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Marburg Marburger Arzt: "Wir hatten riesiges Glück"
Marburg Marburger Arzt: "Wir hatten riesiges Glück"
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14:00 08.06.2020
Uni-Klink-Chefarzt Dr. Andreas Jerrentrup ist Intensivmediziner und koordiniert von Marburg aus den Corona-Einsatz aller regionalen Krankenhäuser. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Die erste Corona-Welle ist vorüber, die Neu-Infektionen im Landkreis Marburg-Biedenkopf liegen seit Tagen bei praktisch null. Und am Universitätsklinikum Gießen-Marburg zieht Notfallmediziner Dr. Andreas Jerrentrup, der den Covid-19-Einsatz auch für die Krankenhäuser in Wehrda und Biedenkopf koordiniert, Bilanz. 

„Wir sind sehr gut und weit entfernt von Kapazitätsgrenzen durchgekommen“, sagt er im OP-Gespräch mit Verweis auf die bei etwa 250.000 Einwohnern aktuell 212 Corona-Infizierten; es ist die geringste Fallzahl pro Einwohner in ganz Hessen. Mit Ausnahme des Landkreises Bergstraße (0,9 Prozent) ist auch die Letalität hessenweit nirgendwo geringer als in Marburg-Biedenkopf (1,6 Prozent). Der Hessen-Durchschnitt liegt bei rund fünf Prozent. „Wir hatten riesiges Glück, denn sobald viele Ältere betroffen sind, ist die Sterblichkeit höher.“

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Ein entscheidender Faktor für die Mini-Fallzahl und Letalität: In der ganzen Region ist kein Seniorenwohnheim von dem Erreger betroffen gewesen, weshalb der gefürchtete sprunghafte Anstieg der Infizierten und vor allem möglicher Intensiv- und somit Beatmungspatienten ausgeblieben sei. Anders als etwa im Odenwald- oder Schwalm-Eder-Kreis. „Es ist regional viel Glück oder Pech dabei. Wenn erstmal ein Altenheim betroffen ist, kann man auf medizinischer Seite kaum noch richtig reagieren“, sagt der Chefarzt.

So oder so: Sowohl aus den stationär auf den Lahnbergen aufgenommenen Patienten wie auch den zu Hause in Quarantäne gebliebenen Infizierten lernten die Marburger Mediziner viel über Symptome, Krankheitsverläufe und Behandlungsmethoden. Ergebnis: „Viel mehr noch als Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht, ist das Alter der wesentliche Faktor dafür, wie schwer die Erkrankung und ihr Verlauf werden kann“, sagt er.

Die Ergebnisse in Mittelhessen decken sich mit denen aus anderen Regionen: Ab einem Alter von über 60 Jahren, speziell ab Ü-70 ist die Gefahr, auf der Intensivstation zu landen, erheblich größer. Wie sehr das Alter durchschlägt, sieht man eben im Vergleich zur Grippe: Bei der Krankheit gebe es durchaus bei Jüngeren, vor allem bei Schwangeren immer wieder schwere Verläufe. Bei Covid gebe es das praktisch gar nicht. Der Risikofaktor Alter sei bei Corona in der höchsten Altersgruppe fast elfmal so hoch wie der Faktor Vorerkrankung. Zwar gibt es den internen Klinik-Daten zufolge unter Jüngeren, bis zur Generation der Mittfünfziger prozentual gesehen mehr Infektionen als bei Alten.

Testen und Kontaktpersonen-Tracking

Aber bei der Schwere der Symptome sieht es anders aus: Intensivmedizinisch behandelt und somit beatmet werden mussten fast ausschließlich Menschen ab 60, eher ab 70. Erste Erkenntnisse über Folgeschäden? „Die meisten erholen sich gut, manche aber sehr langsam.“ Angesichts des hohen Alters und der manchmal langen Intensiv-Behandlung sei das aber auch nicht ungewöhnlich. In der Region – also auf den Lahnbergen, am Diakoniekrankenhaus Wehrda und in Biedenkopf – gibt es für die erste Pandemiestufe 17 entsprechend ausgerüstete Intensivbetten, es waren aber nie alle belegt. Bei rund 40 Prozent lag die Maximalauslastung der Covid-19-Intensivstationen in den Einrichtungen. Aktuell wird ein Patient beatmet.

Maximal seien zeitgleich 16 Corona-Patienten stationär behandelt worden, darunter aber viele auf Normalstation (Umfang: 94 Betten in der ersten Pandemiestufe). Falls die Patientenzahlen deutlicher gestiegen wären, hätte man kurzfristig mit der Beteiligung aller, auch der Reha-Kliniken noch wesentlich mehr Betten schaffen können.

