenner komplett aus dem Sortiment zu nehmen und künftig nur noch auf Elektroautos zu setzen?“, nannte sie ein Beispiel eines Umdenk-Prozesses. Und: Die Grünen wollen die Klimafrage direkt mit der sozialen Frage angehen. Niemand soll zurückgelassen werden.

Bei allen Ideen diesbezüglich kam Göring-Eckardt auch auf ein „unerledigtes Thema“ zu sprechen. Trotz einer ersten Regierungsbeteiligung unter SPD-Führung sei es damals nicht gelungen, dafür zu sorgen, dass weniger oder gar keine Kinder mehr in Deutschland in Armut leben müssen. „Nach wie vor ist es jedes fünfte Kind. Das darf so nicht bleiben, die Kinder müssen aus dem Hartz-IV-System raus.“

Eine weitere Frage sprach das fragwürdige Verhalten der Grünen in Hessen zum Dannenröder Forst an, einem Waldstück, das durch den Bau der A 49 zerschnitten wurde. Göring-Eckardt gab zu, dass es da unterschiedliche Sichtweisen gebe, doch generell müsse man doch Verkehrsplanungen, die Jahrzehnte alt sind, jetzt noch einmal auf ihre Zweckmäßigkeit beziehungsweise Notwendigkeit überprüfen. Für eine Autobahn einen Wald zu zerstören, passe überhaupt nicht mehr in die heutige Zeit und sei ein falsches Signal.

Weitere Fragen bezogen sich auf die Mobilität auf dem Land und die Gesundheitsvorsorge. In Sachen Gesundheitsvorsorge sei es unerlässlich, dass die Bürgerversicherung für alle komme. Zudem müsse das Gesundheitssystem so verändert werden, dass alle Menschen leichten Zugang zu Fachärzten erhalten. Die Leistungen in Krankenhäusern sollten nicht dem Profitdenken privater Besitzer untergeordnet werden. Personal müsse ausreichend vorhanden und gut bezahlt werden.

Für einen guten Austausch zwischen Land und Stadt müsse der öffentliche Nahverkehr so ausgebaut werden, dass er durch eine gute Taktung und Verzahnung zu einer verlässlichen und attraktiven Größe im Leben aller wird. Dabei sollte auch das Ticket-System nutzerfreundlich gestaltet werden.

Eine Frage aus dem Publikum zielte auf den Zusammenhalt in Europa, sprich in der EU. „Der Green Deal“ sei eine gute Grundlage und es komme nun darauf an, mehr anzutreiben statt ständig nur zu bremsen. Die Grünen verstehen sich als klare Pro-Europa-Partei. Die Menschen sollten aber auch merken, dass Brüssel nicht den Taktstock in der Hand habe. „Wenn wir hier direkt etwas tun, dann wirkt das auf Brüssel und nicht umgekehrt.“

Von Götz Schaub

25.08.2021
24.08.2021