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Marburg „Wir schrauben uns die Finger wund“
Marburg „Wir schrauben uns die Finger wund“
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11:50 27.04.2021
Friedrich Herrmann Wießner von Zweirad Wießner in Gladenbach baut in seiner Werkstatt ein E-Bike zusammen. Foto: Thorsten Richter
Friedrich Herrmann Wießner von Zweirad Wießner in Gladenbach baut in seiner Werkstatt ein E-Bike zusammen.  Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Friedrich Herrmann Wießner ist im Landkreis Marburg-Biedenkopf einer der E-Bike-Pioniere. Seit 1998 verkauft er E-Bikes. Damals sei er von Kollegen noch verlacht worden, sagt er. E-Bikes brauche kein Mensch. Seit einigen Jahren aber erlebt das batteriegestützte Fahrrad einen unglaublichen Aufschwung, der 2020 von der Corona-Pandemie noch einmal massiv beschleunigt wurde. Ausverkauft, hieß es im vergangenen Jahr oft schon im Sommer.

Die Hersteller reagieren auf den Boom. Jahr für Jahr kommen neue, stetig leistungsfähigere Modelle auf den Markt. Die große Nachfrage kann von den Händlern derzeit allerdings gar nicht immer befriedigt werden. „Bei den E-Mountainbikes wird es schon eng“, sagt Wießner. Gleiches gelte für die noch recht junge und enorm beliebte  E-Bike-Sparte der SUB’s, der sogenannten Sport-Utility-Bikes. SUB’s sind ein Mix aus Mountain- und Trekkingbike, also Fahrräder, die auch derbe Wege verkraften, aber zusätzlich mit Licht, Schutzblechen und Trägern für den Straßenverkehr komplett ausgestattet sind. „Es gibt ja hier auch so gut wie keine vernünftigen Radwege, da muss man schon öfters mal auf einen Feldweg ausweichen“, kommentiert Wießner den Erfolg dieser Fahrradgattung. 

Wießner weiß: „Die Hersteller kommen derzeit mit der Produktion nicht hinterher.“ Wer ein spezielles Fahrrad suche, der müsse Geduld haben. Oft Monate. Denn wegen der Lieferschwierigkeiten der Hersteller werden die Wartezeiten für ein neues E-Bike immer länger. Oder er muss nehmen, was gerade da ist. 

Gleiches gilt auch für Ersatzteile. „Wir schrauben uns die Finger wund“, sagt der Zweiradmeister – und spricht damit auch für seine Kollegen. Denn in der Folge des Verkaufsbooms sind auch die Fahrradwerkstätten der Händler mit Wartungsarbeiten bis zum Anschlag ausgelastet. Und das schon im April. Wenn am teuren E-Bike etwas kaputt geht oder ein Verschleißteil ersetzt werden muss, kann es Probleme geben. „Kunden müssen sich auf längere Reparaturzeiten einstellen“, sagt Wießner. „Wir können aktuell gar nicht vergleichen, wo man Ersatzteile günstig bekommt. Wir schauen, wo man überhaupt ein Teil bekommen kann.“

In der E-Bike-Abteilung des Sanitätshauses Kaphingst in Marburg ist die Situation genauso. „Ich habe schon vor Wochen 150 Bremsscheiben bestellt, ein normales Verschleißteil“, sagt Werkstattleiter Christoph Budde. Als Liefertermin wurden ihm die Monate August und September genannt. Felgen, Motoren, Bremsbeläge, Bremsscheiben, Schaltungsteile oder Ketten – für all dies gilt: Lieferschwierigkeiten. „Wir müssen Kunden vertrösten, bis das Material da ist“, sagt der Werkstattleiter. Es ist kein Problem einzelner Händler, es ist in der gesamten Branche so. Der Druck auf die Werkstätten wächst zudem durch Leasingfahrräder – ein neuer Trend. 

Der Mangel an Ersatzteilen ist für alle Seiten extrem ärgerlich. Für die Fahrradhändler, die ihre Kunden zufriedenstellen wollen, ebenso wie für die Kunden, die ihre teuren E-Bikes in Corona-Zeiten zunehmend nicht nur in ihrer Freizeit, sondern als Auto- oder Busersatz zum Pendeln nutzen. Christoph Budde beugt für 2022 vor und hat schon jetzt im Frühjahr 2021 jede Menge Ersatzteile für nächstes Jahr bestellt. Doch in diesem Jahr gilt: Man muss Geduld haben.

 Friedrich Herrmann Wießner sieht in der Sperrung des Suez-Kanals einen Grund für die aktuellen Lieferprobleme. Fahrräder und Ersatzteile steckten und stecken noch wegen der Havarie des Riesenschiffs „Ever Given“ fest. Zum anderen würden die Fahrradhersteller derzeit von der Industrie bevorzugt mit Teilen beliefert, um überhaupt produzieren können. Ersatzteile für Werkstätten stehen müssten warten.

Der E-Bike-Boom hat jedoch auch seine Schattenseiten. Die Infrastruktur hält mit der Zunahme des Radverkehrs nicht Schritt. Die Stadt Marburg etwa belegt im jüngst veröffentlichten, bundesweiten Fahrradklimatest des Allgemeinen Deutschen Fahrrad Clubs (ADFC) zwar Platz 1 unter den hessischen Kommunen von 50000 bis 100000 Einwohnern – aber das mit der Gesamtnote 3,59. Von „gut“ ist das weit entfernt. Insbesondere die geringe Breite der Radwege wird mit der Note 4,7 extrem bemängelt. In der Schule hieße das: nicht versetzt. Hinzu kommt, dass die Radwege von Autofahrern und Lieferdiensten oft zugeparkt werden und Radfahrerinnen und Radfahrer dadurch gezwungen werden, in den fließenden Verkehr auszuweichen. Das ist lebensgefährlich.

Auch die Unfallstatistik des Jahres 2020 ist im Grunde erschreckend. Zwar sank die Zahl der Todesfälle auf deutschen Straßen im Pandemiejahr 2020 stark, doch die Zahl der im Straßenverkehr getöteten E-Bike-Fahrer stieg im gleichen Zeitraum um 19,1 Prozent auf 137. „Jeder dritte Radverkehrstote ist inzwischen ein Pedelecfahrer“, zitiert die Deutsche Presseagentur den Unfallforscher Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Das sei „Wahnsinn“ angesichts des Bestands: Das Verhältnis von Fahrrädern zu Pedelecs in Deutschland sei etwa zehn zu eins. Brockmann führt dies unter anderem darauf zurück, dass vor allem ältere Fahrerinnen und Fahrer die E-Bikes oft nicht unter Kontrolle hätten.

Friedrich Herrmann Wießner sieht da auch die Verkäufer in der Pflicht, die Kundinnen und Kunden gut zu beraten und mit den Systemen vertraut zu machen und eher mal ein Fahrrad mit etwas weniger Leistung zu verkaufen.