Erste Erkenntnisse über Folgeschäden? „Die meisten erholen sich gut, manche aber sehr langsam.“ Angesichts des hohen Alters und der manchmal langen intensivmedizinischen Behandlung sei das aber auch nicht ungewöhnlich.

Die UKGM-Daten zeigen: Die Kurve flachte schon kurz nach dem Ausbruch ab, seit Ende April/Anfang Mai nähert sie sich immer weiter der Null-Fall-Linie. Von der festgesetzten regionalen Lockdown-Grenze – 50 Neu-Infektionen pro 100.000 Menschen binnen einer Woche – ist man im Landkreis weit entfernt, man war zu keinem Zeitpunkt auch nur in der Nähe dieser Marke. Der Maximalwert lag Ende März bei 26. „Die Kurve ist mega-früh abgeflacht“, sagt Jerrentrup.

Was sich anhand der Tests zeige: 11 Tage nach einem Positiv-Test landen diejenigen, die kritisch erkranken, im Krankenhaus. „Wenn draußen ausreichend getestet wird, gibt uns das intern guten Vorlauf.“ Die von vielen geforderten Massentests brauche es „nicht unbedingt“. Das sei nur nötig, wenn bei der Zahl der Getesteten die Positivbefunde merklich ansteigen. Da das ausbleibt, die Quote der Positivtestungen recht konstant liege, gehe man seitens der Mediziner davon aus, dass „aus der Grundgesamtheit genug getestet wird und wir einen vernünftigen Überblick haben“.

Für den Chefarzt ist der Testzeitpunkt ein Hauptgrund für die deutschlandweit geringen Fallzahlen: Ab Mitte Februar sei auch in und um Marburg getestet worden und man habe so nicht nur im Landkreis Heinsberg oder bei der bayerischen Firma Webasto „die Positivfälle früh gesehen und entsprechende Maßnahmen ergriffen“; nicht erst als die Infizierten schon in Notaufnahmen oder eben in Altenheimen lagen.

So habe man 14 Tage nach Testbeginn im Landkreis den ersten Infektionsfall gehabt und sofort die Kontaktpersonen isoliert. Neben der Tatsache, dass Altenheime von der Pandemie verschont wurden, ist laut Jerrentrup vor allem diese Tracking-Arbeit des Gesundheitsamts für die gute Entwicklung verantwortlich: Schnell fanden die Behördenmitarbeiter die Kontaktpersonen von Infizierten, isolierten sie, schlug das punktgenaue Testsystem (im Testzentrum waren es zuletzt mehr als 1.500) an.

Arzt: Grippe-Vergleich ist unpassend

Wie auch die Grippe, flacht Covid-19 im Frühjahr demnach deutlich ab. Aber: „Der saisonale Effekt wirkt ähnlich, ist es aber nicht. Die Influenza ist Ende März im Gegensatz zu Corona schlagartig weg. Was wahrscheinlich der entscheidende Faktor ist: Covid-19 übertragt sich draußen deutlich schlechter, und solange sich viele draußen aufhalten, ist das Ansteckungsrisiko relativ gering.“ Gerade durch das „von der Bevölkerung gut eingeübte Tragen“ von Mund-Nasen-Schutz in Innenräumen, speziell Geschäften, hält Jerrentrup die Gefahr einer zweiten Corona-Welle im Herbst für eine, „durch die man relativ gut durchkommen kann“.

Dass es in dem Moment, wo alleine schon witterungsbedingt wieder mehr in Gebäuden stattfinden muss, wieder zu deutlich mehr Infektionen komme, sei „logisch“. Kindergärten und Schulen könnten, so schätzt Jerrentrup – selbst Vater – unter grundlegender Hygiene-Beachtung wie vor allem Händewaschen und regelmäßigen Tests auch voll geöffnet, bei Infektionen nur punktuell, also klassenweise wieder geschlossen werden. Kritisch werde es ab Herbst wohl nur, wenn zeitgleich zur Covid- eine große Influenza-Welle á la 2016/2017 rollt. „Wir sind auf einem guten Weg.“

Neben wirksamen Therapie-Arzneien einen Impfstoff zu haben, hält er angesichts des aktuellen Entwicklungs-Eiltempos Anfang 2021 für „realistisch“. Schutzausrüstung zu bekommen sei indes „kein Problem mehr“, nur Kittel und die aber ohnehin eher selten nötigen FFP3-Masken seien weiterhin kaum zu bekommen.

von Björn Wisker

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